KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 7 (1.4.1914)
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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151 zelle des völkischen Organismus, erschüttert, Religion in Aeußerlichkeit entartet, im Wanken oder ' völlig abgetan, an ihrer Stelle bei den Intellektuellen die Modegöttin (!) Wissenschaft — eine eitle Asterwissenschaft." Die Probe genügt. Dabei war es dem Strafredner passiert, daß er unter den vorbildlichen Geistern von 1813 denselben Frhrn. v. Stein erwähnte, der als Vorgänger v. Hardenbergs die Einbürgerung der Juden in Preußen vorbereitete! Mit den Freiherren hat der Hammerbund offenbar kein Glück. Auch 1914 vermag ihnen die Sorge um ihre materielle Zukunft die Augen nicht zu öffnen, und will gerade die vornehm denkende, deutsche Studentenschaft von einer feucht-fröhlichen Judenschlacht nichts wissen, die dem Hammerbund vorschwebt. Sie fängt an, sich energisch zu wehren, wenn ste mit den schönen Titeln „blöde Judendiener" und „deutsche Trottel" beworfen wird, sobald sie im Juden sozusagen den Menschen, und im deutschen Juden den Deutschen anerkennt. Unsere jüdischen Kommilitonen verhehlen sich keinen Augenblick, daß die Zahl der Studenten, die ebenso mannhaft, wie Frhr. v. Mallzahn, ihre Frontstellung gegen den Antisemitismus nehmen, heute noch in der Minderheit sein dürfte. Die große Maffe der Studentenschaft steht den Fragen indifferent gegenüber, ein nicht unerheblicher Teil ist bewußt antisemitisch. Wie könnte es auch anders sein! Schon die Kinderstube hegt nur zu oft zärtlich die Abneigung gegen alles sogenannte „Jüdische"; die höheren Schulen wahren Juden gegenüber nur schwer ihren simultanen Charakter; so manche Hörsäle der Universitäten geben dem werdenden Antisemiten den letzten Schliff. Nicht von der Studentenschaft kann die Wendung zum Beffern erwartet werden; nur das große Heben im deutschen Vaterlande mit seinen Bewegungen und Erfahrungen kann den Umschwung herbeiführen. Inzwischen ist auch der jüdische Student längst ein anderer geworden, als er vor 30 Jahren war. Er hat aus allem gelernt, was er als Knabe auf der Gaffe erlebt, auf der höheren Schule erfahren hat, als er in den an ihr bestehenden Ruderklub, literarischen Zirkel oder Wandervogel ausgenommen werden wollte; und er lernt heut schneller beim Eintritt in die hohen Hallen der Wissenschaft, wie er die Farben der „Teut" und „Juda" zu unterscheiden hat. Er ist an Seele und an Leib erstarkt, und auch das letztere ist nicht zu verachten; er ist in doppeltem Sinne zum gleichberechtigten, akademischen Bürger geworden, weil er neben der gleichwertigen, wissenschaftlichen Vorbildung ehrenhafte Selbstachtung, freimütigen Stolz und studentische Satisfaktion in die Wagschale wirst. Um so betrübender sind daneben Erscheinungen im eigenen Lager, wie die des beklagenswerten Kunstwartartikels von Dr. Moritz Goldstein: „Deutsch-jüdischer Parnaß", den unser Flugblatt als „Proklamation der jüdischen Herrschaft in Deutschland" auffaßt. Für Kenner ist es ja kein Rätsel, wie ein jüdischer Literat in zionistische Gedankengänge eingefangen und, laut Selbstzeugnis, unberührt von jeder Kenntnis jüdischer Geschichte zu Behauptungen gelangen kann, wie die folgenden: „Wir Juden verwalten den geistigen Besitz eines Volkes, das uns die Berechtigung und Befähigung dazu abspricht . . . Die Aufgaben der Deutschen haben die Juden zu ihrer eigenen Aufgabe gemacht. Immer mehr gewinnt es den Anschein, als sollte das deutsche Kulturleben in jüdische Hände übergehen. Diese ungeheuerliche Tatsache, die Juden ebenso wie Nichtjuden das Blut aufregen muß, fordert unerbittlich zu Maßregeln auf." Wer sich selbst der Usurpation fremder, geistiger Güter bezichtigt und sich in der Pose des freimütigen Bekenntnisses seines Unrechts gefällt, kann nichts anderes, als blutigen Hohn erwarten. Vielleicht betrachtet sich Dr. Goldstein als Märtyrer seiner unzeitgemäßen, unbequemen Entdeckung, etwa wie Dr. Stockmann in Ibsens. „Volksfeind". Aber er hat es an der strengen Ueberprüfung fehlen laffen, ob feine „Tatsachen" mehr als lebhafte Einbildung find. Wir empfehlen ihm zur nachträglichen Kontrolle seiner Ansichten einen gewiffen „Antisemitenhammer", herausgegeben von Josef Schrattenholz, Düffeldorf 1894; wo übrigens die Waffen geschmiedet daliegen, die, wacker geschwungen, den Reichshammer in 1000 Stücke schlagen. Da urteilen nicht etwa nur Juden, nein, christliche Geisteshelden, von den Zelten Goethes bis zu denen Gustav Freytags, ganz anders über die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschen jüdischer und solchen germanischer Abstammung. Da spricht niemand den Juden die Befähigung und Teilnahme am geistigen Besitze Deutschlands Herrn „Verwaltung" ist ein Widersinn) ab; aber freudig wird anerkannt, wie erheblich dieser Besitz durch jüdischen Fleiß und jüdische Schöpferkraft vermehrt und bereichert worden ist. Wo ist also die Aufregung des Blutes, außer in überhitzten Hirnen in beiden Lagern, in Teut, alias Reichshammerbund und in Juda, alias Zionismus; noch dazu eine Aufregung des Blutes, die zu „Maßnahmen", d. h. judenfeindlichen Ausnahmegesetzen auffordert?! Angesichts eines solchen Selbstverrats sind die Klagen der Zionisten über »»brüderliches Verhalten nichtzionistischer, deutscher Juden geradezu lächerlich. Unsere jüdischen Akademiker werden heute mehr, denn je, zu einer Entscheidung gedrängt,