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KC-Blätter · 1914-07-01 · Heft 10 (1.7.1914) · p. Seite 214

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 10 (1.7.1914)
Date
1914-07-01
Page
Seite 214 (sequence 6)
Language
German
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214 „Am Scheidewege" Von Df. Arnold Lazarus (Viadrinae-Darmstadt), Frankfurt a. Main. Achad-Haam — unter diesem Pseudonym verbirgt sich der Londoner Direktor der Filiale, die eine große russiche Teefirma dort unterhält. Uscher Ginsberg ist der bürgerliche Name dieses bald sechzigjährigen Mannes, der in Rußland geboren, streng chassidischen Kreisen entstammend, sich in seiner Jugend die umsassendsten Kenntnisse der jüdischen Religionsliteratur erworben, dann als Autodidakt auch weitreichendes Wissen aus dem Geistesschatz der europäischen Kulturvölker angeeignet hat. So ausgerüstet, gab er mehrere Jahre hindurch die bedeutende hebräische Monatsschrift,^aschiloach" heraus, bis er sich schließlich dem Berus des Kaufmanns zugewandt hat, ohne freilich seine wesentlich hebräische schriftstellerische Tätigkeit etwa ganz aufzugeben. Eine Sammlung seiner Essays und Abhandlungen hat der „Jüdische Verlag" unter dem Titel „Am Scheidewege" nunmehr d. i. 1913 in zweiter Auflage herausgegeben. Professor Israel Friedländer aus New Jork war es, der diese Abhandlungen in ein schönes lesbares Deutsch übertragen und das Buch mit Vorrede und anregender Einleitung versehen hat. Warum wir uns mit diesem Buch beschäftigen sollen oder, so will ich vielmehr sagen, müssen? Weil uns in Achad-Haam unstreitig der geistvollste Kopf unter den Zionisten der Gegenwart begegnet. Gewiß verdient neben ihm Theodor Herzl auch die Verehrung und Bewunderung seiner Gegner, gerade wegen seines reinen unumstrittenen Idealismus, mit dem er sich der Sache des Judentums gewidmet hat. Aber es läßt sich doch nicht leugnen, daß Herzl, in seiner Erziehung bekanntlich dem Judentum als solchem entrückt, vielmehr ausschließlich von den Elementen westeuropäischer Geisteskultur erfüllt, eben weil er erst im reifen Mannesalter sich den jüdischen Geisteswerten zugewandt, um dieses unaustilgbaren Mangels willen nicht als so ganz kompetenter Beurteiler des Judentums zu gelten hat. Umgekehrt ist hingegen, wie wir sahen, der Weg Achad-haam's, eines Mannes gleichfalls von ernstester Gesinnung, aufrechter Denkungsart, der aus dem Drang seiner Ueberzeugung heraus urteilt und spricht und weder durch Zustimmung noch Gegnerschaft in seiner Meinung sich beirren läßt. Mit einem Wort eine überaus sympathische Persönlichkeit, die in sich eine wundervolle Mischung von Kräften des Ostjudentums und westeuropäischen Kulturelementen vereinigt. Und gerade die erwähnte Tatsache, daß er die starken Seelenmächte des Chassidismus kraft seiner Herkunft und Erziehung in sich aufgesogen, gab ihm die Möglichkeit, über den nüchternen Rationalismus, in dem der Jude Westeuropas immer noch besangen ist, hinauszugehen und nicht nur aus der Kenntnis der Tatsachen und ihrer intellektuellen Wertung, sondern aus einem gehaltvollen Fühlen heraus seine Anschauung zu gestalten. Achad-Haam, der Ostjude und Zionist, ist nun keiner von denen, die ihr Judentum und ihren Zionismus zusammenballen, in blinder Wut und leider oft genug auch in wüstem Geschimpfe, zu einem Kamps und Streit und Haß gegen die sogenannte „Assimilation". Niemals hat er die Assimilation geschmäht. Er sieht vielmehr in ihr, die nur richtig zu erfassen ist, eine an sich gesunde Bewegung. Er ist überzeugt, daß es die Aufgabe des Juden sei, die in ihm lebende nationale Eigenart zu vervollkommnen, und zwar nicht auf dem Wege jener Einseitigkeit, die immer wieder nur jüdische Werte in sich aufnehmen will. Vielmehr liegt nach ihm in dem Juden geradezu eine Kunst der Nachahmung, die ihn heißt, fremde Werte sich völlig zu eigen zu machen, um dann mit Hilfe so verstärkter Kräfte Neues zu schaffen und den Anderen Konkurrenz zu bieten. Achad- Haam fürchtet also nicht das Gespenst, mit dem der Zionist sonst sich und seine Gesinnungsgenossen zu schrecken pflegt. Aber eine andere Furcht kennt er, die Furcht vor der Zersplitterung. Man kann nicht leugnen, daß hier ein Angstgefühl lebendig ist, mit dem der ernst denkende Jude zu rechnen hat und das gewiß geeignet ist, ihm Besorgnis einzuflößen. Es muß zugestanden werden, daß das heutige Judentum in "Gefahr ist, sich aufzulösen in eine Anzahl von Gruppen, so daß es damit wieder in eine Zustand geraten könnte, wie er den Ausgangspunkt der Geschichte seines in Stämme gespaltenen Volkes gebildet hat und der glücklich von ihm überwunden war. Gerade die Assimilation, die die Juden der verschiedenen Länder und verschiedenen Kulturmilieus in jeweils anders gearteter Richtung sich entwickeln heißt, könnte eine solche Gefahr heraufbeschwören. Darum befürwortet, nein verlangt Achad-Haam eine Zentralisation, und insofern ist er Zionist mit der ganzen Glut seiner Empfindung. Freilich ging er auch hier seine eigenen Wege: Wie sich schon aus den flüchtig angedeuteten Gedankengängen ergibt, ist seine „Zionsliebe" gerichtet zuerst und vor allem auf das Judentum. Die Not jüdischen Geisteslebens quält ihn im Innersten seines Herzens. Hier muß Hilfe geschaffen werden. Darum hofft und glaubt er, daß eine Vereinigung oder wenigstens Sammlung jüdischer Geisteskräfte in Palästina die erste und dringlichste Ausgabe unserer Renaissance-

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