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KC-Blätter · 1914-08-01 · Heft 11-12 (1.8.1914) · p. Seite 231

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 11-12 (1.8.1914)
Date
1914-08-01
Page
Seite 231 (sequence 3)
Language
German
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231 Zionismus indessen begibt sich seiner besten Kraft, wenn er die Grenzen zwischen sich und den andern verwischen läßt, wenn er das, was ihn vor den andern auszeichnet, die nationale Idee des Judentums, verwässern läßt und nur in verschwommener Form da und dort zur Geltung bringen kann. Nur durch die radikalePropagierung des nationaljüdischen Ideals hat der Zionismus einst die Jugend gewonnen. „Der Posener Delegiertentag hat wohl daran getan, in allen seinen Beschlüssen und Resolutionen scharf die Scheidelinie zu markieren, die Zionisten von Nichtzionisten trennt, und rvir begrüßen deshalb mit besonderer Freude diejenigen Beschlüsse, die auf eine energische Betonung unseres Endziels gerichtet sind, und darunter hauptsächlich jenen einstimmig und mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Antrag, laut welchem es der Delegiertentag für die Pflicht aller Zionisten, in erster Reihe der wirtschaftlich unabhängigen, erklärt, die Uebersiedlung nach Palästina in ihr Lebensprogramm aufzunehmen, in jedem Falle aber für sich persönliche Interessen in Palästina zu schaffen." Und der Vorsitzende der deutschen Landsmannschaft Dr. Hantke faßte nach den Worten der Rundschau die Ansicht des Delegiertentags treffend dahin zusammen: daß nur die radikalste Vertretung des nationalen Gedankens nach außen den Sieg des Zionismus in der deutschen Judenheit garantieren könne. Schon damals hatte die Rundschau zur Frage des Verhaltens der Zionisten gegenüber den nichtzionistischen Organisationen erklärt, daß die Frage theoretisch dahin zu beantworten sei, daß die Zionisten sich auf eine kontrollierende und informative Tätigkeit ijn den andern jüdischen Organisationen beschränken sollten. Die in diesen Worten enthaltene Taktik mußte ebenso wie das, was oben an Programmatischem wiedergegeben ist, Widerspruch in allen nichtzionistischen Kreisen finden. Von zionistischer Seite ist seitdem in Wort und Schrift zahllos oft die Schuld an der scharfen Zuspitzung der Gegensätze unter den deutschen Juden der antizionistischen Seite zugeschoben worden. Auch auf der Seite der letzteren ist nicht jedes Wort zu billigen, das Leidenschaft geboren hat. Aber man vergleiche mit den Auslassungen zionistischer Redner, die ihr Bedauern über den gegenwärtigen Standpunkt zum Ausdruck bringen, doch einmal die in der „Welt" vom 12. Juni 1914 nach dem Delegiertentag enthaltenen prinzipiellen Ausführungen des Parteisekretärs Blumenfeld, der dort sagt: „Daß heute in Deutschland der Zionismus im Kampfe gegen alle andern jüdischen Organisationen stcht, ist nicht die Folge irgendwelcher Zufälligkeiten oder irgendeiner willkürlichen Taktik. Es ist das natürliche Ergebnis einer normalen zionistischen Entwicklung. Ein Verhüllen der Gegensätze, ein Ausschalten der zionistischen Probleme rvar möglich, solange der Zionismus unbekannt war. Allein dw Tatsache, daß der Zionismus bekannter geworden ist, und daß die Zionisten sich ihrer eigenen Anschauungen bewußter geworden sind, hat die Gegensätzlichkeiten herbeigeführt, die jetzt bestehen. Keine noch so geschickte, von Zionisten geübte Taktik hätte auf die Dauer diese Entwicklung verhindern können." Nicht allen Zionisten hat freilich der Kampf der jüdischen Organisationen untereinander behagt, und es wirkt doch wohl etwas innere Unsicherheit mit, wenn man in Leipzig das Bedürfnis gefühlt hat, unter den Beschluß von Posen noch einmal Brief und Siegel zu setzen. Die Debatte, die dort über das Problem de§ jüdischen Nationalismus, oder, wenn man die Dinge von der andern Seite aus betrachtet, über die Stellung der deutschen Juden zur deutschen Heimat und mehr noch zum deutschen Kulturkreis geführt worden ist, reicht bis an die Wurzelenden des ganzen Problems. 'Wenn ich an die Zeit meiner Studentenjahre denke, und an die unter uns, die damals zum Zionismus hinneigten, wenn ich mir die erste große Zionistendebatte in Heidelberg beim K. C.tag 1905 vorstelle, so sind einige unserer Freunde damals dem Zionismus geneigt gewesen, zumeist aus einem Gefühl des großen Mitleidens milden gequälten Glaubensbrüdern im Osten. Und es ist von ihrer Seite immer wieder betont worden, daß der Zionismus niemals von dem einzelnen eine Aufgabe auch nur des geringsten Bruchteils der Position der deutschen Juden innerhalb Deutschlands verlangen könne und dürfe, daß das zionistische Ideal in der Gründung einer Heimstätte nicht etwa für größere Bruchteile der deutschen Judenheit, sondern nahezu ausschließlich für die des Ostens in Betracht komme. So aufgefaßt, als Bewegung des Mitleids oder mit Herzl als die große politische Aktion verlangte der Zionismus in keiner Weise die Umwertung des inneren Empfindens der westeuropäischen Juden. Wieviel hat sich seitdem geändert! Vom Kampfe gegen den Antisemitismus ist auch auf der ganzen Leipziger Tagung, soweit ich sie verfolgen konnte, mit keinem Wort die Rede gewesen. Nicht einmal die Frage der Besserstellung der osteuropäischen Juden hat wesentlich eine Rolle gespielt. Alles Interesse konzentrierte sich auf jüdische Kolonien, hebräische Sprache, jüdische Bildungsinstitute, jüdische Kultur, jüdischen Nationalismus. Erst einem so bis ins Letzte angespannten jüdischen Nationalitätsempfinden ist es Vorbehalten gewesen, die vollkommene Zerschneidung der Bande, die die West- und zum Teil wohl auch die Ostjuden an ihre Heimat binden, anbahnen zu wollen. Alle Tendenz heißt jetzt: „Zion", und der Gedanke, wie stark doch diese nationaljüdischen Gedankengänge der antisemitischen Bewegung Waffen gegen das deutsche Judentum schmieden könnten und geschmiedet haben, hatte in den Köpfen der Delegierten irgendwelchen Raum offenbar nicht

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