KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 5 (1.2.1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 113 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Scheidung gerichteten Kräfte sich ganz anders als bisher entfalten können. Mehr als die Richtung der Entwickelung läßt sich selbstverständlich nicht bestimmen. Wie weit die Annäherung fortschreiten wird, wenn der Antisemitismus in den sozialen und politischen Verhä'ltnisien nicht mehr den Nährboden finden wird wie jetzt, vermag niemand vorher zu sehen. Auch in jener glücklicheren Zukunft wird das Zusammenleben verschiedener Religionsgemein, schäften nicht ohne alle Reibung zu verlausen brauchen. Auch dann noch wird das Judentum in seiner Verbindung von Religions- und Stammesgemeinschafr einen schwereren Stand haben mögen als eine bloße Konfession. Solange wenigstens als seine Selbsterhaltungskraft ausreicht, um das Umsichgreifen der Mischehe zu verhindern, das für eine so geringe Minorität mit Auflösung gleichbedeutend ist. Daß bei solcher blutmäßigen Abgeschlossenheit die Enge des Zusammenlebens schwerer möglich ist wie unter Religionsgemeinschaften, die in diesem Punkte weitherziger sein können, ist offenbar. Allein es handelt sich ja doch nicht darum, ob für das Judentum in absehbarer Zukunft die Zeit des ewigen Friedens zu erwarten ist. Der Annahme eines nationalen Gegensatzes liegt mehr oder minder ausgesprochen die Vorstellung zugrunde, aus dem Wesen der jüdischen Gemeinschaft ergebe sich mit Notwendigkeit eine Scheidung zwischen Juden und Nichtjuden, die ein erträgliches Zusammenleben, eine wirkliche Gemeinschaft beider ausschließe. Dieser Auffassung ist ihre Grundlage entzogen durch die Erkenntnis, daß die bisherige Lage der Juden daS Resultat sehr verschiedenartiger Ursachen, daß sie in starkem Maße durch die jeweilige soziale und politische Zeitlage mit bestimmt ist. Denn damit wird das Verhältnis von Juden und Nichtjuden entwicklungsfähig, variabel, und wir haben gesehen, daß die Richtung der Entwickelung nicht auf eine Verschärfung, sondern auf eine Milderung der bestehenden Gegensätzlichkeit hinweist. Was gibt uns da das Recht, zu erklären, daß diese Entwicklung irgendeinen bestimmten Punkt nicht überschreiten könne, daß eine bestimmte Schärfe der Gegensätzlichkeit als eine dauernde Wesensnotwendigkeit hinzunehmen sei! Die vollkommene Ausgleichung aller Spannungen und Gegensätze ist gewiß ein ideales Endziel, das in seiner Reinheit empirisch nicht erreichbar ist. Möglich aber ist die fortschreitende Annäherung an dieses Endziel, und das ist das Wesentliche, worauf es ankommt. Mit anderen Worten: Die Struktur der jüdischen Gemeinschaft, die besondere Geschlossenheit, die sich aus der Vereinigung von Religions¬ und Stammesgemeinschaft ergibt, ruft neben der religiösen Intoleranz noch andere Instinkte hervor, die sich der GlLichberechtigung der Juden im öffentlichen Leben widersetzen nnd es erschweren, daß sie von dem Gemeinschaftsbewußtsein des Volkes mit umfaßt werden. Auch diesen Instinkten gegenüber brauchen wir jedoch weder unseren Anspruch auf Duldung noch die Hoffnung auf seine Verwirklichung preiszugeben. Kraft unseres Anteils an der geistigen und gesellschaftlichen Arbeit der Nation, kraft der Treue, mit der wir ihrem idealen Besitztum anhängen, haben wir das Recht auf vollen Anteil an der Volksgemeinschaft. Und so wenig wie die religiöse Verschiedenheit brauchen wir die des Stammes als ein unübersteigbares Hindernis für die Erreichung dieses Zieles zu betrachten. So gut wie die Gemeinsamkeit der Kultur auf jüdischer Seite ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erzeugt hat, das durch das Bewußtsein der innerjüdischen Religions- und Stammesgemeinschaft nicht beeinträchtigt wird, ist die gleiche Entwickelung auch bei der Volksmehrheit möglich. Schon gibt es Länder, die aus diesem Wege ein gut Stück vorwärts gekommen sind. Man weist mit Recht auf die verhältnismäßig geringe Zahl der Juden in ihnen hin. Aber es gibt doch keine Prozentnorm, bei der die Bildung eines lebendigen Zusammengehörigkeitsgefühls mit Naturnotwendigkeit Halt machen müßte. Der Unterschied der Zahl ist gradueller, nicht prinzipeller Art. Er bewirkt, daß der Kamps, der überdll für die Erreichung dieses Zieles erforderlich ist, hier leichter, dort schwerer wird. Aber gerade dieser Vergleich macht es deutlich, daß es sich hier nur um verschiedene Stufen eines einheitlichen Prozeßes handelt. Mit dem Fortschreiten dieses Prozesses erzeugt die Gemeinsamkeit der objektiven Kulturarbeit ein immer stärkeres Zusammengehörigkeitsbewußtsein, das den Spannungen im Leben des heutigen Juden mehr und mehr von ihrer Schärfe nimmt. Auch dann noch mag man die Juden als eigenes Volkselement empfinden, das Zusammengehörigkeitsgefühl wird anders gefärbt, wird gewissermaßen labiler sein als bei vollkommener Verschmelzung. Das ist schließlich aber nur ein spezieller, eigen gelagerter Fall der Schwierigkeiten, die sich überall in konfessionell gemischten Ländern der Bildung eines einheitlichen Nationalbewußtseins (oder der Einbeziehung der Minoritäten in das Nationalbewußtsein) entgegenstellen. In solchen Fällen der Durchkreuzung verschiedener Gemeinschaftsbeziehungen ist die nationale Homogenität nicht so stark wie bei völliger Einheitlichkeit. Dieselben Kräfte aber, die über derartige Sonderungen hinweg ein nationales Gemeinschaflsbewußtiein erstehen lasten, das in der überkonfessionellen