Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1914-06-01 · Heft 9 (1.6.1914) · p. Seite 191

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 9 (1.6.1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 191 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2268830-2268874-2268884--1203-3522911
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

191 oft den vertrauten Freund sieht! Seine Augen schließen sich gegen den moralischen Sumpf, er wird sicherlich die Sache von der Person nicht mehr trennen können, er verlernt es, das Unehrenhafte im Wesen des Täuflings zu sehen, und die Folge ist, daß viele Hunderte von Juden, deren Ehrempfinden sonst ein sehr feines ist, aus Schonung für Bundesbrüder und Freunde den Charakter des Taufjuden nicht mit dem rechten Worte bezeichnen, daß sie ihn selber nicht in der gebührenden Weise behandeln wollen, falls ihnen nicht die Verbindung überhaupt das Verständnis dafür langsam abgewöhnt hat. Solche Leute sind nachher im Leben am leichtesten geneigt, selber überzutreten. Wenn sie aber beim Judentum verbleiben, sind sie meist das ernsteste Hindernis für eine wirksame Hebung des Moralempstndens der Oeffentlichkeit, und es ist darum den meisten paritätischen Verbindungen der Vorwurf nicht zu ersparen, daß sie durch ihre „Toleranz" gegen Täuflinge des Judentums Ansehen schädigen und in jungen Juden die Entwicklung der sittlichen Anschauungen und des Ehrbegriffs aufhalten oder in falsche Bahnen lenken. Schon aus diesem Grunde muß man wünschen und darauf hinarbeiten, daß kein Jude einer paritätischen Verbindung beitritt, weil die dort herrschende Duldung und Verherrlichung des Taufjudentums den Charakter uuo die Moral verdirbt. Und wer sich den Blick vom Parteifanalismus nicht hat verblenden lassen, wird im Interesse des Judentums jeden jungen Juden als einen Gewinn betrachten, der statt in eine paritätische in eine jüdische Korporation eintritt, selbst wenn dem einzelnen die Parteitendenz so mancher jüdischen Verbindung noch so sehr mißfallen sollte. Wer anders denkt, wem die Partei über das Judentum geht, fördert indirekt den Verrat an seiner Gemeinschaft und ihre Auflösung. Die Bedeutung von Massenversammlungen und entrüsteten Protesten soll gewiß nicht herabgesetzt werden, aber sie sind darum nicht die geeigneten und erfolgreichen Werkzeuge zur Niederringung des Taufjudentums, weil ihnen selten Taten folgen. Die große Masse ist meist mit dem Bewußtsein zufrieden, sich moralisch entrüstet zu haben, und die eigentliche Arbeit fällt auf einzelne, die das erforderliche politische und wüsenschastliche Rüstzeug sowie die geistige Befähigung nebst einem ausgebildeten Ehrempfinden besitzen. Daß darum in den Kreisen der wirklichen Bekämpfer des Taufjudentums das akademische Element eine überragende Rolle spielen muß, ergibt sich aus den allgemeinen jüdischen Verhältnissen unseres Vaterlandes von selber. Man yat oft mit Heftigkeit und einem Wust von Argumenten für und wider darüber gestritten, ob zu diesen Kampfesmitteln auch der gesellschaftliche Boykott gehören dürfe, man hat vor allem den Einwand gemacht, daß ein Boykott nur einen Sinn habe, wenn er praktisch wirksam sei, und diese Möglichkeit wurde entschieden bestritten. Es ist bärauerlich, daß man zu solchen Erwägungen kommen konnte, indem man die Frage des Verkehrs mit Taufjuden aus der Sphäre des Sittlichen in die des Politischen hinabzerrte. Vischers altes Wort: - „Das Moralische versteht sich immer von selbst", hat noch immer Geltung, und es ist für jeden selbstbewußten Juden einfach eine Frage der Ehre und der Selbstachtung, nicht aber der politischen Taktik, ob er mit seinen ehemaligen Glaubensgenossen verkehren will oder nicht. Wer es mit seinen Ehrbegriffen vereinen kann, mit Menschen intim umzugehen, denen jeder den Vorwurf der Feigheit und sittlichen Minderwertigkeit macht, wessen Selbstachtung es nicht stört, sich um Leute zu reißen, die doch deutlich genug gezeigt haben, wie sehr sie das Judentum geringschätzen und verachten, dem ist ja nicht zu helfen. Aber man wird es sich verbitten müssen, wenn solche Anschauungen 'ernsthaft auf Beachtung Anspruch erheben, wenn sie gar zu allgemeingiltigen Vorschriften gestempelt werden sollen. Das absolute gesellschaftliche Ansehen, das zum mindesten in der kleinen und mittleren Stadt der jüdische Akademiker unstreitig besitzt, soll hier nicht auf seine Berechtigung, sondern nur auf seine Nützlichkeit hin betrachtet werden. Gerade in der Frage der gesellschaftlichen Stellung der Taufjuhen könnte es von entscheidendem Einfluß sein, wenn der jüdische Akademiker mit seinen theoretischen Anschauungen Ernst machte und den Verkehr mit Getauften einfach miede. Es sei zugegeben, daß sich solches Begehren leichter aussprechen als erfüllen läßt, und daß es Rücksichten geben kann, die unvermeidlich find. Ob z. B. ein jüdischer Assessor eine Einladung seines getauften Landgerichtspräsidenten mit der Begründung, er verkehre mit Täuflingen nicht, ablehnen kann, wird zum mindesten fraglich fein. Aber unsere jüdischen Akademiker gehören meistens freien Berufen an, die gesellschaftlich wenig Rücksichten zu nehmen brauchen, und ihr Beispiä würde den anderen Berufsständen, die diese Hindernisse noch weniger kennen, vorblldlich fein. Ein guter Teil des „getauften" Verkehrs nebst seinen demoralisierenden Folgen könnte bei gutem Willen der jüdischen Anwälte und Aerzte von uns ferngehalten werden, und den unendlichen Wert solcher Säuberung brauchen und dürfen wir weniger in dem sehen, was den Täuflingen damit geschieht — das dürfte oft sehr unwesentlich sein —, als in der inneren Kräftigung, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.