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KC-Blätter · 1914-02-01 · Heft 5 (1.2.1914) · p. Seite 114

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 5 (1.2.1914)
Date
1914-02-01
Page
Seite 114 (sequence 18)
Language
German
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114 Einheit eines gemeinsamen nationalen Lebens gegründet ist, gewähren auch den Juden einen wachsenden Anteil an diesem Gemeinschastsbewußtsein. Auf welcher Stufe dieser Entwickelung man dann von nationaler Einheit reden will, mag ein jeder für sich entscheiden. Die Frage der nationalen Zugehörigkeit der Inden als Tatsachensiage und als Wertsrage. Das Problem der jüdischen Nation ist nicht aus theoretischemJnteresse so heftig umstritten worden. Der Gegensatz der Ideale, die einander im modernen Judentum gegenüberstehen, sollte hier zum wisienschastlichen Austrag gebracht werden. Der Nachweis der Existenz einer jüdischen Station sollte das Recht der national» jüdischen Zukunstsideale dartun, die man von der anderen Seite durch die Feststellung entwurzeln wollte, es gäbe keine jüdische Nation, sondern nur eine jüdische Neligionsgemeinschast. Den tatsächlichen Charakter der jüdischen Gemeinschaft haben wir zur Klarheit bringen wollen. Ist damit nun auch über das Recht der miteinander rittgendenIdeale die Entscheidung gefallen? Das wäre offenbar nur dann der Fall, wenn lediglich die verschiedenartige Auffassung der tatsächlichen Verhältnisse dem Gegensatz jener Ideale zugrunde läge. Schon eingangs aber habe ich daraus hingewiesen, das; in .dem Streit um die Existenz einer jüdischen Nation selbst sich mit der theoretischen Feststellung der Tatsachen Zerrungen zu vermischen pflegen,' die nur ivegen der Unbestimmtheit der Fragestellung als solche nicht hervortreten. Die Ueberzeugung von dem nationalen Charakter der jüdischen Gemeinschaft ist oft viel iveniger ein Urteil über die faktischen Grundlagen der jüdischen Gemeinschaft als der Aiisdruck der Empsindungen, durch die sich der Redende selbst an das Judentum gebunden fühlt. Er betrachtet sich als Glied einer jüdischen Station, weil er sich der jüdischen Gemeinschaft mit einer ganz anderen Innigkeit und Unmittelbarkeit verbunden fühlt, als der Sprach- und Kulturgememschaft, welcher ec angehört, weil er seine Beziehung zum Judeutum als eine innerliche und unlösliche, die zu seiner außerjüdischen Umgebung aber als eine mehr äußerliche und zufällige empfindet. Und je nachdem dieses Empfinden mit religiösen Motiven verbunden ist oder nicht, erscheint dann das Judentum als ein bloß nationale oder als eine zugleich religiöse Gemeinschaft. Ganz entsprechend steht eS mit der entgegengesetzten Ueberzeugung, die dem Judentum den nationalen Charakter abspricht und es als eine blos; religiöse Gemeinschaft ansieht. Auch sie ist vielfach llur der Ausdruck eines Empfindens, das sich nur religiös an das Judentum gebunden weif; und sich für Baterland und Heimat, sür Sprach- und Kulturgemeinschaft ebenso unmittelbar regt wie für die Religionsgemcinde. In die Form eines Urteils darüber, in welchen Gemeinschaftsbeziehungen der Jude tatsächlich steht, kleidet sich ein Werturteil über die Bedeutung, die das persönliche Empfinden diesen Beziehungen zuerteilt. In der Gegensätzlichkeit dieser Wertungsweisen wurzelt der Gegensatz der im modernen Judentum miteinander ringenden Ideale. Die nationaljüdische Zukunftshoffnung hat ihre Grundlage in einer nationaljüdischen Empfindungsweise, in einem Gemeinschaftsempsinden, das sich ganz auf das Judentum konzentriert und darum mit Notwendigkeit zu der Sehnsucht nach einem in sich geschlossenen jüdischen Gemeinschaftsleben führen muß. Diesem Ziel gegenüber kann selbst die Hoffnung aus eine allmähliche Besserung der Juden in der Diaspora nicht viel bedeuten; und um des kampfloseren einheitlichen Lebens in einem jüdischen Gemeinwesen willen sich aus der bisherigen Kultursphäre loszulösen, kann als kein allzu schwerer Entschluß erscheinen. Nur unter dem Druck härtester Notwendigkeit dagegen wird derjenige sich zu einem solchen Schritt entschließen, der sich mit dieser Sphäre innerlich verwachsen fühlt. Solange er noch die Hoffnung sieht, sei es auch durch noch so langsame und mühselige Arbeit, die Lage des Judentums in der Heimat zu verbeffern, wird er auf das spannungslosere Leben, das sich ihm anderwärts erschließen soll, gern verzichten. Gleich innig verbunden mit der Gemeinschaft des Glaubens und des Stammes wie mit der Heimat und dem Vaterlande, wird er es als eine Notwendigkeit betrachten, in den Konflikten auszuharren, in welche ihn die geschichtliche Lage hineinstellt. Diese Haltung ergibt sich aus einer Wertungsweise, die sich an die jüdische Gemeinschaft nur um ihres religiösen Inhalts willen gebunden fühlt und darum neben dem jüdischen auch sür ein außerjüdisches Gemeinschaftsbewußtsein Platz hat, mit derselben Notwendigkeit, wie daS nationaljüdische Ideal aus der natioiialjüdischen Wertungsweise. Das Recht jedes der einander gegenüberstehenden Ideale hängt demgemäß — abgesehen von der Frage seiner Realisierbarkeit — von der Berechtigung der ihm zugrunde liegenden Wertungsweise ab. Diese aber kann durch eine empirische Feststellung des tatsächlichen Charakters der jüdiichen Gemeinschaft und der Stellung der Juden innerhalb der modernen Völker, wie wir sie ztl geben versucht haben, offenbar nicht begründet werden. Auch die genaueste Beschreibung der einander durchkreuzenden Gemeinschaslbeziehungen ergibt aus sich heraus kein Urteil über deren Wertver-

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