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KC-Blätter · 1914-06-01 · Heft 9 (1.6.1914) · p. Seite 200

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 9 (1.6.1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 200 (sequence 12)
Language
German
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200 der Burschenschaft und erleben gleichsam beim Lesen dieser Erinnerungen jene große Zeit deutscher Burschenherrlichkeit mit ihrem Kampfe, ihrer Begeisterung, ihrem Ernste und Heldenmut. Noch nicht 17 jährig kommt Pagenstecher im April 1816 nach Heidelberg. Die Studentenschaft, die er hier zunächst kennen lernt, zeigt, soweit sie den verschiedenen Landsmannschaften angehört, in parttkularisttscher Engherzigkeit eine ausgesprochene antideutsche Gesinnung, es fehlt ihr jeder sittliche Halt, ihren Bestrebungen jede ernstere Grundlage. Die Kommilitonen sind rauf- und sauflustiae Gesellen, die „in Flausch und Kanonen, mit Bullenbeißern und kolossalen Pfeisenquasten herumsteigen". Sie wollen ihm nicht behagen, erscheinen ihm in der Kleinlichkeit und Äußerlichkeit ihres Strebens ledern und langweilig, in ihrem unpersönlichen und unselbständigen Wesen würdelos. Um so engere Freundschaft knüpft er mit einigen Studenten, die seinem Geiste und seiner Gemütsverfassung näher stehen. Besondere Zuneigung verbindet ihn mit einem älteren Mediziner, Heinrich Marx aus Karlsruhe, der, was uns K. C.er besonders interessiert, Jude ist und ihn durch seinen romanttschen Schwung, seine kraftvolle Frische und seine geistigen Fähigkeiten anzieht. (Marx war später Professor der Medizin in Götttngen, starb 1877.) Er genießt mit diesen Freunden die frische Naturschönheit und den geistigen Reichtum Heidelbergs und liegt mit eifrigem Interesse seinem medizinischen Studium ob. Da kommt Pagenstecher Ende des Sommersemesters 1816 durch Zufall — Heidelberger Verwandte haben ihm zum Geburtstag Aufputz und Abzeichen der Deutschen Studentenpartei geschenkt — in den Kreis jener Verbindungen, die sich unter der Führung der drei Brüder Follen (Adolf, Karl und Paul) nach den Freiheitskriegen gebildet und als „Teutonen" oder „Schwarze" von Jena und Gießen aus auf den Universitäten Ausbreitung gefunden hatten. Hier trifft er im Gegensatz zu den landsmannschaftlichen Vereinigungen einen großen sittlichen Ernst, edle Begeisterung, hohe Ideen und ausgezeichnete Menschen und bald ist er vollständig dieser deutschen Studentenpartei gewonnen. Er schließt sich innig an Adolf Follen an, der ihm in seinem heldenmütigen Tun und ritterlichen Wesen Vorbild ist. In diesem Kreise lebt der romanttsche, patriotische Geist, den die Freiheitskriege geweckt hatten, die Idee von Deutschlands Einheit durch Beseitigung aller partikularisttscher Schranken, die Hoffnung aus Deutschlands Freiheit gegenüber aller äußerer und innerer Despotte. Das unmittelbare Ziel ist, diese Gedanken durch eine organisierte Studentenverbindung zu festtgen. Eine einheitliche deutsche Burschenschaft soll das zersplitternde Landsmannschaftswesen ablösen. Nach heftigen Kämpfen gelingt es, sich gegen das herkömmliche Studentenbewußtsein durchzusetzen und Anhang zu gewinnen. In dieser deutschen Burschenschaft lebt und wirkt die treueste Hingabe für die nationale Idee und das Bewußtsein der hohen Aufgaben prägt sich in einem ernsten, sittlichen und' nüchternen Tun und Wesen aus, das auf Kraft und Wahrheit bedacht ist. Pagenstecher widmet sich mit Eifer den burschenschastlichen Bestrebungen, ist im Vorstande der Burschenschaft, steht auf dem Fechtboden und vertritt in Versammlungen mit Begeisterung die neuen großen Gedanken. Und doch findet er in diesem Treiben nicht volle Befriedigung. Sein kritischer Geist empfindet es als phantastische Schwärmerei, sein wissenschaftlicher Ernst und seine Gewissenhaftigkeit als äußerlich, leer und eitel. Nur der übermächttge Geist und Charakter von Karl Follen bannen ihn wieder in den romantisch-polittschen Jdeenkreis. Als dieser Heidelberg verläßt, erkaltet auch die Teilnahme Pagenstechers an der Burschenschaft, zumal er durch den Tod' des Vaters und die damit verbundenen Schwierigkeiten genötigt ist, sich seinen Studien ganz hinzugeben, um mit dem Examen Selbständigkeit zu erlangen. Er verbindet sich jetzt wieder enger mit seinem Freunde Marx und interessiert diesen zu lebhafter Beteiligung an den patriotischen Plänen der Burschenschaft. Marx geht nach Freiburg, um dort deutsche Burschenschaft und Vaterlandsliebe zu propagieren. Pagenstecher selbst arbeitet fleißig, erringt mit einer Preisarbeit die goldene Medaill. und macht sein Staatsexamen. Dann bringt der März 1819 die Katastrophe mit der Ermordung Kotzebues durch Sand. Es folgen „Demagogenriecherei und Demagogenjagd", der auch Pagenstecher und Marx zum Opfer fallen. Sie müssen als Verdächttge ins Gefängnis. Dieser neun Monate, jener vier Wochen zur Untersuchung. Jedes nationale Freiheits¬ und Einheitsgefühl wird von der Reaktion unterdrückt. Nach dem Examen will Pagenstecher weiteren klinischen Studien obliegen. Er muß nach Paris gehen, weil ihm der Paß nach Berlin verweigert wird, und ist auf der Reise noch den lästtgsten Untersuchungschikanen ausgesetzt. Diese Blätter führen uns in die Zeit des vorigen Jahrhunderts, als der nationale Gedanke auf dem Boden der Universitäten erwachte und der Kampf für höchste vaterländische Ideen und Ziele eine einige Studentenschaft voll Mut, Hingebung und kraftvoller Begeisterung, frei von kleinlichem Parteigezänk, Klassenneid und Glaubenshaß schuf. Solche Blüte deutschen Studententtrms erwuchs ein Jahrhundert lang nicht mehr, da

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