KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 8 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2268830-2268874-2268883--1176-3522883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
172 Kolonisten ist derartig überschuldet, daß sie vielfach einfach ihre Güter im Stiche lassen. Die mißliche Lage der Kolonien hat viele Kolonistensöhne zur Auswanderung nach Argentinien und Australien veranlaßt. Nach einer Mitteilung auf dem X. Zionisten-Kongreßl) haben im Jahre 1911 über 1100 Arbeiter Palästina wegen Mangels an Arbeit verlassen und auch auf dem letzten Zionistenkongreß mußte der Leiter des Palästinaamtes in seinem Referat zuaeben, daß viele junge Leute auch heute noch Palästina verlassen müssen, um sich im Auslande eine Existenz zu gründen?) Es kommt hinzu, daß die große Maffe der palästinensischen Judenheit in sehr ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen lebt. Mindestens drei Viertel der palästinensischen Juden leben von Almosen, vom Bettel. Bisher ist es nicht gelungen, diesen in Palästina wohnenden jüdischen Masten eine gefestigte wirtschaftliche Existenz zu verschaffen.' Wie soll es oa möglich sein, den zum allergrößten Teil blutarmen osteuropäischen Auswanderern in Palästina eine sichere Existenz zu bieten oder sie gar als Bauern anzusiedeln, wo doch auch heute Noch für jede Ansiedelung selbst nach zionistischen Angaben mindestens 15000 Franks erforderlich sind?) Woher sollen die Einwanderer die Mittel zur Ansiedelung hernehmen? Wie arm die osteuropäischen Auswanderer sind, das beweisen die Zahlen über die Vermögensverhältniste der jüdischen Einwanderer in Amerika?) Während im Rechnungsjahr 1910/11 durchschnittlich auf den Kopf aller Einwanderer 33,4 Dollar kamen, brachten die jüdischen Einwanderer pro Kopf nur 21,5 Dollar mit. Die Zahl derjenigen, die 60 und mehrDollar mitbringen, betrug nur5 %. Der ganz überwältigenden Masse der jüdischen Auswanderer fehlt es also an den notwendigsten Existenzmitteln. Sie können deshalb nur dorthin auswandern, wo es ihnen ein hochentwickeltes kapitalistisches Wirtschaftsleben ermöglicht, rasch in industriellen Unternehmen unterzukommen und sich als Arbeiter usw. eine Existenz zu verschaffen. Rur Länder, deren fortgeschrittene kapitalistische Entwicklung eine leichte Eingliederung der großen jüdischen Arbeitermaffen gestattet, können den Strom der jüdischen Einwanderung aufnehmen, nicht aber ein wirtschaftlich so rückständiges Land wie Palästina. Es ist daher kein Zufall, wenn die großen Maffen der jüdischen Auswanderer sich nach Amerika und nicht nach Palästina wenden. Bon den 21/, Millionen Indens, die seit 1881 *) Vergl. Stenogr. Protokoll S. 78. *) Vergl.Ruppin,ZionistischeKolonisationspolitikS.6. *) Vergl. Ruppin, a. a. O. S. 30. 4) Vergl. Kaplun—Kogan a. a. O. S. 139 ff. *) Vergl. Kaplun—Kogan a. a. O. S. 113 ff. aus Osteuropa ausgewandert sind, haben sich nur 30000, also kaum mehr als l°/o nach Palästina gewandt. Die übrigen, mehr als 98°/o sind nach Amerika, Ausstralien, Südafrika, Argentinien, Kanada usw. ausgewandert, in Länder, in denen ihnen die goldene Freiheit winkte, wohin sie verwandschaftliche Beziehungen mit früher Ausgewanderten zogen und wo ihnen die Möglichkeit, sich in ein hochstehendes Wirtschaftsleben einzusügen, günstigere und sichere Existenzaussichten boten. Während im Jahre 1912 nach Palästina etwa 1000 - 2000 Juden einwanderten, wanderten in derselben Zeit nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika über 106000, nach Argentinien fast 14000 und nach Canada über 9000 Juden. Diese Ziffern zeigen, von wie geringer Bedeutung tatsächlich die Palästinakolonisation für die Lösung der gesamten Judenfrage ist. Wenn Palästina nur einen ganz minimalen Teil der jüdischen Auswanderung aufnimmt, so liegt das sicherlich nicht am bösen Willen der Auswanderer. Es bestätigt sich nur, wie wenig Palästina als Kolonisationsland geeignet ist. Diese Berhältniffe lasten sich nicht ohne weiteres ändern, so daß in absehbarer Zeit mit einer wesentlichen Steigerung der Einwanderung nicht erechnet werden kann. Hatte noch Herzl geglaubt, aß es nur des Charters bedürfe, um eine große Massenauswanderung nach Palästina zu ermöglichen, und erhoffen auch heute noch viele Zionisten von der Wirkung des nationalen Gedankens Wunderdinge, so haben heute einsichtigere Zionisten das Phantastische dieses Gedankens eingesehen. Schreibt doch Lichtheim in der offiziellen programmatischen Broschüre der zionistischen Vereinigung für Deutschland (@.41): „Eine Schnellkolonisation von Millionen Seelen — das ist eine Phantasterei, eine Utopie." „Es ist aus politischen Gründen kaum anzunehmen, daß sich in Palästina jemals wieder ein selbstständiges Staatswesen entwickeln wird. Doch ist die Diskussion hierüber schon hinfällig, weil für absehbare Zeit, für einen Zeitraum von beispielsweise 30 oder 50 Jahren nur von einer Kolonisation gesprochen werden kann, deren zahlenmäßiger Umfang zwischen 100000 und 1000000 Seelen schwanken mag, die aber in jedem Fall nur einen kleinen Teil aller Juden umfassen wird. In späteren Jahrzehnten und Jahrhunderten mag diese Zahl sich vervielfachen, doch wäre es müßig, daranpolitischeKombinationenzu knüpfen." Dieses sicherlich nicht zu pessimistische Geständnis ist die Bankerotterklärung des zionistischen Gedankens; es beweist, daß die Palästinakolonisation eine Lösung nicht sein kann. Denn selbst wenn es möglich wäre, in einem halben Jahrhundert