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KC-Blätter · 1914-05-01 · Heft 8 (1.5.1914) · p. Seite 178

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 8 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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178 neue Welle wüsten Antisemitismus flutete über das Landaus ihr entstieg, wie Venus aus dem Meeresschaum, Herr Ahlwardt. Ein kleiner Schulmeister, Rektor einer Berliner Volksschule, war er in drückende flnanzielle Ungelegenheiten gekommen und hatte dabei unangenehme Erfahrungen mit jüdischen Geldgebern gemacht. Diese Erlebnisse, ins Tausendfache vergrößert und vergröbert, warf er nun als Broschüren in die Menge, und die Strömung jener Tage ergriff ihn und seine Pamphlets und trug ihn in die Höhe. In tausend Versammlungen, in Berlin wie im Reiche, redete er sinnloses Zeug in die Menschenmaffen hineindie Unverfrorenheiten, die er mit Jovialität und Bonhommie vortrug, zündeten in jenen Tagen. Und siehe, zwei Wahlkreise des deutschen Ostens wählten den Rektor aller Deutschen in den Reichstag. Ahlwardts Glück nahm ein Ende, als er, dem kleinbürgerlichen Zuge des damaligen Antisemitismus folgend, nicht nur mehr gegen die Juden, sondern gegen allerlei Größen in Staat und Gesellschaft losging und ebenso blödsinnige Reden und Pamphlets,' wie gegen den jüdischen Gewehrfabrikanten und Politiker Ludwig Löwe «„Judenflinten schießen vorn und hinten") auch gegen Minister, Polizeipräsidenten usw. losließ. Der Boden für eine kleinbürgerliche Bewegung & la Lueger war in Deutschland schon nicht mehr vorhanden. Zu fest schon saß die neue Gesellschaft im Sattel. So sind Stöcker, Böckel, Ahlwardt und ihr Anhang gescheitert. Ahlwardt war tot, als er noch lebte. Im Reichstag war er schließlich, wenn er sich unterhalten wollte, auf die Saaldiener angewiesen. Der Antisemitismus ist jedoch nicht mit ihm in die Versenkung verschwunden, sondern nun hat sich das moderne Deutschland seiner angenommen und ihm zwar bessere Formen gegeben, seine Wirksamkeit aber nicht vermindert. * * * „Der Üblagerungsplatz für alte Stiefel." (Ein Stück Jugendbewegung.) Bon Referendar Walter Richheimer (Licariae), Stuttgart. Wer in der Wandervogelbewegung auch nur einigermaßen eingeweiht ist, dem konnte es seit geraumer Zeit nicht entgehen: der so schöne Bau eines Jungbrunnens für unsere Jugend wird immer tiefer und tiefer unterwühlt von frevelhaften Händen. Schon umschlang ein Band der Freundschaft und des Friedens die deutsche Jugend in den Wandervogelgruppen, in und durch die Jugend selbst sollte der Geist unserer deutschen Jugend neue Kräfte erhalten, draußen an Gottes herrlicher Natur sollte sie sich durchringen zur höchsten Sittlichkeit, die ja alle Religionen erstreben. An den Strahlen der Sonne sollten sich die Herzen unserer Jugend erwärmen, und lvie der Eichbaum von den Stürmen, die ihn vergebens umtobten, uns so schön eiHählt, so soll der Jugend Mut in Sturm und Wetter sich stählen, damit auch aus ihr die hehre Kraft spricht, rvie aus jenem Königsbaum. Wie aber draußen in der Natur Gottesfrieden herrscht, wie die Böglein zwitschern in den Bäumen, Blumen sprießen auf lichten Auen, das zarte Rehlein am Waldesrande hinauslugt nach den wogenden Ähren, so sollte hier die Jugend den Frieden lernen, damit sie, wenn sie einst hinaustritt in den Kampf des Daseins, stets mit ihrem geistigen Auge zurück sich sehnt an die erlebte Natur und erkennt: es muß Frieden und Eintracht herrschen unter der Menschheit. Wie so schön war die Idee des deutschen Wandervogels. Nun ist der Friede gebrochen. Gerade der beste Teil unserer Jugend wurde der „Ablagerungsplatz für alte Sttefel". Die Raffensanatiker konnten es zunächst durchsetzen, daß einzelne Ortsgruppen Juden ausschloffen, dann folgten die niederträchttgsten Hetzartikel. Zwar noch war der Kern der Bewegung nicht berührt, insbesondere der Bundesleiter des Wandervogels, Dr. Neuendorff, erklärte, „daß er die Versuche der Anttsemiten, in den . Wandervogel judenfeindliche Tendenzen hineinzutragen, auf das schärfste mißbMge und daß er als Bundesleiter des Wandervogels diese Versuche durchaus bedauere." Desgleichen protestierte so manche Ortsgruppe, in der richttgen Erkenntnis, daß jegliche Vorurteile aus dem Verbände ausgeschlossen bleiben müssen, da eine Jugendbewegung nur dann gesund sein könne, wenn unter allen Umständen politische und religiöse Neutralität bewahrt bleibedenn das Rückgrat des Wandervogels ist die Besttmmung der Statuten:„Politisch und religiös ist der Wandervogel neutral." Allein der Körper, den der Krebs befallen hat, der ist fast unrettbar verloren, und nur des Arztes scharfes Meffer, rasch und entschloffen geführt, kann allenthalben noch rettend wirken — sollte der Krebs nicht schon allzusehr das Innere zerstört haben. Was taten nun die „Aerzte", die Bundesleitung des Wandervogels. „Ohne Debatte" nahmen die auf dem zu Frankfurt a/Oder abgehaltenen Bundestag versammelten Gauführer die Resolution des bereits oben genannten Bundesvorsitzenden, Dr. Neuendorff, an: „Der „Wandervogel" ist auf Grund seiner Satzungen in polittscher und konfessioneller Hinsicht neutral. Die Bundesleitung hat darüber zu wachen, daß die Satzungen beachtet werden

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