KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 11-12 (1.8.1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 259 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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259 Viktor v. Scheffel auf der Bugra. Was Joseph Viktor v. Scheffel dem deutschen Studenten lnnterlassen hat, das weiß jeder zu schätzen. Sind doch seine Lieder längst Gemeingut des deutschen Volkes geworden. Es scheint deshalb Pflicht, auf die Sammlung noch nicht veröffentlichter Scheffelstücke hinzmveisen, die Frau von Scheffel durch Werner Kremser in sehr dankenswerter Weise in der Sonderausstellung „Der Student" auf der Leipziger Bugra hat ausstellen lassen. Die Sammlung befindet sich in der letzten Koje im Erdgeschoßsaal, dort, wo Oesterreich seine inhaltsreiche Sammlung ausgestellt hat, gegenüber der trefflichen Ausstellung der Dorpatschen und Rigaer deutschen Korporationen, zusammen mit den sehr wertvollen Stücken E. M. Arndts und I. Eich endo rffs. Die Sammlung Scheffels enthält die beiden Handschriften des „Perke o" (1849 und 1860; zwei Fassungen), die wichtigsten Manuskripte der „Rödensteinlieder", eine p olitisch-bu rschensch aftliche Rede des jungen Scheffel im Manuskript, mutmaßlich gehalten auf dem Wartburqfest 1848 (sehr interessant und bisher völlig unbekannt), das Manuskript des herrlichen Gaudeamusliedes „Wasgenstein" mit Namensunterschrift, und — vielleicht als wichtigste Stücke — zwei Bände Kneipzeitungen der Heidelberger Franconia, der Scheffel 1846|47 angehörte. Diese beiden Bände, die sich im Nachlaß Scheffels fanden, sind reich an handschriftlichen und zeichnerischen Beiträgen des jungen Dichters. Sie enthalten ein Selbstporträt des Studenten in Tufchzeichnung, das ihn als scheidenden Franken darstellt (Ganzporträt), d as einzige Bild des Studenten Scheffel. Sonst sind nur Silhouetten vorhanden.. Neben diesem Bilde befindet sich der handschriftliche Eintrag des Liedes Schwanengesang: „O Heidelberg, O Heidelberg, du wunderschönes Nest" usw. Aus den beiden Bänden, die bisher völlig unbekannt waren, ist noch nichts veröffentlicht worden, so daß sie von höchstem Interesse sind. Aber auch auf die benachbarte Sammlung Eichendorffs, die Frhr. von Eichendorff (Wiesbaden), und auf die E. M. Arndts, die das Arndtmuseum ^Lövenich) in Godesberg zur Verfügung gestellt haben, sei noch besonders hingewiesen. Bücher- und Plätterschun. Das Leben Theodor Herzls, von Adolf Friedemann, Jüdischer Verlag, Berlin und Leipzig, 1914, Preis 2 M. Theodor Hetzl ist am 3. Julr 1904 gestorben. Die zehnte Wiederkehr seines Todestages gibt Friedemann Veranlassung, sein Leben und Wirken zu schildern. Die Biographie, geschrieben in Liebe und Bewunderung von einem überzeugten Anhänger, der Hetzl nahe gestanden' hat, bildet eine willkommene und wertvolle Ergänzung der ebenfalls im Jüdischen Verlage in einem Bande erschienenen Zionistischen Schriften Herzls. Beide, die Biographie und die Schriften, geben zusammen ein abgerundetes Bild von feinem Wollen und Handeln. Da Friedemann sich im wesentlichen auf Tatsachen beschränkt und mit Absicht Polemik meidet, bietet er der Kritik kaum eine Handhabe. Nicht ganz richtig scheint er mir den Standpunkt der zionistischen Opposition zum Ostafrikaprojekt darzustellen. Ich bin daran interessiert, da ich mich trotz meiner Verehrung für die wundervolle enthusiasmierende Persönlichkeit Herzls in seinen letzten Lebensjahren zur Opposition gezählt und nach seinem Tode auf dem VI). Kongreß in Basel (1905), dessen Beschlüsse für die Folge die Richtung gewiesen, der Majoritätspartei angehört habe. Aus der Darstellung Friedemanns gewinnt es den Anschein, als ob die scharfe Opposition gegen das Ostafrikaprojekt lediglich aus dem Argwohn entstanden sei, daß Herzl den zionistischen Ideen untreu geworden sei. Sofern russische Zionisten das angenommen haben, haben sie Herzl mißverstanden, und was Friedemann dagegen vorbringt, ist überzeugend. Aber die Opposition hat sich grundsätzlich gegen die leitende Idee Herzls, die Charteridee erichtet. In der Befürwortlmg des Ostafrikaprojekts at sie das Eingeständnis der Undurchführbarkeit von Herzls palästinensischem Aktionsprogramm erblickt und im Gegensatz zu seinen Intentionen systematische Kolonisation in Palästina auch ohne Charter gefordert. Diese Forderung ist nach Herzls Tode auf dem VII. Kongreß durchgesetzt worden. Die Beschäftigung mit Herzl 10 Jahre nach seinem Tode regt zu Betrachtungen an, die mir hier gestattet sein mögen, obwohl sie den Rahmen eines Buchreferats überschreiten. Ich glaube, daß die seitherige Entwicklung der Opposition recht gegeben hat. Die zionistische Kolonisation bewegt sich auch jetzt noch in bescheidenen Grenzen, aber die Erfolge sind unbestreitbar und -tragen den Keim größerer Entwicklung in sich. Sie haben auch auf die Betätigung nichtzionistischer Persönlichkeiten und Organisationen in Palästina belebend gewirkt. Aber diese intensive Kleinarbeit, die heute unumgänglich notwendig ist, entbehrt doch wohl der Großzügigkeit. Und Herzl hat stets das Größte gewollt. An dem Mißverhältnis seiner Pläne und der ihm zu Gebote stehenden Mittel ist er nicht nur gescheitert, er ist daran gestorben. Der Ausgang seines Lebens ist tiefste Tragik. Nach seinem Tode hat es ein seltsames Schauspiel gegeben. Jede der verschiedenen zionistischen Parteien und auch die Territorialisten haben sich auf ihn berufen. Aber der echte Ring ist verloren gegangen. Hetzl hat treue Verwalter seines Erbes, aber keinenNachfolger gefunden. Und doch möchte ich glauben, daß in späterer Zeit unter günstigeren Verhältnissen an seine Ideen, auch an die Charteridee wieder angeknüpft werden wird. Der zionistischen Weltorganisation ist Hetzl der Organisator, der Kongreßpräsident. Dieser Idealist hat Juden allerLänder, verschiedenerreligiöserUeberzeugung, auS den verschiedensten sozialen Schichten und Kulturen zusammengeschmiedet und dirigiert. Die Organisation hat seitdem Stürme überdauern können und an Festigkeit nichts eingebützt. Bon Größe und Charme ist seine Persönlichkeit. Unermüdlich, von sittlichem Ernst, unbedingt und Kompromisse abweisend, sich selbst getreu und uneigennützig bis zur Selbstaufopferung, von ganzem Hetzen liebend, träumerisch und willensstark. . Rechtsanwalt Hans Block, Hannover Kleine Geschichten aus der Bibel von Schalom Asch. . Jüdischer Verlag, 1914. , Schalom Asch, der Schöpfer schwermütiger Ghettostimmungen, zeigt sich hier von einer neuen Seite. Er etzählt die biblischen Vorgänge von Adam bis zu takobs Begräbnis. Aber nicht in der großen wuchtigen rt des alten Testamentes. Was dieses klar und realistisch darstellt, indem es in jeder seiner Gestalten einen Urttip jedes verkommenden Charakters uns glaubhaft macht, hat Asch einerseits mit dem Meißel des Künstlers zu vertiefen gesucht, anderseits durch hinzugefügte eigene Gedanken in naiver Tonart dem kindlichen Verständnis näher gebracht, freilich nicht immer im Einklang mit der biblischen Wahrheit. Aber diese eigenen Gedanken des Dichters sind oft von künstlerischer Größe. Als'charakteristisches Beispiel möchte ich die,Geschichte von Rahel und Jakob anführen, die wohl das Schönste des ganzen Buches darstellt. Während in der Bibel Laban seinen Betrug einfach dadurch zu Wege bringt, daß er