KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 10 (1.7.1914)
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 215 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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215 .bervequng in dieser Gegenwart sei. Palästina soll undmuß -er fruchttragende Boden jüdischer Geisteskultur werden. Dann erst, wenn diese Ausgabe ersüllt, oder aber zum mindesten hinter ihr zurückstehend, sei es die Notwendigkeit im alten Heimatlande auch ein Heilmittel zu schaffen sür die Not des Volkes der Juden selbst. Wenn die Führer der modernen Judenheit aus den verschiedensten Lagern, vor allem auch aus den Kreisen des Zionismus sich mit Emigrationspolitik oder anderen Wvhlsahrtsbestrebungen, die die leibliche Not des Anden betreffen, wieder und wieder nach Kräften äbmühen, wenn Herzl und seine Gesinnungsgenossen aus solchen und ähnlichen Beweggründen heraus den politischen Zionismus mit aller Energie zu fördern trachten, so wollte und will Achad-haam — gebrauchen rvir das Wort — Kulturzionismus. Eben in Palästina, ihrer alten Heimat, soll die Kultur des jüdischen Geistes ihre Pflegstätte finden. Dann wird sich ihr auch die materielle Kraft zugesellen, die imstande ist, der äußeren Not der Brüder zu wehren. Wahrhaftig ein langer Weg, der, wie zugegeben wird, Geduld erfordert im ursprünglichen Sinne dieses Wortes, daß noch vieles Leiden wird geduldet werden müssen, bis das Ziel der inneren und der äußeren Befreiung erreicht ist. Aber wieder geht Achad-haam hier zurück auf ursprüngliche, originale Erscheinungsformen des Judentums. Dem liegt ein ausgesprochener Sozialismus, d. h. völlige Hingabe der Einzelnen an die Gesamtheit zugrunde. So hat auch heute und jetzt wieder diese alte jüdische Kraft im Opfermut des Einzelnen für die Gesamtheit sich zu bewähren, damit dann einmal das große Ziel erreicht wird. Und nun eine Idee oder vielmehr eine Forderung, die uns wiederum mit Sympathie für diesen Zionisten erfüllen muß. Er wünscht, daß nicht mit lautem Geräusch viel Aufhebens und Aufsehen gemacht werde von dem großen Kulturwerk, sondern still und bescheiden sei die Arbeit derer, die in wahrer „Zionsliebe" nicht aus wirtschaftlicher, sondern aus geistiger Not die Rückkehr nach Zion bereiten und eine Regeneration vor allen des Judentums, dann erst der Judenheit die Wege ebnen wollen. Dies in großen Umrissen die Grundgedanken eines Juden von tief ernster Gesinnung. Noch vieles ließe sich freilich von ihm selbst und von Ideen, die er geäußert, und von der Bedeutung, die er gewonnen hat, sagen. Unumstritten hat er beispielsweise für die Entwicklung der modernen hebräischen Prosa ganz Hervorragendes geleistet. Manche Wahrheitdie zum mindesten aufmerksame und eindringliche Untersuchung verdiente, hat er. ausgesprochen. Ich erwähne als Beispiel seine BemeDung/daß die,/Wissenschaft des Judentums" von der ihr Altmeister Zunz und viele seiner Schüler geträumt, sie werde die innere Lebenskraft des modernen Judentums darstellen, wohl als ganz gutes Hausmittel, nicht aber als durchgreifende Medizin zu wirken imstande war und ist. Auch ist mit dankbarer Anerkennung der Kampf Achad-haam's zu begrüßen, den er gegen die Radikalen unter den ostjüdischen Literaten geführt hat, die eine „Umwertung aller Werte" des Judentums, dabei ganz den Gedankengängen Nietzsche's folgend, anbahnen wollten, ohne daß dabei der Meister unter den hebräischen Essayisten, den „Jungen" gegenübertretend, verkennt, was von der Lehre Nietzsche's mit den Ideen des Judentums zu verbinden wäre. Und nun eine freilich nur kurze und fiüchtige Kritik der Anschauung Achad-haam's. Bon welchem Standpunkt soll sie gegeben werden? Ich für meine Person denke natürlich zunächst an die Religion. Wie ich glaube, auch aus allgemeinen Gründen mit Recht in erster Reihe an sie. Denn Achad-haam den die „jüdische Kultur" der Brennpunkt seines Lebens ist, wird nicht leugnen können, daß wiederum im Brennpunkt dieser Kultur die Religion steht. Gewiß die Religion in ihrer ganz spezifisch jüdischen Auffassung und Ausdrucksform. Aber ist es nicht die höchst charakteristische Eigentümlichkeit jüdischerReligion nach ihrer prinzipiellen Entstehungsart und geschichtlichen Entwicklung, daß sie nicht ein Teilgebiet der Kultur ist und sein will, sondern diese ganz und gar bis in die äußersten Fasern zu durchströmen trachtet? Jüdische Kultur ohne Religion ist ein historischer Widersinn. Wer nun wie Achad-haam die jüdische Individualität mit den Kulturwerten auch anderer Gemeinschaften verbunden zu sehen wünscht, wird eben dann, wenn ihm als Menschen und als Juden wirklich die Religion den Sinn seines Lebens aushellen soll, zu Anschauungen gelangen, die — ungefähr — in den Bahnen des liberalen Judentums oder der jüdischen Reform liegen mögen. Dabei ist natürlich der Raum gegeben und wird noch die Notwendigkeit bleiben für eine Fülle prinzipieller Auseinandersetzungen, geschweige denn von ins einzelne gehenden Meinungsverschiedenheiten. Und so verstehe ich Achad-haam nicht recht, warum gerade er mit solcher Verve gegen das sogenannte Missionsideal der Reform seinen Kampf führt. Gewiß es wäre, wie er sich ausdrückt, „ohne tiefinnigen metaphysischen Glauben nicht aufrecht zu halten." Aber gerade den will und sucht ja -er liberale Jude, dessen Liberalismus nicht bloß in der Abschüttelung äußerer Formen besieht, dem es vielmehr ernst ist um einen Ausgleich und eine Verbindung jüdischer Religiosität mit den Strömungen modernen Kulturlebens'. In diesem „tiesinnigen" Glauben wäre das von Achad-haam ersehnte, die Zersplitterung ver-