KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1914-1915
- Issue
- Heft 5 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 408 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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408 andern Staaten so weit vorgeschrittene Sozialgesetzgebung ist ein weithin leuchtender Beweis, daß sie im Verein mit den Vertretern unseres Volkes ihre Zeit und deren soziale Not erfaßt hatte. Man lese die Thronrede unseres Kaisers vom 25. Juni 1888. Anknüpfend an die „Botschaft" seines Großvaters wollte er als Herrscher „der Ausgleichungungesunder gesellschaftlicher Gegensätze näherzukommen" trachten und rief darum „zur Psiege unserer inneren Wohlfahrt die einhellige Unterstützung aller treuen Anhänger des Reiches und der verbündeten Regierungen" aus „ohne Trennung nach gesonderter Parteistellung". Was er damals versprochen, gelang ihm, wenigstens in jener gesunden Wirtschaftspolitik durchzuführen, deren Segnungen und unerschütterliche Kraft wir eben jetzt, in diesem Kriege, genießen dürfen. Welch ein klares Zeichen der im Deutschen lebendig wirkenden sozialen Kultur sind nicht ferner die Beweise einer von keinem andern Volk auch nur annähernd erreichten und fast auf allen Gebieten des öffentlichen und des privaten Lebens heute mehr denn je durchgeführten „Organisation". Und als deren glänzendste Leistung bewundern wir unfern, von den offenen und versteckten Feinden des Vaterlandes so viel geschmähten, jetzt in vollem Glanze sich bewährenden Militarismus. Wir stehen heute vor der Frage, ob diesem großen, heroischen Streben, das" aus unserer sozialen Kraft sich hervorringt, ein Sieg gelingen wird. Nicht der äußere Sieg mit den Waffen. Auf den rechnen wir sicher. Um den handelt es sich hier auch nicht. Wird es einen Sieg geben innerer und innerster Art, der unsere Zeit zur entscheidenden macht? Wird der Größe der Opfer, die gebracht werden, der Leiden, die wir tragen, die Größe des Triumphes entsprechen? Ja! — Wenn alles vereint kämpft, wenn ein Strom alle Strömungen in sich aufnimmt, wenn echte soziale Kultur, die in den Zeiten des Krieges so hoch aufblühte, auch im Frieden mit voller Energie sestgehalten wird! Was aber ist die wahrhaft soziale Kultür? Man wird zurückgreifen müssen auf jenen großen Führer der Menschheit, der ein neues Zeitalter anheben ließ, weil ihm die politische, die wirtschaftliche, die soziale Not der Seinen in der Seele brannte. Moses begehrte die Erlösung seines gequälten Volkes und schaute darum aus nach der Lösung jenes tiefen Menschheitsproblems, der sozialen Frage. Auf sein Werk und die von denselben Grundtönen getragene soziale Predigt der Propheten wird man sich besinnen müffen. Den absoluten Wahrheitsmut dieser Männer, die den Schleier einer scheinbaren Harmonie zerreißen, die den Gegensatz zwischen dem, was ist, sein muß, und dem, was sein sollte, offen Herausstellen, die den Schreckniffen unseres Daseins klar ins Auge sehen, wird man sich zu eigen machen müffen. Aber auch ihren Glauben an die Macht des Guten. Sie setzen die Propheten als unbedingtdenn sie „erleben" sie im Innersten des Bewußtseins. So fühlen sie sich frei gegenüber dem Zwang der Natur. Sie erfassen hier mit elementarer Gewalt ihr „Ich", dem als unausweichliche Folge das „Du" des andern Menschen gegenübersteht. Der Begriff des „Nächsten" wird geprägt. Das Wort (s. Hl. M. 19,18) wird gemünzt: „Du sollst Deinen Nächsten lieben!" Das bedeutet im tiefsten Sinne: Du sollst eins sein wollen mit ihm; „als Deinesgleichen", wie es dann weiter richtig heißt oder vielmehr wiederzugeben ist. — Ja, man wird mancherlei lernen müssen. Es gilt, sich erst frei und unabhängig zu fühlen vom mechanisierenden Zwang der Natur, darum auch die unpersönlichen Gewalten wirtschaftlicher und technischer Kräfte zu beherrschen, ohne sich mehr von ihnen beherrschen zu lassen, und, wie Kant es will, in dieser „Freiheit und Unabhängigkeit" „Persönlichkeitsbewußtsein" zu erfassen, um in ihm das eigentliche Wesen des Menschen zu erkennen und zu werten. Dann wird man auch die daraus resultierende Verbindung der Individuen zur sozialen Gemeinschaft erleben, die in vereinten Kräften ureigenen Menschenwesens den Kampf mit den Schwierigkeiten des Daseins aufnimmt und sich dabei getragen fühlt von der Helfermacht des Guten, die wiederum selbst als das absolute „Ich" diesem „Du" der Menschheit gegenübersteht. „Ich — der Ewige!" schließt der erwähnte Spruch. In diesem Beisatz ist der Gott gegeben, der aus dem gleichen, zur Höhe führenden Wege als Persönlichkeit, nein — als „die Persönlichkeit" erlebt wird. So wird die soziale Kultur zur Wahrheit werden, die über die Vergänglichkeit sich erhebt, weil sie ihre metaphysische Begründung hat, die, weil sie aus der Ewigkeit stammt, die echte ist. tat aber die jüdische Gemeinschaft, durch solche ulturwerte gewappnet, im Sturmeswind ihrer tausendfältigen Nöte und Gefahren sich aufrecht erhallen, dann wird in gleicher Weise das deutsche Volk, gleichfalls umbrandet von einem Meer von Feinden, sich und seine Kultur durchsetzen können zum Segen der Menschheit. Moritz Lazarus hat 1850 nach der schweren Zeit, die gerade voraufgegangen war, eine Schrift erscheinen lassen mit dem Titel „Die sittliche Berechtigung Preußens in Deutschland". Die Schrift, ihr Titel und ihr Inhalt haben ihre Wahrheit erwiesen in den großen Jahren der Einigung von 1870/71. Möge heute und morgen, an und nach diesem Wendepunkt der Geschichte, sich „die sittliche Berechtigung Deutschlands in der Welt" erweisen: durch seine echte soziale Kultur!