Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1914-08-01 · Heft 11-12 (1.8.1914) · p. Seite 233

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 11-12 (1.8.1914)
Date
1914-08-01
Page
Seite 233 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2268830-2268874-2268886--1257-3522967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

233 Lebensprogramm aufnehmen soll, wenn man verlangt,' datz ich die Wurzel meines Deutschtums lockern und nur solange hier wohnen soll, bis der bestellte Möbelwagen mich abholt... Ich hoffe aber, datz ich diese Worte gebrauchen kann, ohne datz Sie mich mitzverstehen. Wer mich als Asstmilanten in jenem üblen Sinne ansieht, der kennt mich nicht, und wer mich kennt und cs dennoch tut, der ist ein Narr oder ein Schurke. Ein Assimilant bin ich nicht, aber 'ck bin assimiliert. Ich bin Deiltscher und bin stolz darauf, Jude zu fein, stolz auf die Abstainmung von siebzig Generationen stolzer Männer. Wenn nur ein einziger von diesen siebzig schwach gewesen wäre, so wäre ich heute nicht mehr Jude. Ich bin stolz auf diese Männer. Die Makkabäer sind mir gleichgültig. Gerade so stolz bin ich aber auch darauf, in dem Lande Walters und Wolframs, Goethes, Kants und Fichtes ausgewachsen zu sein und deren Kultur in mich aufgenommen.zu hgben. » Es fällt denr älteren Manne nicht leicht, von seinen heiligsten Empfindungen zu sprechen. Aber es gibt Zeiten, rvo inan alles tun und sagen muh. Angenehmes und Unangenehmes, und meine jungen Gegner werden vor diesen Empfindungen Respekt, haben, Mein Dentschtnm ist rnir ein Heiligtum, -wer aber mein jüdisches Stammesbewußtfein bezweifelt, gegen den rnntz ich rnich — um ein Wort, Gabriel. Rietzers zu gebrauchen, — rvehren wie gegen einen Mörder. Wenn Sie die ernsten Männer sind, für die ich Sie halte, so respektieren Sie das. Auch ein Irrtum kann heilig sein, rlnd ich bin der Letzte, der den Irrtum eines andern antasten will. Es verletzt mich, wenn in offiziellen Leitartikeln unserer Presse und in den Schriften ntlserer Parteibeamten Deutschland nur als Wohnland bezeichnet wird. Deutschland ist mein Vaterland. meine Heimat, das Land meiner Sehnsüchte, das Land meiner Gräber, das Land meiner Kämpfe und Ziele, und wenn ich von der Fremde nach Hause komme, so komme ich heim. Ich habe jüdisches Stammesbewutztsein, deutsches Kulturbeivutztsein, märkisches Heimatsbewutztscin; ..... und weil wir als gute Zionisten aus dem Baseler Programm stehen, m üssen w ir hier dagegen protestieren, als Zionisten zweiter Klasse bezeichnet zu werden," Diese Ausführungen haben aber bei dem Kongretz Anklang nicht gefunden; nicht einmal einen bescheidenen Beifall verzeichnet der Kongretzbericht. Eine formelle Abstimmung zu Len verschiedenen Standpunkten hat nicht stattgesunden. Die Stellung des Kongresses ergibt sich aber aits folgendem: Oppenheimer und Friedetna n n hatten einen Antrag gestellt, wonach Beamte und offizielle Presse angewiesen werden sollten, sich mit keiner einseitigen Richtung innerhalb des oeutschen Zionismus zu identifizieren. Hierzu wurde Uebergang zur Tagesordnung über diesen Antrag — eine mit Rücksicht auf die Namen und Verdienste der Antragsteller schon an sich unfreundliche Handlung - beantragt und der Uebergang auch mit 61 gegen 22 Stimmen beschlossen. Ueber die Bedeutung dieser Abstimmung find die Meinungen geteilt. Ein Teil der jüdischen Presse, wie z. B. das Hamburger Familienblatt hat geglaubt, feststellen zu können, datz immerhin eine nicht unerhebliche Minderheit auf Seiten \ Friedcmann's und Oppenheimers gestanden habe, lmd datz diese Minderheit noch stärker gewesen sein würde, wenn die Abstimmung nicht. unter dem Druck der Parteileitung sich. vollzogen und diese dadurch, datz sie den Antrag Oppenheimer als ein Mißtrauensvotum charakterisierte, einen Teil der Delegierten veranlatzt habe, in einer mit ihrer Meinung zur Sache selbst' nicht übereinstimmenden Weise abzustimmen, um eine Krisis in der Partei zu verhindern. Soweit jemand, der dem Kongreß nicht selbst angewohnt hat, und auf den Kongretzbericht angewiesen ist, sich eine Meinung bilden kann, neige ich der gegenteiligen Ansicht zu. Die 22 Delegierten, die gegen den Uebergang zur Tagesordnung gestimmt haben, dürften das Höchstmaß der Anhängerschaft Oppenheimers und Friedemanns dargestellt haben. Ja es spricht sogar eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, datz in diesen 22 Stimmen noch eine Anzahl steten, die lediglich den beantragten Uebergang zur Tagesordnung für zu schroff gehalten haben, im übrigen aber durchaus dem von der Parteileitung vertretenen Radikalismus huldigen. So schätzt denn auch die jüdische Rundschau die Zahl der die Stellung des Vorstandes ablehnenden Delegierten auf insgesamt nur 10, nicht einmal 710 aller anwesenden (125) Delegierten. Der Leipziger Delegiertentag der deutschen Zionisten schließt, soweit die nationale Frage und die Stellung zu den anderen jüdischen Organisationen in Betracht kommen, mrt einem gegen früher noch erheblich gesteigerten Radikalismus ab. Der Antrag, der das Verhalten des geschäftsführenden Ausschusses gegenüber dem antizionistischen Komitee und gegenüber dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens billigte, wurde nahezu einstimmig angenommen. Diese Abstimmung ist auch insofern bemerkenswert, als sie die vom Zentralverein bekanntlich 'vorgenommene Scheidung der. Zionisten nach dem Grad und der Art des von ihnen , betätigten Nationalgefühls ablehnt und die Gründung des gegen den Zentralverein gerichteten Reichsvereins derdeutschenJuden gutheitzt. In der Debatte ist auch in mehr oder minder verblümter Weise an verschiedenen Stellen die Forderung ausgestellt worden, daß die wenigen Zionisten, die überhaupt noch Mitglied des Zentralvereins sind, unbedingt aus demselben austreten müßten. Die überaus heftige Sprache der Zionistenpreffe, die ständige Betonung, daß mit der Jugend gearbeitet werden müsse, die öfters erfolgte Ablehnung des Versuchs, die Gesamtheit, insbesondere die älteren Generationen der deutschen Juden für den Zionismus noch zu gewinnen, ja der hie und da sogar propagierte Abbruch auch nur gesellschaftlicher Beziehungen zu den nichtzionistischen Glaubensgenossen (so schreibt in der jüdischen Rundschau vom 10. Juli Margulies von seinen Gesinnungsgenoffen: „Sie wollen nicht immer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.