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KC-Blätter · 1914-07-01 · Heft 10 (1.7.1914) · p. Seite 212

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 10 (1.7.1914)
Date
1914-07-01
Page
Seite 212 (sequence 4)
Language
German
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sowie die Armen unter besonders erhöhtem Schutz standen, ist allbekannt und oben auch schon ausgeführt. Besonders seinen Sinn und Takt zeigen des weiteren viele Vorschriften aus dem Prozeßverfahren: „Du sollst nicht das Recht des Armen in seinem Rechtsstreit beugen. Du sollst ihn aber auch nicht bevorzugen in seinem Rechtsstreit. Richtet nach Gerechtigkeit zwischen dem Mann und seinem Volksgenossen oder auch seinen Fremdlingen." In reicher Kleidung durfte niemand vor Gericht erscheinen, namentlich dann nicht, wenn der Gegner m einfacher Kleidung erschien. Wenn sich die Unschuld eines Armen erwiesen hatte, so mußte er sofort freigesprochen werden, dagegen durfte eine Verurteilung erst am nächsten Tage erfolgen. Das mildeste Recht konnte jedoch nicht verhindern, daß sich unter den Genossen Hilfsbedürftige befanden. Auf diese bezieht sich ein umfassender Teil der jüdischen Lehre; seit ältester bis in die jürtajte ßeit zeigt sich hier der soziale Geist des von Menschenpflicht tief durchdrungenen Juden. Rabbiner Dr. Bergmann hat der „Mildtätigkeit^ ein besonderes Kapitel gewidmet. Den Kernpunkt seiner Ausführung bildet die Tatsache, daß die Thora zum religiösen Gesetz erhoben hatte, was die Propheten als sittliches Ideal hingestellt hatten. Die Liebestätigkeit war im alten Israel ein religiöses Gebot, welches auch im nachexilischen Judentum streng befolgt und in zahlreichen Einzel- Vorschriften fortgebildet wurden so entstanden Lehrsätze, wie „das Almosengeben verlängert das Leben", und umgekehrt „wer sich der Wohltätigkeit entzieht, ist wie ein Götzendiener". Das besonders Wertvolle und Zartsinnige der Liebestätigkeit bestand jedoch in der Vorschrift, daß diese mit dem Herzen geschehen mußte; nach der heiligen Schrift lag kein Akt der Milde vor, auch wenn jemand seinem Nächsten die kostbarsten Gaben der Welt überreichte, falls das Geben in liebloser, taktloser Weise geschah. Der dem Judentum eigene Grundgedanke, der den Mitmenschen schuf, verlangte auch, daß der Arme, wenn möglich, gär nicht merken durste, daß er unterstützt oder von wem er unterstützt wurde. Darum sollte man dem Armen nicht ein Geschenk, sondern ein Darlehn anbieten. Als höchste Wohltat aber galt es, wenn nicht nur einzelne Unterstützungen gewährt, sondern dem Armen die Möglichkeit gewährt wurde, sich wieder auf eigene Füße zu stellen, um sich empor zu arbeiten. Diese Wohltätigkeit sollte jedermann gegenüber geübt werden, nicht nur gegenüber den Juden. In jeder jüdischen Gemeinde gab es verschiedene Wohltätigkeitseinrichtungen, zu denen unbedingt immer eine Armenkasse gehörte. Bergmann zeigt auch, daß die jüdische Wohltätigkeit zu den wenigen guten Eigenschaften gehört, die selbst von unseren Feinden seit altersher bis M die Neuzeit anerkannt worden ist. - Er schließt seine Ausführungen mit den Worten, „daß das Judentum der Welt die Verkündigung gebracht hat: Menschenliebe ist Gottesdienst!" Zur Erkenntnis der sozialen' Kulturstufe des alten Judentums gehört auch eine Betrachtung, welche Stellung der Frau in den Gesetzen gegeben wird. Mit dieser Frage beschäftigt sich Rabbiner Dr. Eschelbacher. Das Judentum hat niemals aus dem Standpunkt gestanden, daß die Frau ein untergeordnetes dem Männe nicht gleichwertiges Wesen sei; es hat ihr im Gegenteil unbedingte Gleichberechtigung und weitgehende Hochachtung gezollt. Die heilige Schrift und die alte jüdische Literätur enthalten Worte höchsten Lobes für die Frau; und zahlreiche jüdische Frauen der alten Zeit werden als Heldinnen und große Charaktere geschildert. Die jüdische Frau hat ihre Welt in der Familie, in der Ehe. Das feststehende Ideal ist es, daß Mann und Weib nur auf dem Boden der Familie ihr höchstes Glück finden können. Die Gedanken des Juden werden nicht in erster Linie von der Liebe, sondern von der Ehe erfüllt. Gewiß feiert das Judentum auch die Liebe, aber sie ist lediglich die Vorbedingung und immer steht mit ihr in engster Verbindung die Ehe. Die Poesie der Liebe ist stets die Verherrlichung der Ehe. Darum feiert das Judentum die Hausfrau, weniger die Jungfrau. Während die Kultur- Europas das ganze Mittelälter hindurch von einem Stande der Ehelosen geführt worden ist, dem katholischen Klerus, ist es im Judentum fast ausnahmslos anders gewesen. Die jüdische Ehe ist demgemäß stets innig und zart gewesen. Die höchste' Ehre aber genießt die Frau als Mutter. Erst die Kinder geben dem Weibe seine richtige Stellung. Die ideale jüdische Hausfrau führt ein Leben voll reicher Arbeit für Haus und Familie. Ihr Leben wird durch Arbeit geadelt. Ihre Arbeit macht sie fröhlich; denn sie hat das Gefühl, ihr Tun ist gut und segensreich. Eschelbacher wirft noch einen kurzen Blick auf die gegenwärtige Stellung der jüdischen Frau. Er zeigt, daß die moderne Zeit der Frau neue andere Ausgaben gestellt habe als die Fürsorge für das Hausauch die jüdische Frau hat es versucht, diese Aufgaben zu den ihrigen zu machen. Er knüpft hieran die scheinbar mit Särge erfüllte Frage, ob sich dadurch das Wesen der jüdischen Frau ändern könnte, zumal däs alte jüdische Jdeäl, daß das schönste Glück in der Ehe liege, nicht mehr in voller Kraft bestehe

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