Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1915-05-01 · Heft 5 (Mai 1915) · p. Seite 388

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1914-1915
Issue
Heft 5 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 388 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2268830-2268887-2268893--1430-3523044
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

388 schon seit Monaten Triumphe feiernde Schnitter Tod gewesen ist. Gar oft schon hatte er um ihn gebuhlt, und erst jüngst war er mal nahe daran, auch ihn mit seinen tausendfältigen Fangarmen zu umstricken, aber doch war es ihm auch da nicht geglückt. Mit einer Kaltblütigkeit, die selbst bei einem so lange schon im Felde stehenden „alten, rauhen" Krieger bewundernswert erscheint, schilderte mir der liebe Verstorbene diesen gefahrvollen und größten Augenblick seines ganzen Lebens. Wie oie feindlichen Granaten Dach und Mauern der Hütte zertrümmert und durchlöchert hätten, in der er nur gemeinsam mit noch einem jungen Kollegen den armen Verwundeten die ersehnte, willkommene Hilfe brachte, wie durch die herumfliegenden Splitter den bereits Verbundenen immer und immer wieder neue Wunden gesetzt worden wären, da habe er sich nicht anders zu Helsen gewußt, als die weiße Fahne zu hissen, um auf die Weise wenigstens die Rettung seiner Schutzbefohlenen vordem sinnlosen Feuer des anstürmenden Feindes zu erreichen. Dabei hellte aus seinen Worten eine Uneigennützigkeit, eine Ruhe und eine Standhaftigkeit,'die mustergültig warendaneben aber brachten Mitempfinden und Teilnahme an dem Los der Verwundeten seine große Herzensgüte prächtig zum Ausdruck. Wie durch ein Wunder wurden alle damals vor den Schrecknissen der Gefangennahme bewahrt. „Die alte ,Sau^ hat mich selbst da nicht verlassen, sie wird es auch hoffentlich in Zukunft nicht tun". So ungefähr schrieb er in ruhiger Erwartung der kommenden Dinge, die ihm so verhängnisvoll geworden sind. Oft genug hat er seit Kriegsbeginn den Tod gewärtigen müssen, oft genug unter Hintanstellung seines eigenen Lebens das anderer gerettet, bis ihn nun selbst das traurige Geschick ereilt hat. Voll flammender Begeisterung, voll stürmender Zuversicht, voll freudiger Erregung, daß es nun endlich losginge, war auch Fritz Jacobsohn ins Feld gezogen. Um die Mittagsstunde des ersten Mobilmachungstaaes habe ich ihn noch selbst in Freiburg zur Bahn gebracht. Zuerst hatte er eine Arbeiterkompagnie im Elsaß zu „verarzten". Als diese aufgelöst wurde, kam er zu einem neugeblldeten Regiment nach Rastatt. So führte mich das gütige Geschick noch einmal mit ihm zusammen, da ich seinerzeit in derselben Garnison meine militärische Ausbildung erhielt. Sein trockener Humor und seine stets fröhliche Laune haben mich auch dort köstliche Stunden mit ihm verleben laffen. Anfang Oktober rückte er mit seinem Regiment auf einen Truppenübungsplatz und dann gings gen Westen auf das mit Blut schon damals' dicht benetzte Stückchen Erde, das zu allem Ueberfluß nun auch das seine noch tränken mußte. Was mit Fritz Jacobsohn seinem in namenlosem Schmerze trauernden Vater und seinem einzigen Schwesterlein und auch uns, dem K. C., und vor allem seiner Ghibelliniae, genommen ist, das wissen nur die zu ermessen, die ihn gekannt haben. Dieser edle, gutmüttge, biedere Charakter verstand es in seiner Zurückhaltung nicht, sich gleich jedem kenntlich zu machen, und doch genoß er aller Sympathien. Er war eine gute, treue und anhängliche Seele, was er schon rein äußerlich in der Verehrung für sein heißgeliebtes Freiburg offenbarte, in dem — obgleich selbst aus unmittelbarer Nähe von Berlin — er fast all seine Semester verbrachte. Ein unzertrennliches Eins in mehr als 7 Semester habe ich mit ihm dort die schönsten Tage seiner goldenen Jugendzeit verlebt. Und daß in dieser Zeit Fritz Jacobsohn seiner Verbindung unschätzbare Dienste geleistet hat, das wissen nicht nur die Generationen, die mit und unter ihm korporativ groß geworden sind, das wird die Zukunft auch öen Kommenden lehren. Konnte er doch mit Recht und nicht ohne Stolz von sich sagen, „daß es innerhalb der Verbindung nicht die geringste Charge und nicht das kleinste Amt gäbe', daß er nicht — wenigstens vorübergehend — mal bekleidet hätte". Er war das Muster eines Korporationsstudenten, dessen physische und psychische Kraft gar manchem lieben Bundesbruder oft genug wohlwollend und — für später — wohltuend erkenntlich ward. Er war es aber auch, der, durchdrungen von der Notwendigkeit sportlicher Betättgung innerhalb des Kreises junger akttver Studenten, in dieser Hinsicht Segenreiches geleistet hat. Zusammen mit seinem — nun leider auch schon gefallenen — Bundesbruder „Auerhahn" hat er der Verbindung den Weg gewiesen, daß auch die freie Natur zu allen Zeiten des Jahres mit in das offizielle Programm zum Wohle der Ghibellinia ausgenommen wurde. Er war ein begeisterter Verehrer des herrlichen Schwarzwaldes, den er trefflich kannte, und an manchen Orten wird sein Name auch daselbst noch auf lange Zeit hinaus stets wohlwollend genannt werden. Und mit seiner Liebe zur Natur sei auch der zur Heimat und zum Vaterlande Erwähnung getan. Er war ein echter, guter Deutscher und dabei ein treuer Jude, der, wenn es galt, mit seiner ganzen Person die Tendenzen seines Verbandes zu vertreten gewillt war, was er uns letzten Endes mit seinem Tod für diese Ideale ja bekräftigt hat. Aber trotz allem, trotz'Schwarzwald, Freiburg und Verbindung hat Fritz Jacobsohn sein Studium nicht vernachlässigt. Zur rechten Zeit, am Ende des 5. Semesters, im Sommer 1912, hat er ein gutes Physikum gemacht. Leider war es ihm nicht mehr vergönnt, ins Staatsexamen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.