KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1914-1915
- Issue
- Heft 5 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 406 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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406 heit" fixiert und rationalisiert worden — die Völker müssen den Weg durch ihre reale Nationalität erst noch hindurchgehen, den Mythos des Judentums aber müssen sie real leben auf dem Wege zu einer Gotteswelt, die mehr ist als bloßer Gedanke. Selbst ohne eigene, das Dasein in sich beschließende Nation bildet ihnen das Judentum — eine Wolken- und Feuersäule — diesen Weg vor: es machte und macht vielleicht „Versuche", aber sie sind nicht wesensnotwendig für seine Sendung. Seltsam! Ost scheint es sich ihnen zu entfremden, wo sie ihm am nächsten sind! Als es selbst noch reale Nation war, da entbrannte sein stärkstes Feuer: der Prophetismus, und er flammte mit der Unbedingtheit seiner Gottessorderung über die Völker hin als Weltreligion: gegen die in die Sinnenwelt verstrickte Volksreligion kämpfte er wie gegen das starre Gesetz — im Auflösen schuf er den neuen, größer« Mythos des inner« Volkes. Das war Erneuerung aus einem Gottesganzen: brauchen wir nun heute den Mythos nur einfach zu verengen, damit abermals ein Neues werde? Oder wirken wir vielleicht schon in einem großen Lebendigen mitteninne, in welchem die Tat sich vorbereitet, in welchem wiederum das Gesetz sich erfüllen soll? Es mag sein, daß — politisch gesprochen — der jüdischen Kolonisation in Palästina eine große Zukunftsaufgabe von Europa zuerteilt werden wird: das kann niemand apodiUisch behaupten, aber auch niemand bestreiten. Aber das wird nicht die Vollendung dieses mythischen Vvlksgeistes sein. Eine Tatsache ist vielmehr, wie Paquet es ausdrückt, „daß ein Volk gleichsam zur Funktion des Wartens der ganzen Menschheit auf eine Geistesoffenbarung, die noch bevorsteht, geworden ist und sich als ein Volk mit so eigener Ausgabe im Ringen um sein Schicksal betrachtet". Ein Volk, dessen Sein und dessen Vollendung wir als einen lebendigen Mythos bezeichnet haben, lebt mit realen Völkern und Nationen. Es kann scheinen, als ob in dieser Zeit der wieder betonten Nationalität diesem Volke gerade seine „Fremdheit" intensiver zum Bewußtsein kommen müsse und ihr Vorwurf durchaus berechtigt wäre. Dies kann aber nur dann der Fall sein, wenn man mit Nation eine reale Enge, ein völliges Sich-Abschließen und Ausschließen' bezeichnet, eine Auffassung, welche zu der Konsequenz unserer Tage führt: zum nationalen Imperialismus, der sich mit allen üblen Zeichen der Pleonexie geltend macht. Das haben nun unsere Alldeutschen letzten Endes den Engländern nachgemacht (Max Scheler hat dies vortrefflich ans Licht gestellt) — und manche zionistische Kreise machten es bisher nicht besser — mag auch hier vielleicht das Wort „Imperialismus" kaum am Platze sein. Wenn behauptet wird, daß der moderne Nationalismus die innere Selbständigkeit eines lebendigen, nicht rationalen Ganze«, erstrebt, und daß gerade seine Tendenz auf eine neue Menschheit Hinziele, so werden wir damit schwerlich den Beifall extremer Begriffsnationalisten gewinnen.*) In einer so gearteten nationalen Wirklichkeit aber muß der Jude seinen archimedischen Punkt finden können: nicht in einer Enge, sondern in einer innerir Weite, nicht in einer bloß äußerlich extensiven Jnternationalität, sondern in einer intensiven Nationalität. Das aber ist not: daß auch kein Schein von Internationalismus, von intellektueller Vaterlandslosigkeit mehr an dem Juden hafte, der heute sich auf. sich selbst besinnt und in dieser Weltkatastrophe sür sein inneres Volkstum und für seine kosmische Sehnsucht unmittelbar im Erleben einen Platz gewinnt. Der Jude erlebt in der Tat die nationale Ganzheit, ihm selber ein Mythos, ein Weg seiner Sehnsucht, mit: er wird gerade die Nation, das Sein gerade desjenigen Volkes als sein Eigen erleben, dessen Wesen mit dem seinen irgendwie schicksalsmäßig verknüpft ist, dessen höchstes Zielstreben dem seinen machtvoll entgegenkommtdas aber muß eine Nationalität sein, deren Tat nicht in dinglicher Umgrenzung und formaler Einengung erstarrt, sondern die ausgezeichnet ist durch ihre Ausweitung in einem großen, „kosmischen" Sinne. Ja, dem Suchen des jüdischen Geistes nach der höchsten, der unbedingten personalen Ganzheit muß eine solche wirkliche Nation einen Weg bereiten können in sich selbst: eine im reinsten Verstände religiöse Doppelkraft muß das mythische Volk und das reale Volk zu einem neuen Bunde zusammenschließenwir Juden, die wir Deutsche sind, wollen bekennen: aus dem Herzen des Deutschtums rauscht uns heute ein voller Strom entgegen, der uns und die verjüngte Welt der Zukunft Gottes entgegentragen soll! Und damit nicht hier ein realistisches Wähnen sich einschleiche, sei es in unbedingter Form ausgesprochen: wir hegen keine realen „Erwartungen" einer „Vereinigung", eines „Paktes" — denn aller Verträge sind wir müde — nein: mit einer unsagbar sichern Gewißheit sind wir erfüllt, daß hier Einung war und ist und sein wird, und daß, wenn wir sie in ihrer schöpferischen Tiefe begreifen, von heute und hier eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte ausgehen muß. — Nicht fragen wir mehr: wird uns das deutsche Vaterland zurückweisen? - wir dürfen fragen, kann *) Der lebendige Nationalismus unserer Tage darf und wird gewiß nicht an einer chinesischen Mauer haltmachen. Ist er aber in Wahrheit Jnnewerden eines aktiven Ganzen, einer innern Personalität des Volkes, so kann er weder in einem vertragsmäßigen Internationalismus, noch in einem ideologischen Kosmopolitismus mit einer fragwürdig-allgemeinen „Menschenliebe enden.