KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1914-1915
- Issue
- Heft 5 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 404 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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404 wird, wie immer an den großen Wendepunkten unserer Geschichte. Nun aber haben wir Einsicht zu suchen in das Ganzheitswesen, aus welchem diese Erneuerung fließen soll. Der Zionismus bietet uns die Antwort: aus seinem Nationalitätsbewußtsein heraus erneuere sich der jüdische Geist! Wollten wir nun daraus antworten: wo ist diese Nationalität verwirklicht? — so wäre diese Antwort allzu billig und widerlegte nichts, fragte höchstens weiter nach einem Vaterlande und bliebe leer vor etwas, das ganz nur Bewußtsein und Zukunstsglaube und Antrieb sein möchte. Ganz anders dagegen liegt die Sache, sobald wir nach der wesensmäßigen Grundlage dieses NationaliLätsbewußtseins fragen. Wenn in her Tat und in Wahrheit „Nation" den vollen Sinn jüdischen Ganzheitserlebens wiedergibt, so werde sie unbedingt bejaht — oder vielmehr: ohne irgendwelches Zutun der Reflexion — sie bejaht sich von selbst. Uns scheint nun aber, als tue sie das in einem bestimmten Sinne gerade nicht! Wir bezeichnen als für die Sphäre unserer Betrachtung bedeutungsvolle (personale) Ganzheiten diese: Familie, Volk und Nation, Gott. Sie sind uns evidente Wirklichkeiten, sie sind keine bloßen Begriffe, sie sind von uns nicht ausscheidend erkannt, abstrahiert, unter allgemeiner gleichmäßiger Regel faßbar, sondern erlebt) sie sind in jedem Falle ihrer Verwirklichung, ihres Daseins im rationalen Bewußtsein des einzelnen, echtes „prmcipium", ein Änheben geistigen Lebens, durch besonderes Erleben erfaßt. Wir sagen, sie sind Sachen der „Weltstruktur". Ganz unbezweifelbar sind nun Familie und Gott wesentliche Zentren, um welche das Erleben des Juden kreist) sie sind für ihn objektive persönliche Wertträger, der höchste, der unbedingte, der heilige aber ist Gott, und von ihm aus erhält wieder die personale Ganzheit Famllie ihren besonder» Charakter: sie wird vollkommen aus dem Naturhasten herausgehoben, sie wird geheiligt, in ihr beginnt für den Juden aller Gottesdienst, alle Weihe — und in ihr hebt an, was sich als eine Gotteswelt, als eine Menschheit Gottes in seiner Zukunstshoffnung vollendet. Die Famllie —' ohne jeden Gedanken an ihre biologische Bedeutung — ist gleichsam der eine Punkt, zu welchem der Jude stets zurückkehrt, von welchem er stets wieder zu dem anderen Punkt seines Daseins auszieht: zu Gott. Und so ist die jüdische Familie, fast noch mehr als bei andern Völkern, für den Juden ein Halt geworden, im guten und im schlimmen Sinne, stützend und hemmend, Tradition behütend und eine Quelle der vornehmsten Tugend, der Ehrfurcht der wahren Pietät, welche nichts ist als die Liebe des blühenden Baumes zu seiner Wurzel) aber auch an Tradittonen unfruchtbar angeklammert und in dumpfen Stuben verengt und veraltet. So ist manches Mal für den Juden die Trennung von der Familie der Weg zur Gottesfreiheit, viel öfter doch der Weg, der ihn von Gott auf ewig schied, geworden. Gott geweiht ist dem Juden die Famllie — aber sie ist nicht Gott: der Jude treibt keinen Ahnenkultus. Für ihn ist weder das Volk nur eine große Familie — zuletzt ist doch aller Ahnenmltus etwas Naturhaftes — noch ist der einzelne Ahne einfach „gottarttges" Wesen. Eine solche mikroskopische Gottesvorstellung liegt dem Juden durchaus fern. Aber ebenso unmöglich wäre es für ihn auch, gerade die Famllie aufzulösen in dingliche Beziehungen, in fragwürdige vertragsmäßige Abhängigkeiten eines bloßen Rechtstitels. Wir erleben heute mit ttefem Schrecken, daß solches in der Welt überhaupt möglich ist: aber wir wissen — und es möge an dieser Stelle freudig zusammen bekannt werden —, daß bei zwei Menschenarten die Zersetzung nicht die lebendige Quelle vergiften wird: bei den Juden und bei den Deutschen! Wie aber steht es mit der umfassenderen Ganzheit von Volk und Natton? „Volk" bedeute nun hier zunächst Gemeinschaft in - irgendeinem Sinne, von gemeinsamen Merkmalen und gemeinsamer Sprache angefangen bis zum höchsten Gemeinsamen: zu Gott: wir können, um eben ein Gemeinsames überhaupt zu bezeichnen, von einem jüdischen Volke sprechen. Vermag dieses Volk Natton zu sein, oder ist der Sinn seiner Ganzheit ein noch anders gearteter? Nation ist die irdische Vollendung eines Volkes. Diese Vollendung kann das Wesen des Volkes sestlegen und schließlich in Raumgrenzen zur Erstarrung bringen. Sie kann aber auch seine zerstreuten Kräfte zu lebendiger Einheit binden und so erst zu voller Entfaltung reifen lassen: gerade diese Art von Natton ist gemeint, wenn unser heuttges Denken die Wirklichkeit nationaler Ganzheit begreift, wenn wir eine „nationale Persönlichkeit" erleben in ihrer Größe und Wucht, wie wir Deutschen in diesen Tagen. An ihr aber gewahren wir zugleich, daß sie, ein Quell der Erneuerung, noch nicht die letzte Ganzheitssphäre bedeutet) an dem religiösen Charakter, an dem metaphysischen Wesen iyres Seins, wird der Weg zu Gott aus ihr und durch sie hindurch offenbar: der Weg zur „kosmischen Ganzheit". Aus solchem nattonalen Erleben erhält der alte Kosmopolitismus einen neuen Sinn. Er verwirklicht sich unausgesetzt aus aller völkischnationalen Ganzheit: zu deiner Vertragswelt, zu keiner äußerlichen Bindung — zu einer Gotteswelt schließen sich Nationen mit Nattonen zusammen. Dieser Aufftteg von Familie zu Natton, von Station zu Kosmos leidet an dem Fehler jeder begriff-