Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1914-07-01 · Heft 10 (1.7.1914) · p. Seite 218

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 10 (1.7.1914)
Date
1914-07-01
Page
Seite 218 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2268830-2268874-2268885--1235-3522944
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Boston, wie denn überhaupt das Ziel der Auswanderer vornehmlich die großen Städte sind, Und nicht das Land. Gerade darin liegt ja einer der Hauptgründe für den palästinensischen Kolonisationsgedanken. Auch ist die Tatsache, daß der Judenhaß der Einwanderung proporttonal wächst, so bekannt, daß es nicht notwendig sein sollte, sie nochmals extra zu erwähnen. Wenn es doch geschieht, so ist das Bestreben von Karl Löwenstein, sür andere Länder mit Rosa und Himmelblau zu malen und für Palästina mit schwärzer Tusche, die zwingende Ursache. Was über den Boden des heiligen Landes gesagt wird, ist gleichfalls unzutreffend. Es ist unrichtig, daß ein Bodenerwerb nur durch Auskaufen der Äraber möglich ist. Fast alle Kolonien sind auf bisher unbewohntem Boden entstanden. Das Land in Palästina ist noch jetzt in weiten Flächen zu vier und fünf Franken der. Dunam zu erwerben. Allerdings sind in anderen Gegenden die Preise gestiegen, und die jüdischen Besitzer des Bodens haben damit kein schlechtes Geschäft gemacht. Natürlich haben sich auch schon früher Warner gefunden, die von Bodenerwerb äbrieten. Theoine und Tendenz stimmen eben Mit den Tatsachen gar häufig nicht überein. Die Bedingungen für Bodenerwerb müssen wohl auch nicht so schlimm sein, wie der Artikel schildert, da gerade jetzt Rothschild sich entschlossen hat, seine Tätigkeit für die Kolonisation, welche längere Zeit aufgegeben war, wieder auszunehmen. Die Angabe, daß die Juden der Bevölkerung ausmachen und noch nicht l/50 der Bodenfläche besitzen, ist gleichfalls irrtümlich. Wie ungründlich der Verfasser vorgeht, zeigt sich hier sonnenklär. Eingangs hat er behauptet, daß unter 700 000 Seelen sich 80 000 Juden befinden, jetzt erklärt er, die Juden machten % der Bevökerung des Landes aus. Aber auch diese Zahl sttmmt nicht, denn tatsächlich machen die Juden V5 der Einwohnerzahl aus. Wenn die in jüdischem Besitz befindliche Bodenfläche mit y5o oes Landes berechnet wird, so läuft hier ein Beobachtungsfehler unter, da man offenbar auch alle Wüsten-Strecken in Betracht gezogen hat. Bon dem kultürfähigen Boden besitzen die Juden etwa 6%. Auf ebenso schwachen Füßen stehen alle anderen Behauptungen, die über das Land selbst gemacht werden, und für welche als Autorität einHerr Hermann Guthe angeführt wird, während die Schriften von Major Conder, dem offiziellen Geographen der englischen Regierung, von Soskin, Aronsohn und änderen wirklichen Kennern des! Landes, sowie die englischen und deutschen Konsularberichte vernachlässigt werden. Auch heute noch Ind Wälder am Tabor, in der Jordanebene und' bei Nazareth vorhanden, gibt es große Flächen, die> sich/ für Büümwvllanbau eignen,^auch heute j istidäs Menschenmateriäl; großen kolonisatorischen Schwierigkeiten gewachsen. Hat man doch sogar die Sümpfe von Chederah trocken gelegt! Dieselben Ursachen, welche eine intensivere Industrie verhindern müßten, nämlich Mangel an Kohle und Eisen lassen in Italien in der Lombardei eine hochentwickelte Industrie, zu. Fast in jeder Zeile des fraglichen Artikels finden sich Ungenauigkeiten, falsche Angaben oder irrtümliche Schlußfolgerungen, so daß es kaum möglich ist, allen Fehlern gerecht zu werden. Der Verfasser behauptet/ die jüdische Kolonisatton zeige infolge aller dieser Umstände nur sehr geringe Fortschritte. Die deutschen Konsularberichte, die wohl nicht von Zionisten stammen, behaupten das Gegenteil. Ebensowenig stimmt, was Löwenstein von den Ausführungen Kann's auf dem letzten Zionistenkongreß anführt. Ferner hat Rothschild nach gut beglaubigter Angabe etwa 40 Millionen Fr. für die Kolonien aufgewendet und nicht 70 Millionen, es können also auch nicht 85 000 Fr. sür jede Kolonistenfamilie ausgewendet sein. Die Ansiedlung einer I)emenitenfamilie kostet heute nicht mehr als 800 Fr. Vollkommen unrichtig ist die Behauptung, daß „nicht eine einzige jüdische Kolonie in Palästina in der Lage ist, aus ihren Erträgnissen alle ihre Bedürfnisse zu bestreiten, nicht eine einzige, die nicht von außen her der Unterstützung durch andere Organisattonen bedürfe." (Vergl. Berichte der Jca., die das Gegenteil besagen). Die ganzen Schlußfolgerungen des Verfassers über die Bevölkerung Palästinas beruhen ausJrrtum, da er dieChalukahschnorrer in Jeimsalem und Liberias mit den Kolonisten in einen Topf wirft. Es erübrigt sich wohl, auf den Rest der Auslassungen Löwensteins einzugehen. Nur so viel sei noch gesagt: Die Ansiedlung großer Mengen in Palästina bedeutet für das Judentum eine Stärkung, wie sie keine Massenauswanderung in dieGhettis großer, amerikanischer Städte bewirken kann. Selbst wenn es nicht gelingt, auf dem Wege der Besiedelung des heiligen Landes die Judenfrage zu lösen, so wird doch das Bewußtsein Hunderttausenden Mut und Kraft geben, daß ihre Brüder im heiligen Lande begonnen haben, ein Kulturzentrum aufzurichten, und als freie Männer auf freiem Grunde stehen. Wie wäre das anders möglich bei einem Volke, welches durch eine Hoffnung und ein unendlich fernes Ideal Jahrhunderte lang den schlimmsten Bedrückungen zum Trotz sich erhalten hat. Darum ist auch der Vergleich, den Kärl Löwenstein mit dem Deutschtum zieht, unzutreffend. Diese Ausführungen sollen lediglich den Jrrtümern Vorbeugen, welche der Aussatz in Nr. 8 dieser Blätter Hervorrufen kann. Sie sollen verhindern, daß man den Glauben gewinnt, die Kolonisation Palästinas sei für das Judentum belanglos/ Und die Zahlen führten eine so beredte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.