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KC-Blätter · 1915-05-01 · Heft 5 (Mai 1915) · p. Seite 405

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Journal
KC-Blätter
Volume
1914-1915
Issue
Heft 5 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 405 (sequence 23)
Language
German
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405 lichen Darstellung: er gibt die eigentliche schöpferische Bindung nicht wieder, nicht jenes Sichumfassen und Durchdringen — ebenjenes Ganzsein des Erlebens: es ist kein Aufstieg und kein Abfall: erlebt wird ein einziger schöpferischer Gestus, welcher alle Wirklichkeit an ihren Platz stellt. — Wir haben hier ganz und gar nicht von irgendwelchen politischen Beziehungen der Nation gesprochen: um eine rein geistige Qualität handelt es sich, aber um eine solche, welche die notwendige Vorbedingung zu jeder Art von Nationalstaat ist. Und nun ist zu fragen, was denn für das jüdische Volk eine nationale Ganzheit bedeute. Faßt man den Begriff „Nation" so weit, wie es Gustav Landauer tut, wenn er sagt: „Nation sein, heißt ein Amt haben" — dann kann man diese Frage für das Judentum getrost bejahen. Aber diese Antwort ist uns notwendig heute zu allgemein. Zielen wir nun auf „Nation" als irdische Vollendung des jüdischen Volkes ab, so muß zuerst klar sein, wie dieses besondere Volk auf eine solche überhaupt eingestellt worden ist. Mag die Art einer Weltstruktur sein, welche sie wolle: es muß auch in einer Welt, deren personale Wertträger „Familie" und „Kosmos" sind, doch die Ganzheit „Volk und Nation" irgendwie wirkend da sein. Es fragt sich aber, ob diese Ganzheiten in der Gemeinschaft, welche mit der Patriarchie anhebt und in einer Hierarchie („Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk!") gipfelt, nicht eine Eigenart aufweisen müssen, welche anderen Völkern durchaus fehlt. Die Juden sind ein „inneres Volk"/ mit dem Namen „Volk Gottes" haben sie sich selbst unter das Zeichen der absoluten Personalität gestellt: Gott dem Volke heilig und durch es geheiligt — eine innigere „erstrebende" Bindung mit diesem absoluten Selbst gibt es nicht. Ich weiß nicht, ob ich völlig richtig deute, wenn ich Bubers Aeußerungen über die Erneuerung des Volkes in jedem einzelnen darauf beziehe, daß mit irgendwelcher äußerer „Realität" das jüdische Volk-Sein, dieses Geistige, nicht umschrieben ist. Das vollkommene Innen der jüdischen Volksgemeinschaft hat Buber in seiner ersten der drei Reden über das Judentum gekennzeichnet. Als Wirklichkeit, als Realität erlebt der Jude seinen Stamm. Als unbedingtes Ziel aber Gott: es war ein tiefer Blick, mit dem Paul de Lagarde den Gottesnamen als „Ziel" erfaßte". Nur eine reale Gemeinschaft ist dem Juden auferlegt und geboten: aber es ist die Gemeinschaft des Gebetes. Tiefer als andere Völker vielleicht (wobei nicht an eine bloß naturale Beziehung gedacht wird!) ist das jüdische Wesen „von Gott aus" hinab- und hineingetrieben in die Urganzheit der Familie, zugleich aber, als habe es die rückkehrende Wucht eines ungeheuren Pendels, tiefer und restloser eingezogen, eingesaugt in die kosmische Ganzheit Gott und Gotteswelt. Der ewige Weg,, das ewige Dazwischen wird Überschwüngen. Wohl ist Stufe, Abschnitt, Halteort da, wohl auch Rast: aber ist das alles — mag es in der Vergangenheit gewesen sein, oder in Zukunft in der einen oder andern Form sich wiederholen — wesentlich, festigend, abschließend? Es sei versucht, im Bilde zu sägen, was ich meine: zwei glühende Pole hat das Weltschicksal des Juden: den Ausgang, den Stamm, die Familie, den Eingang: die Gotteswelt. Inmitten aber liegt ein zersprühender Nebel des Lichts, inmitten liegt keine Dinglichkeit/ durchwebendes Leben im Innern ist hier ,^8olk" — aber nicht ruhendes Sein Kein Name umschreibt völlig dieses Volkswesen/ weder naturhaftes Phylon (yvkov), noch staatlich-vernunsthaster Demos {öfj/Lios), noch zusammengewöhntes Ethnos (ethog). Eigenes Wesen ist hier dies: inneres Volk, Volk der Idee, des Geistes, der Berufung, der Verheißung, der Mission — oder wie man dieses Ganze, dieses lebendige Zusammen sonst genannt haben mag. Es ist da, dieses Volk, aber es ist kein reales, kein dingliches Volk. Aber es ist da, es wirkt, aber es wird hindurchcrlebt. Mythos, immer wieder erneuter Mythos ist sein Sein, Mythos ist und bleibt seine irdische Vollendung — die Nation. Buber hat mit Recht gesagt: Das Judentum hat nie ausgehört, den Mythos hervorzübringen. Ein Mythos des Volkes ist geworden, des geheiligten Volkes, des gelobten Landes, der sich vollendenden Menschheitsperson, — der Menschheit vorgelebter Mythos, aber keine Realität, in jetzt, hier, so, umgrenzenden Formen von Raum und Zeit: gewaltiger und europäischer Mythos die Palästinasehnsucht, dieses: „Du bist Orplid, mein Land, das ferne leuchtet!" — Ich glaube, daß ich mich jetzt weit genug von aller Intellektualisierung und Politisierung der Aussage „jüdisches Volk" entfernt habe. Ich glaube, daß alle vergangenen und künftigen „realen" Versuche dieses Volkswesen nicht restlos umgreifen werden/ wir vermögen über solche Empirie nichts auszusagen. Da kann gewünscht und gehofft, an erfahrungsmäßigen Bedingungen wohl auch gestaltet werden: den schöpferischen Kern — aus welchem diese Wünsche und Hoffnungen stießen mögen — trifft das alles nicht. Das Judentum ist keine rationalistische Idee, es ist nicht eine intellektuell internationale Gemeinschaft. Es ist eine irreale Wirklichkeit/ würde es zum nationalen „Ding" werden, so würde es eben im gleichen Augenblick die reale Wirklichkeit der Nationalität aufheben müffen. Dies scheint uns der Weg der neuen Menschheit zu sein/ zu frühzeitig ist eine „Idee der Mensch-

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