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KC-Blätter · 1914-05-01 · Heft 8 (1.5.1914) · p. Seite 173

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 8 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 173 (sequence 5)
Language
German
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173 eine Million Juden anzusiedeln (dazu müßten jedes Jahr 2oOÖO Juden nach Palästina einwandern, also 10 mal so viel als jetzt,' es ist klar, daß so viele nicht untergebracht werden können), dann würde Palästina doch nicht mehr Juden haben, als heute die eine Stadt New Aork. Die ostjüdische Massennot würde dadurch überhaupt nicht gelindert werden. So groß die Auswanderung von 21/2 Millionen Juden in den 30 Jahren erscheint, eine Verminderung der osteuropäischen Juden hat sie trotzdem nicht gebracht. Die Bevölkerung in den osteuropäischen Ländern hat sich seitdem nicht etwa verringert, sondern gar vermehrt. Ist doch die russische/) jüdische Bevölkerung von 5215805 im Jahre 1897 auf 6045690 im Jahre 1905 gestiegen und die jüdische Bevölkerung Galiziens 2| von 772213 im Jahre 1890 auf 811371 im Jahre 1900. Es ist daher für die politische und wirtschaftliche Lage der großen osteuropäischen Judenmassen gänzlich bedeutungslos, ob nun einmal in einem halben Jahrhundert einige hunderttausend Juden in Palästina angesiedelt sein werden, oder nicht. Die geringen Aussichten einer großen jüdischen Palästinakolonisation haben viele Zionisten den Ideen Ach ad Haams näher geführt, der im Gegensatz zu den Zionisten in Palästina nicht eine ,Heimstätte für das jüdische Volk", sondern ein „Kulturzentrum" erstreben will. Achad Haam glaubt, daß die von Palästina ausgehenden Ausstrahlungen einer nationalen hebräischen Kultur die großen Judenmassen zu einer nationalen Einheit verbinden könnten- Palästina soll das Herz des nationalen Judentums bilden, von dem aus der Blutstrom hebräischer Kultur das ganze jüdische Leben befruchten soll. Ich will hier nicht die Frage erörtern, ob die hebräische Sprache wieder zu einer lebendigen Volkssprache umgewandelt werden kann und ob dieser palästinensische Hebräismus tatsächlich mit dem Judentum identifiziert werden kann. Nur die Eignung Palästinas als jüdisches Kulturzentrum und die Bedeutung eines solchen Kulturzentrums für die Lösung der Judenfrage soll noch in Kürze geprüft werden. Zunächst erscheint die palästinensische Judenheit kaum geeignet als Trägerin oder als Schöpferin einer hochentwickelten Kultur. Eine Bevölkerung, die zu drei Vierteln aus Bettlern besteht, deren kulturelles Niveau zum größten Teil außerordentlich niedrig ist, kann niemals der gesamten Judenheit einen starken Rückhalt oder gar die Allturelle Grundlage bieten. Auch mit einigen *) Kaplun — Kogan S. 76. 2) Ruppin, Die Juden der Gegenwart 2. Aufl. S. 87. hebräischen Schulen oder gar einer hebräischen Universität ist es nicht getan. Man kann keine Kultur künstlich züchten, nicht ein Volk in der Studierstube schaffen. Eine wirkliche Volkskultur kann sich nur auf der breiten Basis eines gesunden Volkslebens entwickeln. Das ist aber in Palästina nicht vorhanden und auch in absehbarer Zeit nicht zu schaffen. Und würde sich selbst in Palästina eine hohe hebräische Kultur entwickeln, glaubt man denn wirklich, daß sie auch die Judenheit in den andern Ländern erhalten, sie zu einer nationalen Einheit verknüpfen könnte? Man sehe doch nur, welchen Einfluß selbst die größten Nationen auf ihre Mitglieder in der Diaspora auszuüben vermögen. Selbst einer Nation wie der deutschen gelingt es nicht, ihre nach Amerika ausgewanderten Mitglieder dauernd dem Deutschtum zu erhalten. Trotzdem diese in Deutschland geboren find, das Deutsche als Muttersprache gesprochen haben und obschon ihre Familien in Deutschland leben, gelingt es höchstens, die Auswanderer selbst oder ihre direkten Nachkommen durch Erziehung aus deutschen Schulen an der deutschen Kultur festzuhalten. Regelmäßig eht schon die zweite Generation, sicher aber die ritte Generation in das Amerikanertum auf. Wenn es der deutschen Nation nicht einmal gelingt, ihre in der Diaspora wohnenden Angehörigen vor Fremdassimilation zu bewahren, wie sollte das einer kleinen hebräischen Nation in Palästina möglich sein, wo doch die großen jüdischen Maffen das Hebräische niemals als Muttersprache gesprochen und wo sie niemals irgendwelche persönlichen Beziehungen zu Palästina gehabt haben. Man greift sich an den Kopf, wie es möglich ist, daß solche Phantastereien eine größere Bewegung begeistern können. Für jeden objektiv denkenden Menschen ist es klar, daß die Palästinakolonisation stets nur ein Teilproblem in der großen Judenfrage sein kann. Die Kolonisation des Heiligen Landes wird für viele stets aus rein ideellen Gründen ein hohes, erstrebenswertes Ziel bilden. Eine Lösung der Judenfrage wird es aber nie sein. Es bedeutet eine große Gefahr, wenn man die Judenheit auf die Palästinaarbeit vertröstet und die viel wichtigere Sorge für die großen Maffen, die dauernd in Osteuropa bleiben werden, und für die überwältigende Mehrheit der Auswanderer, die sich nach anderen Ländern wenden, darüber vergißt. Die Arbeit, welche die Jca, die Alliance und der Hilfsverein für die Ostjuden und die Auswanderer leisten, ist für die Judenheit viel wichtiger als die zionistische Palästinaarbeit. Auch eine Erhaltung des Judentums ist nicht möglich durch eine hebräische Kultur. Sie kann nur ermöglicht werden durch eine Konsolidierung und

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