KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 9 (1.6.1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 199 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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199 Lehrer. Wesentlich ist aber auch hier, daß es sich keineswegs um eine Schöpfung der palästinensischen Judenheit handelt.' Man hätte allerdings erwarten sollen, daß die palästinensische Judenheit, die mit so wildem Fanatismus in den Sprachenkampf eingriff und der doch das Schulwerk unmittelbar zugute kam, bei der Sammlung in der ersten Linie gestanden hätte. Tatsächlich haben aber die palästinensischen Juden, einschließlich der Juden der gesamten Türkei von den fast M. 300000.—, welche von zionistischer Seite ausgebracht wurden, noch nicht ganz M. 7000.—, also nicht einmal 3% beigesteüert. Diese Tatsache allein spricht Bände. Auch die kritiklose Lobrede auf die sonstigen Erfolge geht an dem Kern meiner Ausführungen vorbei. Es ist doch wirklich nichts Besonderes, daß es schließlich bei Aufwendung von 85 Millionen Francs und der aufopfernden Tätigkeit zahlreicher Organisationen möglich ist, den Kolonisten hübsche Häuschen hinzusetzen, welche den Besucher entzücken. Der Besucher sieht aber nicht, daß die Kolonisten in den wohnlichen Häusern vielfach Mangel leiden, so daß — wie ich eingehend belegt habe — die Kolonisten oder ihre Söhne auswandern. Das Erreichte entspricht nicht annähernd den aufgewandten Mitteln und steht an Umfang hinter den Erfolgen in Argentinien oder in den Vereinigten Staaten von Nordamerika erheblich zurück. Worauf es schließlich ankommt, ist aber, daß alles bisher Erreichte und wohl auch künftig Mögliche im Verhältnis zum Endziel — einer Lösung der Judenfrage — verschwindend klein ist. Sagte doch selbst Ruppin, der Leiter des zionistischen Palästinaamts, auf dem letzten Zionistenkongreß: „Mancher nteint, daß unsere kolonisatorische Tätigkeit schon ungeheuer groß sei. Mir kommt sie leider i m Verhältnis zu unserer Aufgabe jämmerlich klein vor. Diese Kleinheit ist sogar meine größte Sorge." Jedenfalls fehlt sowohl der Beweis, daß eine jüdische Siedelung in Palästina im großen Umfange möglich als insbesondere auch der Beweis, daß eine derartige Siedelung das Leben der Juden in der Diaspora entscheidend beeinstussen könnte. Es gibt doch in Europa und in Amerika große geschlossene Judensiedlungen. Warum geht denn von ihnen keine Wirkung aus? Steht denn Palästina so außerhalb aller natürlichen und sozialen Gesetze, daß das, was Millionen Juden in Europa oder Amerika nicht fertig bringen, von wenigen Hunderttausenden in Palästina eher vollbracht werden könnte? Wenn es diese Wunderwirkung ausübte, warum ist sie trotz der unermüdlichen, in materieller Hinsicht glänzend unterstützten Arbeit von mehr als 3 Jahrzehnten ausgeblieben? Auch bei dieser Arbeit haben von Anfang an Nationaljuden mitgearbeitet. Ihr Nationalismus hat die natürlichen Gesetze nicht umstiirzen könnener macht den Boden nicht fruchtbar und kann die zahllosen Widerstände nicht beseitigen. Die von mir mitgeteilten Tatsachen zeigen deutlich, daß das bisherige Fiasko des Versuchs, die Judenfrage durch die Palästinakolonisation zu lösen, nicht zufällig ist. Wer trotz aller bisherigen Erfahrungen seine ganze Hoffnung auf Palästina setzen will, muß schon andere Beweise bringen als schöne Reden und gewandte Dialektik. Marx schließt seine Ausführungen mit der Behauptung, daß die palästinensische Judenfiedlung das Einzige sein werde, was eine Zukunft des Judentums verbürge. Er spricht von „soziologischen Gesetzen", welche den Untergang der Judenheit in der Diaspora herbeiführen müssen. Diese „soziologischen Gesetze", womit er wohl die . zionistische ,Merelendungstheorie" meint, sind keineswegs erwiesen. Das mächtig aufblühende Leben unter der Judenheit in der Diaspora in den letzten 30 Jahren, insbesondere aber der Umstand, daß in Ländern, in denen kein oder nur geringer Antisemitismus herrscht, z. B. in England, Amerika und Italien, von den Verfallerscheinungen nichts zu merken ist, spricht gegen jene Theorien. Jedenfalls haben alle bisherigen praktischen Erfahrungen gelehrt, daß die Förderung aller aufsteigenden und erhaltenden Tendenzen die Zukunft des Judentums viel sicherer gewährleisten kann, als eine nationale jüdische Siedelung in Palästina. als Student und vurschenschaster in Heidelberg von W6 bis W9. Aus den Lebenserinnerungen von vr. meci. C. H. Alexander Pagenstecher. In dem durch seine gediegenen Veröffentlichungen bekannten Voigtländerschen Verlag in Leipzig erscheint eine als „Quellenbücher" bezeichnete Sammlung, in der wissenschastlicheForschungen in der Bearbeitung klassischer Quellenwerke, markante geschichtliche und kulturhistorische Abschnitte von zeitgenössischen Federn dargestellt sind. Band 66 dieser Sammlung trägt obigen Titel. Er enthält die tagebuchartig zusammengefaßten Erlebnisse eines späteren praktischen Arztes in den nach den Freiheitskriegen folgenden, für unsere Studentengeschichte so bedeutsamen Jahren und versetzt uns in die burschenschaftlichen demagogischen Kreise Heidelbergs, denen der Verfasser als „Teutone" angehörte. Wir erhalten in dem Buche eine geschichtsgetreue, lebendige Darstellung des damaligen akademischen Treibens und insbesondere der Anschauungen und Bestrebungen