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KC-Blätter · 1914-06-01 · Heft 9 (1.6.1914) · p. Seite 198

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 9 (1.6.1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 198 (sequence 10)
Language
German
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198 Gewiß, Löwenstein hat recht, wenn er sagt, Palästina werde niemals so viele Juden fassen, wie die Erde heute birgt. Aber Palästina wird aller Voraussicht nach der Ansatz- und Ausmmgspunkt und der organisatorisch-kulturelle Mittelpunkt einer großen vorderasiatischen Judensiedlung werden. Gewiß, Löwenstein hat recht, wenn er sagt, die Besiedlung Palästinas sei nur ein Teilproblem der Judenfrage. Aber immerhin wird die palästinensische Judensiedlung die einzige sein, die eine Zukunft des Judentums verbürgt, und darum wird dieses Teilproblem manchem am meisten am Herzen liegen. Denn alle die von Löwenstein genannten, sicherlich in ihrer Art bedeutsamen und guten Organisationen werden nicht imstande sein, die soziologischen Gesetze aufzuheben, die den Untergang des Judentums in den Ländern der „Diaspora" teils langsam, teils rapide herbeiführen. Indessen, hier beginnt ein Problem, das den Rahmen dieser Zeilen überschreitet. * 4- * Sur Erwiderung. Bon Karl Löwen st ein (Licariae, Rheno-Silesiae), Aachen. Anstatt auch nur den Versuch zu machen, irgendeine der zahlreichen Tatsachen meines Palästinaartikels zu entkräften, klammert sich Marx an das eine Wort „Bettler", offenbar, um — in nicht gerade sachlicher Weise — mir einen Vorwurf daraus zu machen, daß ich die armen palästtnensischen Juden wegen ihrer Armut verhöhnt hätte. Würde Marx die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der palästinensischen Juden auch nur oberflächlich kennen, dann würde er sicherlich gemerkt haben, daß der Ausdruck Bettler keineswegs gewählt war, um die palästinensischen Juden ob ihrer Armut zu beschimpfen, sondern um jene ganz eigenartigen Zustände der palästinensischen Judenheit zu charakterisieren, welche ihre Kulturfähigkeit noch viel mehr herabsetzen, als Armut allein es könnte. Es bedarf keines besonderen Beweises, daß Armut das größte Hemmnis der Kulturentwicklung ist. Denn jede Kulturarbeit erfordert einen Ueberschuß an Kraft. Wer in Not und Elend lebt und alle Kräfte anspannen mutz, um den kärglichsten Unterhalt zu gewinnen, wem das Leben niemals seine heitere Oeite zuwendet, von dem kann man keine kulturschöpferische Tätigkeit erwarten. Erst nachdem ein Volk eine gesicherte Existenz, einen gewissen Wohlstand erlangt hat, vermag es Kräfte für größere Kulturaüfgaben frei zu machen. Aber die palästinensischen Juden sind nicht nur arm, sie sind, was viel schlimmer ist, tatsächlich zum überwiegenden Teil Almosenempfänger und Bettler. Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung in Palästtna, namentlich der städtischen, lebt von den Almosen der Ch a lukah und der zahllosen anderen reinen Wohltättgkeitsorganisattonen. Armut schändet nicht, -aber das Hinschielen auf Almosen und Spenden demoralisiert. Ein Zionist, Nachum Goldmann, entwirft in feinen sorwen erschienenen „Reisebriesen" von dem Chalukahjudentum folgendes Bild': „Dies sind eben die moralischen Folgen der Chalukah: Unehrlichkeit, Verstellung, Heuchelei auf der einen Seite, erkünstelter Fanatismus Hand in Hand mit gewissenloser Bereicherung auf der anderen. Die Armut Jerusalems hat diese Stadt mit einem abstoßenden physischen Schmutz angefüllt. Die bisher angewandten Mittel zur Linderung der Armut, vor allem die Chalukah, haben in der Stadt einen noch abstoßenderen, widerlichen moralischen Schmutz hineingetragen. Und ich glaube: Biel leichter und viel früher wird man die auf den Gasten liegenden Schmutzhaufen aus Jerusalem schaffen können, als es gelingen wird, es von seinem moralischen Schmutze zu säubern." Diese Schilderung mag übertrieben sein. Jedoch wird man mir zugehen, daß ich kein Wort zu viel gesagt habe, als ich schrieb: „Eine Bevölkerung, die zu drei Vierteln aus Bettlern besteht, deren kulturelles Niveau zum größten Teil außerordentlich niedrig ist, kann niemals der gesamten Judenheit einen starken Rückhalt oder gar die kulturelle Grundlage bieten." Auch die Schilderung der bisherigen Kulturarbeit der palästinensischen Juden zeugt von keiner großen Sachkunde. Marx ist offenbar ein Opfer jener zionistischen Publizistik geworden, die in ungeheuerlichen Uebertreibungen jeden unbedeutenden Vorgang zu einem großen Ereignis herausputzt und in sehr unangebrachter Ruhmredigkeit alles Erreichte der zionistischen Arbeit zuschreibt. Was kann es fiir die Kulturfähigkeit Palästinas bedeuten, wenn ein tüchtiger Gelehrter, der übrigens aus Paris zugewandert ist, dort ein hebräisches Wörterbuch schreibt, oder wenn in den Schulen die Kinder Hebräisch sprechen lernen? Auch ist das — wie ich zugebe.— verhältnismäßig recht bedeutende Schulwerk keineswegs „blitzartig" „über Nacht" entstanden und auch nicht eine Schöpfung der palästtnensischen Juden, sondern des Hilfsvereins der deutschen Juden, der die Mittel aufgebracht und die Lehrer herangebildet hat. Allerdings hat neuerdings, während des Sprachenkampfes, die zionisttsche Organisation einige hebräische Schulen eröffnet, nachdem sie bereits vorher mit der Gründung eigener Schulen begonnen hatte. Aber auch das konnte sie nur durch den Uebertritt der vom Hilfsverein ausgebildeten

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