KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 8 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
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171 zum großen Teil nicht Bauern, sondern landwirtschaftliche Unternehmer, Farmer, sind und daß keine Frage augenblicklich dort größeres Kopfzerbrechen bereitet, als die Arbeiterfrage. Aber auch für eine intensivere Industrie fehlen alle Voraussetzungen. Insbesondere fehlen die wichtigsten Grundbedingungen für eine industrielle Besiedelung, sowohl Kohle, wie Wasserkräfte, als auch Eisen und sonstige Mineralien. Es fehlen aber auch in dem Lande, das fast ausschließlich von einer bedürfnislosen, auf niedriger Kulturstufe stehenden Bevölkerung bewohnt ist! die Konsummöglichkeiten, welche zur Schaffung einer großen Industrie anregen könnten. Ein weiteres Hemmnis bildet die unsichere und vollständig ungeklärte politische und rechtliche Lage des Landes. Die Balkankriege haben gezeigt, wie weit die Türkei von einer Konsolidation der Verhältniffe entfernt ist und niemand vermag vorauszusagen,, wie sich das politische Schicksal Palästinas in den nächsten Jahrzehnten gestalten wird. Infolge der geringen Autorität der türkischen Herrschaft sind die jüdischen Kolonien den Ueberfällen der räuberischen Araber ständig ausgesetzt, so daß die Kolonisten einen eigenen Wachdienst organisieren müssen, der vielfach mehr als 7a ihrer gesamten Ausgaben verschlingt. Das Verhältnis der Juden nicht nur zu den christlichen, sondern auch.zu den islamitischen Arabern ist — insbesondere infolge der national-jüdischen Politik, welche die Juden isoliert M — ein recht schlechtes geworden. Das zeigte sich bereits bei früheren Parlamentsverhandlungen und ist auch bei den letzten Parlamentswahlen hervorgetreten, wo es selbst in Jerusalem nicht möglich war, einen jüdischen Kandidaten durchzubringen. Solange die 600000 Araber den Hauptteil der Bevölkerung bilden, ist die Araberfrage für das Schicksal Palästinas und der jüdischen Kolonisation von entscheidender Bedeutung. Es kommt hinzu, daß die Juden in Palästina Beschränkungen unterworfen sind, wie kaum in einem anderen Lande. Der „rote Zettel", der russisch-jüdischen Reisenden nur einen 3 monatlichen Aufenthalt gestattet und von dessen Abschaffung in letzter Zeit viel die Rede war, ist immer noch in Kraft. Auch sind die Juden im Bodenkauf beschränkt und können vielfach nur durch Strohmänner das Eigentum an Grundstücken erwerben, so daß sich durch den hohen Backschisch die Bodenpreise vielfach verdoppeln. Die jüdische Kolonisation zeigt infolge aller dieser Umstände nur sehr geringe Fortschritte. Wer allerdings die zionistischen Propagandavorträge oder die zionistischen Schriften liest, der ') Vergl.tTschlenoff, Fünf Jahre der Arbeit in Palästina S. 4L ff. u. S. 62 ff. muß zil dem Glauben kommen, daß dort alles länzend sei. Denn man hat es verstanden, urch Ausschmückung von Einzeldarstellungen, durch Herausputzen lokaler Erfolge zu großen Ereignissen, durch Vorführung aufgemachter Lichtbilder usw. in systematischer Weise die Oeffentlichkeit über das große Fiasko der Palästinakolonisation hinwegzutäuschen. Hat doch selbst auf dem letzten Zionistenkongreß Kann, einer der bedeutendsten zionistischen Führer, auf das schärfste gegen den „Geist der Unallfrichtigkeit, des Bertuschens der Tatsachen, der die Mitteilungen der Leitung beherrsche", Protest erhoben. Tatsächlich ist zudem das, was überhaupt geleistet wurde, nur zum geringsten Teile von der zionistischen Organisatton geschaffen worden, was wohl auch zur Folge hat, daß die große Maffe der palästinensischen Juden — Äntizionisten sind und daß die Zahl der Schekelzahler in Palästtna verhältnismäßig nicht größer ist als in Deutschland. Was in Palästina geleistet ist, schufen meistens andere Organisationen, wie ja auch die Jca noch heute die meisten jüdischen Kolonien verwaltet. Gewiß, viel Vortreffliches ist geschaffen, aber im Verhältnis zur aufgewandten Mühe und insbesondere im Verhältnis zum angestrebten Ziel ist es sehr, sehr winzig. Nach mehr als 30 jähriger Kolonisationsarbeit haben die jüdischen Kolonien heute erst eine Bevölkerung von insgesamt 10000 Seelen, während die jüdischen Äckerbaukolonien in Argentinien in derselben Zeit auf etwa 24 000 Seelen und die in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gar auf 30 000 Seelen gesttegen sind. Und welch ungeheure Aufwendungen an Arbeit und Kapitalien waren erforderlich, um dieses Resultat zu ermöglichen. Während in Argenttnien nur Baron Hirsch und die von ihm gegründete Jca gearbeitet hat, während in den Vereinigten Staaten die jüdischen Äckerbauer erst seit 15 Jahren fast ohne irgendwelche fremde Hilfe recht große Resultate erzielt haben, waren in Palästina zahllose Organisationen tättg und haben keine Mühe und keine Opfer gescheut, um den Kolonisten zu helfen. Die aufgewandten Mittel sind mit 85 Millionen Franks vielleicht noch zu niedrig geschätzt. Soll doch Baron Rothschild allein 70 Millionen Franks aufgewandt haben. Jede der 1000 Kolonistenfamilien, die jetzt in den palästinensischen Kolonien angesiedelt sind, würde also 85000 Franks gekostet haben. Trotz Aufwendung dieser ungeheuren Mittel ist die Lage der Kolonisten auch heute noch überaus traurig. Gibt es doch nicht eine einzige jüdische Kolonie in Palästtna, die in der Lage wäre, aus ihren Erträgniffen alle ihre Bedürfnisse zu bestreiten, nicht eine einzige, die nicht von außen her der Unterstützung durch andere Organisattonen bedürfte. Ein großer Teil der