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KC-Blätter · 1914-03-01 · Heft 6 (1.3.1914) · p. Seite 126

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 6 (1.3.1914)
Date
1914-03-01
Page
Seite 126 (sequence 2)
Language
German
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126 r samkeit verloren. Ja noch mehr, man mutz mit Bedauern in dieser Hinsicht eine unendliche Verwirrung der Begriffe feststellen, die sich in einer abfälligen und geringschätzenden Abwertung dieser wichtigsten Arbeit äutzert. Redensarten, wie „Hinabsteigen auf das Niveau eines Abwehrvereins", „Salon der Zurückgewiesenen" und andere mehr, die im Laufe der Zeit über den Häuptern derjenigen gesammelt wurden, die den Abwehrkampf gegen die Feinde unserer Gemeinschaft zu führen unternahmen, sind typische Zeichen, wie verkehrt man leider in weiten Kreisen über diese wichtige und selbstverständliche Aufgabe urteilt. Die Gründe, weshalb man heute für den Abwehrkampf vielfach das richtige Verständnis vermissen mutz, sind verschiedenartig. Einmal liegen sie in der veränderten Art der gegen unsere Gemeinschaft gerichteten Angriffe und in der dadurch bedingten Aenderung der Methode der Abwehr. Der' Antisemitismus der 80er und 90er Jahre äutzerte sich in rohen und groben Radauakten, in jenen geschmacklosen Rüpeleien, zu deren Abwehr meist eine kräftige Faust und ein guter Stock genügten. Heute sind jene rohen Uebergriffe, teilweise dank der schneidigen, selbstbewußten Abwehr in unseren Reihen, teilweise aus dem gesunden, sich auch bei dem Gegner durchsetzenden Gefühl der Abscheu gegen solche Ausschreitungen mehr und mehr verschwunden. Ausschreitungen dieser Art sind heute vereinzelten, nicht sonderlich ernst zu nehmenden Personen Vorbehaltensie zeigen sich selbst in der Studentenschaft, wo sie am'ehesten zu Hause waren, nur noch verhältnismäßig selten, um dann von unserer studentischen Jugend in gebührender Weise zurückgewiesen zu werden. Doch wenn das Gift des Antisemitismus sich auch an der Oberfläche verflüchtet hat, so ist es dafür mit desto intensiverer Wirkung in das Innere, in alle nllr denkbaren Lebensgebiete durchgesickert. Ueberall, auf den Feldern der politischen,wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Betätigung, in Sport, in der Jugendbewegung ist die unheilvolle Saat, die ehedem gestreut würde, in gefahrvoller Weise aufgegangen. Die besondere Gefahr dieser modernen antisemitischen Bewegung liegt darin, daß sie ihre Grundlage hat in einer, den ganzen Menschen in allen seinen Lebensäußerungen erfüllenden Weltanschauung, wenn man überhaupt eine solche engherzige, die Dinge zwischen Scheuklappen beurteilende Anschauung als Weltanschauung bezeichnen kann. Diese Lebensanschauung, die auf Grund der emsigen antisemitischen Arbeit immer weitere Kreise unserer christlichen Mitbürger in ihren verwirrenden Bann zieht, baut sich aus jenem pseudowissenschaftlichen System auf, das von Chamberlain in die Welt gesetzt ist, um von geistesverwandten Personen und Personenverbänden ausgebaut zu werdend) Die „Schmach des Jahrhunderts", die sich ehedem unverhüllt zeigte, hat sich heute in einen wiffenschaftlichen Mantel gehüllt, in dem jene häßlichen Instinkte sich in zeitgemäßer Form austoben sollen. Diesen Mantel der kulturwidrigen Bewegung von den Schultern zu reißen und die Fülle von Scheintheorien und Scheingründen, welche zum Kampfe gegen das Judentum ausgeklügelt und erdacht sind, zu widerlegen und zu entkräften, das ist heute mehr als ehedem ein besonders wichtiger Teil der Abwehrarbeit geworden. Diese Art der Abwehr, die Aufklärungsarbeit hüben und drüben, ist freilich langwieriger und unbequemer als die ehemalige Methode. Den meisten von uns fehlt leider das Jntereffe und die Ausdauer, sich in die umfangreiche apologetische Literatur hineinzuarbeiten und die Fülle des in Frage kommenden Materials in sich aufzunehmen. Und doch sollte es eines jeden Juden Ehrenpflicht sein, sich über alle einschlägigen Fragen, über die immer zahlreicher werdenden Angriffe gegen das. Judentum, gegen seine Schriften und Gebräuche, kurz über alle Phasen des Abwehrkampfes in allen Einzelheiten zu unterrichten, um stets in der Lage zu sein, sich und anderen die volle Hinfälligkeit der gegnerischen Angriffe klarzumachen. Die Unwissenheit und die Interesselosigkeit, die gerade in dieser Richtung unter uns Juden herrscht, zeigen ein Arbeitsfeld, das der Einsetzung reicher Kräfte wert ist. Wenn der Ablvehrkampf in unseren Reihen in den letzten Jahrzehnten nicht die notwendige allgemeine Mitarbeit gefunden hat, so liegt das weiterhin an den innerpolitischen jüdischen Zuständen. Ich habe bereits oben erwähnt, daß die Konzentration des Hauptinteresses auf die innerpolitischen Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten die große Gleichgültigkeit gegenüber dem Abwehrkampf erklärt. Oft ist es aber mehr als Gleichgültigkeit: bewußte und gewollte Gegnerschaft gegen unsere Arbeit. In dieser Beziehung ist m. E. gerade das Konto eines großen Teiles der Zionisten erheblich zu belasten. Die zionistische Bewegung als solche schließt, soweit es nicht aus den weiter unten erörterten sachlichen Gründen geschieht, an sich die Betätigung im Abwehrkampf nicht aus. Trotzdem haben gewisse Elemente im zionistischen Lager, sie sind durchaus nicht gering an Zahl, seit Jahren es ') Als typische Probe, wohin eine solche „wissenschaftliche Durchdringung" der Judenfrage führt und führen mutz, sei hier nur auf die Zeitschrift „Auf Vorposten" verwiesen, die von dem verbände gegen Ueber- 1 Hebung des Judentums" herausgegeben wrrd.

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