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KC-Blätter · 1914-05-01 · Heft 8 (1.5.1914) · p. Seite 170

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 8 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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170 etwa die Ansiedlung armer, heimatloser Auswanderer Osteuropas, um ihnen eine Zufluchtsstätte in Palästina zu bieten; im Gegenteil, er weist einen solchen „Zionismus aus Mitleid" weit von sich und lehnt es ab, als eine bloße Wohltätigkeitsorganisation zu gelten. Noch im Jahre 1912 hat die zionistische Organisation für Deutschland aus ihrem Delegiertentag in Posen dieser Auffassung Ausdruck verliehen: „In Konsequenz der überragenden Bedeutung der Palästinaarbeit sür die Befreiung der Einzelpersönlichkeit sowie als Mittel zur Erreichung unseres Endziels, erklärt es der Delegiertentag sür die Pflicht jedes Zionisten — in erster Reihe der wirtschaftlich unabhängigen — die Uebersiedelung nach Palästina in ihr Lebensprogramm aufzunehmen. . . . ." Wer jedoch ohne Voreingenommenheit die Möglichkeiten einer Kolonisation in Palästina und die praktischen Resultate der bereits mehr als 30 jährigen jüdischen Kolonisationsarbeit prüft, wird die Möglichkeit, durch eine Palästinakolonisation das Schicksal der gesamten Judenheit zu beeinflussen, verneinen. Denn es fehlen in Palästina alle Voraussetzungen für eine großzügige Besiedelung. Gegenüber allen anderen taupteinwänderungsländern, welche für jüdische olonisation in Betracht kommen, hat es den großen Nachteil einer verhältnismäßig dichte «Bevölkerung. Besitzt es doch bereits heute bei einem Flächeninhalt von 27000 qkm eine Einwohnerzahl von mehr als 700000 Seelenl), darunter etwa 80000 Juden, so daß auf jeden Quadratkilometer 26 Einwohner entfallen. Die Bevölkerungsdichte ist also dreimal so dicht als die der an natürlichen Hilfsmitteln so reichen Vereinigten Staaten von Nordamerikas, wo nur 9 Einwohner auf den Quadratkilometer kommen. Wenn man gqr erst die überaus geringen Bevölkerungsdichten Kanadas mit 0,55, oder Argentiniens mit 1,07, Australiens mit 0,57 oder auch Kaplands mit 3,5, mit der Palästinas vergleicht, dann begreift man, warum jene Länder eine so viel größere Aufnahmefähigkeit haben und die jüdische Einwanderung in viel stärkerem Maße anziehen, als Palästina. Auch in anderen Beziehungen fehlen in Palästina die Eigenschaften eines Kolonisationslandes. Palästina ist kein Neuland, es besitzt — was so oft vergeffen wird — keinen herrenlosen, jungfräulichen Boden, der auf Bearbeitung wartet. Sein Boden ist vielmehr von seinen jetzigen Bewohnern, insbesondere von den Arabern vollständig okkupiert, so daß ein Bodenerwerb nur 9 Vergl. de Jonge, Das moderne Palästina, K. C.-- Blätter 4. Jahrg. S. 22. *) Die Zahlen über die Bevölkerungsdichte sind dem Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich, Anhang S. 3 ff. entnommen. durch Auskaufen der Araber möglich ist. Ein derartiges Auskaufen wird, wie das Beispiel unserer deutschen Ostmarkenpolitik beweist, mit dem Fortschreiten der Kolonisation immer schwerer. Bereits heute sind die Bodenpreise um ein Vielfaches gestiegen. Sobald man den Ankauf forcieren will, werden naturgemäß die Preise ins Unermeßliche steigen. Tatsächlich ist zudem der jüdische Bodenbesitz bisher außerordentlich gering. Trotzdem dieJuden V7 der Bevölkerung des Landes ausmachen, besitzen sie noch nicht Vso ber Bodenfläche. Alles das sind große Nachteile, da selbstverständlich — was man auch in zionistischen Kreisen einsieht — eine Kolonisation größerer Massen nur aus der sichern Grundlage eines gesunden, kräftigen Bauernstandes möglich ist. Deshalb ist es ein großer Nachteil, daß fast alle Voraussetzungen einer blühenden Landwirtschaft fehlen. Palästina ist nicht mehr das Land, in dem Milch und Honig fließt^). Durch 2000jährige Mißwirtschaft ist das Land so heruntergebracht, daß in weiten Gebieten eine intensivere Bodenkultur ausgeschloffen erscheint. Durch früheren Raubbau sind die Wälder des Landes fast vollständig ausgerodet. Die in alter Zeit in jahrhundertelanger Arbeit aufgeführten Terraffenbauten, welche in den bergigen Gebieten — das find 3/4 des Landes — die Ackerkrume festhielten, sind zerfallen, so daß die fruchtbare Humusschicht ins Tal hinabgeschwemmt ist und vielfach der nackte Fels zutage tritt* * *). Auch sind die künstlichen Bewäfferungsanlaqen früherer Zeiten, die bei der großen Trockenheit des Landes unentbehrlich find, fast vollständig zerstört3). Sobald die wenigen günstig gelegeneren Gebiete besiedelt sind, werden sich einer weiteren Kolonisation ungeheure Schwierigkeiten entgegenstellen, denen das wenig geschulte Menschenmaterial der osteuropäischen. Judenheit kaum gewachsen sein dürste. Denn die Palästinakolonisatton ist von vornherein mit einer Aufgabe belastet, die bei keiner anderen Kolonisation zu bewältigen war. Es gilt, die Juden beruflich umzuschichten und die städtischen Juden zur Landwirtschaft zu erziehen. Gewiß, es gibt in Osteuropa auch jüdische Bauern; ihre Zahl ist recht gering und beträgt in Rußland z. B. nur 3,5 °/0 der gesamten jüdischen Bevölkerung. Bon ihnen wandern zudem nur sehr wenige aus; von den jüdischen Auswanderern aus Rußland sind nur 0,65 °/0 4) landwirtschaftlich ausgebildet. Das hat zur Folge, daß die bisher in Palästina angesiedelten Juden *) Vergl. Hermann Guthe, Palästina, S. 56 ff. 3) Vergl. Guthe a. a. O. S. 65. ®) Vergl. Guthe a. a. O. S. 41 u. 61. 4) Vergl. Kaplun-Kogan, Die Wanderbewegungen der Juden. S. 83.

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