KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 10 (1.7.1914)
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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210 nur der Knecht, sondern auch der Herr. Die Arbeit ist nicht nur ein wirtschaftlicher Wert, sondern ein religiöses Gebot und begründet daher das sittliche Leben der Menschen. Im engsten Zusammenhang mit dieser Vorschrift ist das göttliche Gebot der Ruhe gegeben. Das sittliche Leben soll sein' ein ständiger Rhythmus von Arbeit und durch religiöse Vertiefung geadelter Ruhe. Dieses religiöse Gebot verkündet aber auch das allgemeine Menschentum, die Gleichheit aller Menschen und gibt selbst dem Sklaven das Recht der Persönuchkeit. Auch der Sklave genieße an diesem Tage seine menschliche Freiheit! Das Rasten, das ihm am Sabbat gewährt wird, ist nach der jüdischen Lehre nicht ein freies Zugeständnis seines Herrn, sondern ein von der Gottheit herrührendes persönliches Recht, das ihm als Menschen gewährt werden muß. Die Vorschrift des Sabbat ist darum im höchsten Sinne sozial, denn sie fordert nicht etwa Barmherzigkeit und Mitleid, sondern verkündet und anerkennt Rechte. In dieser Vorschrift offenbart sich die Grundanschauung der jüdischen Religion, daß nicht das Leiden oder das Mitleid im Mittelpunkt des menschliche» Lebens stehen, sondern die Sittlichkeit und das Menschentum, die adelnde Kraft der Arbeit, die Herrschaft der Moral, der sich Herrschende und Dienende in gleicher Weise freudig unterzuordnen haben. Das religiöse Gebot des Sabbat hatte zur Folge, daß das ihm aus der Schöpfungsgeschichte Anhaftende völlig in den Hintergrund trat, und daß dieser Tag zu einen» Menschheitsfest wurde, daß er den Menschen aus Dunkelheit und Selbstanbetung befreite, daß er den Sinn der Menschen von einer mystischen Suche nach Gotteseigenschaften ablenkte und sie zu „leben" hieß! Vom Sabbat gilt darum, was Mose von der ganzen Thora sagt: „Sie ist nicht im Himmel, sie stammt aus überirdischen Bezirken, aber sie sucht den Irdischen, den Staubgeborenen." Ein vom Rabbiner Or. Baeck gelieferter Beitrag: „Die Schöpfung des Mitmenschen" schreibt im Einklang mit den Ausführungen Nobels der jüdischen Lehre das einzigartige Verdienst zu, den Begriff des Mitmenschen ernannt zu haben. Der Mensch wird begriffen nur, wenn er, wie das alte biblische Gleichnis es sagt, als das Kind Gottes, als „das Ebenbild des Ewigen erkannt ist"- hiermit ist der Grundsatz des Menschentums" gewormen. Alles weitere ist aus diesem Grundsatz nur eine Folgerung. Die trennenden Grenzen zwischen den Menschen fallen: Die Stände und die Kasten gehen alle auf in der höheren Einheit, mit der die Idee des Menschentums alle Menschen miteinander als gleiche Kinder einer Schöpfung verbindet. Jeder Mensch ist „mein Bruder, mein Nächster, ich kann an mein Leben glauben nur, wenn ich an das seine glaube". „Nur wenn ich vor ihm Ehrfurcht hege, habe ich die Ehrfurcht vor dem, was das Menschlichste in mir ist." Damit ist erst der Mitmensch geschaffen und somit erst das ganze Menschentum. Baeck führt aus, wie durch diesen Grundsatz sich die soziale Idee im Judentum entwickelt hat und sieht die besondere Bedeutung darin, daß diese hohe Idee auf religiöser Grundlage ruht. Hierdurch gervinnt sie ihre Sicherheit und ihre Weite, hierdurch unterscheidet sie sich von einer allgemeinen gesellschaftlichen oder staatlichen Einrichtung und wird zu einem Gebot Gottes, das von den Anhängern der Religion aus Herzensnotwendigkeit befolgt werden muß. Diese religiöse Idee ist es, die dem Leben erst seinen wahren Inhalt verleiht. Denn die Betättgung und die Uebung der jüdischen Religion besteht darin, ein Mitmensch zu sein und Gerechttgkeiten zu üben. Wer Gerechttgkeit übt, befolgt das höchste Gebot der Gottheitwer Gerechtigkeit übt, betättgt seine Religion. So wird es denn züm höchsten Sittengesetz: „Du sollst ein Mitmensch seinwas wir dem Andern gewähren, ist sein Recht,' wenn wir es ihm erweisen, so haben wir Gerechttgkeit geübt. „Versagen wir es ihm, so wird, wie ein Bibelwort von den alten Lehrern aufgefaßt wurde, ein Raub an seinem Menschenrecht begangen." Die Gerechtigkeit am Mitmenschen ist der Weg zur Gottheit. Baeck führt zum Schluß in feinster Weise aus, daß gerade in diesen Anschauungen die wesentlichsten Unterscheidungsmerkmale von andern religiösen Lehren liegen. Andere Lehren legen das Hauptgewicht darauf, dem Heil der eigenen Seele zu dienen. So kommt es, daß nach anderen Religionen der Frömmste der sein kann, welcher als Einsiedler lediglich in Gebeten seiner Seele und seinem Seelenheil zu dienen sucht und daß er sein größtes Heil darin sieht, von den Menschen und der Mitwelt abgeschieden zu sein. Dem religiösen Juden ist dagegen das einsame Fürsichleben, das Sich-der-Menschenweltentziehen, nur Stückwerkdem Einsamen „fehlt zur Bewährung des Menschentums der Menschenbruder". Darum ist dem Judentum die soziale Idee, das Leben eines für den andern, das Wichtigste. „Ueberall, wo dieser Geist vorwärts dringt, wirtt der Genius Israels, der den Mitmenschen geschaffen hat." Di*. Simon Bernfeld zeigt in seinem Aufsatz „Staat und Gesellschaft," wie die Bibel nun die Grundidee des Mitmenschen konsequent durchgeführt hat. Die biblische Staatsidee ist der Gedanke der Gleichheit aller Mitglieder, der Herrschaft des Rechts und der Freiheit. Wo gegen diese Grundsätze verstoßen wird, hört der Staat auf zu existieren, und es kann höchstens von