KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 5 (1.2.1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 115 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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115 hällnts. Wohl aber zwingt sie die einander gegenüberstedenden Wertungen, sich auch gegenüber der wirklichen Gestalt der Dinge zu behaupten. Das ist im vorliegenden Falle um so notwendiger, weil der Klang des Namens der Nation auf beiden Seilen die Problematik der wirklichen Verhältnisse verdeckt Wer sich als Glied einer jüdischen Nation empfindet, überträgt nur zu leichtauf die jüdische Gemeinschaft den Begriff der Nation in der ganzen Inhaltsfülle, in der er sich im Leben unserer großen Kulturnationen verwirklicht. Das Bewußtsein davon, daß der jüdischen Gemeinschaft das beste Besitztum dieser Nationen fehlt, verwischt sich ebenso wie die Erkenntnis der tiefgreifenden Beziehungen, die den modernen Juden mit dem Leben der ihn umgebenden „fremden" Nationen verknüpfen. Dieser Illusionen beraubt, wird die nationaljüdifche Auffassung vor die Frage gestellt, ob sie auch dann noch an ihrer Wertungsweise festhält, ob ihr auch dann noch die jüdische GemeimchastSbeziehungen als die allein zentralen erscheinen, wenn sie sich der Grenzen des jüdischen Gemeinschaftlebens und wenn sie sich des geistigen Zusammenhanges mit der außerjüdischen Kulturwelt bewußt bleibt. Die entgegensetzte Ueberzeugung von der nationalen Zusammengehörigkeit der Juden und ihrer Umgebung neigt ihrerseits dazu, die Schwierigkeiten zu unterschätzen, die sich aus der Stellung der Juden zu der Volksmehrheit ergeben. Der Glaube an eine nationale Zusammengehörigkeit trübt den Blick für die Spannungen, die es zu einem wirklich befriedigenden Zusammenleben der Juden mit der Volksgesamtheit noch nicht haben kommen laffen. Die Erkenntnis, daß den Juden innerhalb der inodernen Kulturvölker einen der höchsten Werre des nationalen Gemeinschaftlebens zum großen Teile versagt bleibt, fordert zu der Prüfung heraus, ob auch angesichts dieser Sachlage daS Gefühl innerer Verbundenheit mit der Volksgesamtheit bestehen bleibt. Genau in der gleichen Weise wie die gegenwärtig vorliegenden Tatsachen ist bei einer solchen Prüfung auch die Richtung der zukünftigen Entwickelung, wie sie sich bei einer unbefangenen Betrachtung darstellt, zu berücksichtigen. Hierher gehört alles, was früher über die zu erhoffende Milderung der zwischen dem Judentum und seiner Umgebung bestehenden Gegensätze gesagt wurde. Weder die „Verelendungstheorie", die häufig von nationaljüdifcher Seite vorgetragen wird, noch den schrankenlosen Optimismus, mit dem man vielfach auf einen völligen Ausgleich aller das Leben des modernen Juden aufwühlenden Konflikte erhofft, haben wir als berechtigt erkannt. Sind wir damit im Recht, so wird sich der jüdische Nationalismus zu fragen haben, ob auch bei solcher Zukunftsauffaffung ihm die Einheit mit der Sprach- und Kulturgemeinschaft noch als ebenso äußerlich und zufällig erscheint wie bisher. Für den Glauben an eine nationale Zusammengehörigkeit der Juden und ihrer Umgebung wird die Frage lauten, ob das Gefühl solcher Zusammengehörigkeit nicht durch die Aussicht auf die auch noch in der Zukunft zu erwartenden harten und schweren Kämpfe erschüttert nnrd. Die empirische Betrachtung kann nur zur klaren Stellung dieser Fragen führen. Sie hat das ihre getan, wenn sie durch eine scharfe Erfassung der Tatsachen die Grundlagen für eine Stellungnahme in dem einen oder andern Sinne darbieret. Die Stellungnahme selbst muß sie einer andern Instanz überlassen. Diese Instanz braucht nicht, wie der moderne Subjektivismus glaubt, das „persönliche Empfinden" des einzelnen zu sein. Auch jenseits bloßer Tatsachenfragen gibt es eine objektive Entscheidung. Hier aber hat nicht mehr die theoretischeForschung, sondern die Ethik und Kulturphilosophie zu sprechen. Sie hat auch in unserer Frage den Maßstab dasür zu geben, worin der Wert nationalen Zusammenlebens gelegen ist, und von diesem 'Maßstabe aus die Bedeutsamkeit der verschiedenen geschichtlich gegebenen Gemeinschastsbeziehungen sestzustellen. Die empirische Betrachtung, um die es uns zu tun mar, hat ihr Wert vollendet, wenn sie für ein solches Urteil das Tatsachenmaterial darbietet. Die Stellungnahme zu den von den verschiedenen Ricktungen vertretenen Idealen hängt zugleich von Gesichtspunkten ganz anderer Art ab, die völlig abseits von dem Problem der jüdischen Nationalität liegen. So wird, um nur ein Beispiel anzusühren, für die zionistischen Forderungen eine Begründung gegeben, die von jeder Berufung aus „nationaljüdische" Gesichtspunkte absieht. Die Konzentration der Juden in einem jüdischen Gemeinwesen wird gefordert, weil das Judentum in der Diaspore sichtlich der Aufsaugung durch seine Umgebung entgegengehe. Diese Gefahr besteht erst, seit die frühere kulturelle Abgeschlossenheit der Juden ausgehört hat und das Judentum infolge seiner kulturellen Gemeinschaft mit seiner Umgebung mehr als je zu einer reinen Religionsgemeinschaft geworden ist. In einer Zeit, in der die Religion so schwer wie kaum jemals um ihre Stellung in unserem Geistesleben zur ringen hat, wird an die religiöse Widerstandskraft des Judentums eine so viel höhere Anforderung gestellt als in aller Vergangenheit. Man sieht, daß auch die Stellungnahme zu diesem Gedanken völlig aus dem Gebiet der nationalen Probleme heraus-