KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 10 (1.7.1914)
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 221 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2268830-2268874-2268885--1238-3522947- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
221 mich nun darauf festnageln, daß ich die Wüstenstrecken mitgerechnet hätte; denn die 2 °>i, des Gesamtlandes seien 6 % des kulturfähigen Bodens : nach dieser Berechnung wäre also Vz des Landes Wüste! Nebenbei bemerkt hat Friedemann noch eine Kleinigkeit übersehen, daß nämlich auch von demjüdischenBesitz nui;25-50o/o fcetmut sind! Die Ausrottung der Wälder wird gerade in den von Friedemann als so sehr zuverlässig hingestellten deutschen Konsularberichten, *) die übrigens keineswegs sämtlich so günstig lauten, bestätigt. Diese übrigens allgemein bekannte Tatsache *) kann man doch durch Aufzählung einiger Waldungen, die als Ausnahme die Regel bestätigen,'nicht wegdisputieren. Der nach Friedcmann so aussichtsreiche Baumwollanbau hat bisher nur Enttäuschungen gebracht; die Baumwollkulturenb) sind von 532 ha im Jahre 1910 auf 262 ha im Jahre 1911 zurückgegangen! Friedemann hat sodann das Unglück, auf die Lombardei zu verweisen, als ein Land, das ohne Kohlen und Eisen eine reiche Industrie hervorgebracht habe. Daß es diese hauptsächlich seinen großen Wasserkräften verdankt, die — wie ich ausfiihrte — in Palästina vollständig fehlen, übergeht Friedemann. Hierüber schreiben die Berichte über Handel und Industries: „Der Jndustrialisierungsprozeß ist umso erstaunlicher, als Italien gänzlich der Voraussetzungen entbehrt, ohne die bis vor nicht allzulanger Zeit jede Industrie unmöglich schien, nämlich der Kohle im eigenen Lande. Die Niedrigkeit der Arbeitslöhne, die Möglichkeit der Nacht- und Kinderarbeit, der Fortfall von Aufwendungen für sozialpolitische Maßnahmen, alles Vergünstigungen, die für den Anfang wenigstens zustatten kommen, sowie das weitgehende Schutzzollsystem, hätten allein den Kohlenmangel nicht auszugleichen vermocht. Dafür fiel aber ihre Erstarkung in die Zeit hinein, als die technischen Wissenschaften immer erfolgreicher verstehen lernten, die Wasserkraft in elektrische Energie zum Antrieb der Maschinen umzusetzen. Es kann nicht wundernehmen, daß . . . Italien alsbald anfing, sich diese Naturkraft auf großzügiger Grundlage nutzbar zu machen, früher l) Bergl Berichte über Handel und Industrie Bd.13 (Jahrg. 1910) S. 226. ’) Bergl. Gliche, Palästina S. 74 ff. Auhagen, Beiträge zur Kenntnis der Landeskultur und Landwirtschaft Syriens, S. 16 f. Bericht des Nationalfonds in der „Welt" vom 20 März 1914. 8) Bergl. Nawratzky S. 345. y Bd. 12, S. 478 (Artikel : Italiens Jndustrialisierungsprozetz unter besonderer Berücksichtigung der lomb. Baumwoll- und chemischen Industrie.) als anderswo in Europa; denn bereits 1883, 2 Jahre nachdem Edison die hundertpserdige Dynamomaschine . . . gezeigt hatte/ wurde in Mailand die elektrische Beleuchtungszentrale angelegt. . . . Heute besitzt denn auch Italien neben der Schweiz in Europa die bedeutendsten elektrischen Stromverteilungsanlagen, die nicht nur einzelne Städte sondern ganze Jndustriebezirke mit elektrischer Energie für Beleuchtung und Triebkraft versehen." Wieviel Millionen Rothschild für Palästina ausgegeben hat, hat er nie verraten. Ob es die „gut beglaubigte Seite", von der Friedemann wissen will, daß es nur 40 Millionen waren, nachgerechnet hat, erscheint mir zweifelhaft. Der Vizekonsul von Haifa — um auf die Konsularberichte zurückzugreifen - bezifferte jüngst den Betrag auf 100 Millionen Francs. Ich hatte mich hierbei, rvie in den meisten Fällen, aus zionistische Quellen 0 gestützt, nicht, weil ich sie für besonders zuverlässig halte, sondern weil sie sicherlich die für die Palästinakolonisation günstigsten Tatsachen und Zahlen bringen. Insgesamt wären alsdann 85000 Francs auf den Kopf jedes Kolonisten von Wohltätigkeitsanstalten ausgegeben worden, wozu noch die Aufwendungen aus eigenen Mitteln kommen. Diese Summe erscheint zwar auf den ersten Blick exorbitant, ist aber erklärlich, da jede forcierte Kolonisation ungewöhnliche Kosten verursacht. Hat doch z.B. die preußische Ansiedelungskommisiion in der Zeit von 1886 bis Ende 1913 für die Ansiedelung in den Provinzen Posen und Westpreußen 913872000 Mk. ausgegeben und zum Fonds 292556000 Mk. eingenommen, sodaß der Ueberschuß der Ausgaben über die Einnahmen 621 316000 Mk. beträgt. Mit dieser ungeheuren Summe sind nur 21372 Familien mit 128232 Köpfen angesiedelt worden, sodaß jede angesiedelte Familie dem preußischen Staat rund 30000 Mk. kostet*). Auch heute ist zur Ansiedelung eines Kolonisten in Palästina nach den Mitteilungen des Leiters des Palästinaamtes'^ ein Kapital von 15 — 20000 Frs. erforderlich, wobei die allgemeinen Ausgaben für Schulen usw. nicht einmal berücksichtigt sind. Die Einrichtung einer Häuslerstelle für einen landwirtschaftlichen Arbeiter kostest 2—3000 Mk. Wenn Friedemann demgegenüber auf die geringeren Kosten der Ansiedelung einer Aeminitenfamilie verweist, so berührt das die Richtigkeit meiner Angaben in keiner Weise. Das Wesentlichste aber ist, daß die aufgewendeten Kosten um ein Vielfaches die Kosten übersteigen, welche zur Ansiedelung der drH^ch^z Mnzahl von Kolonisten y Bergl. Lichtheim, d. Programm d. Zionismus 3.48. y Bergl. die „Welt" vom 20. MäiH 1914 S. 290. 8) Bergl. Protokoll 6. E Zionistenkongreffes S. 206.