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KC-Blätter · 1914-02-01 · Heft 5 (1.2.1914) · p. Seite 112

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 5 (1.2.1914)
Date
1914-02-01
Page
Seite 112 (sequence 16)
Language
German
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1 12 Momente viiiei iiUuuU)lid}cn Abschwächung und Milderung fähig. Die geschichtliche Erfahrung gibt dafür die deutliche Bestätigung. Nicht nur, das; sich durch die Emanzipation der Juden ihr Verhältnis zu ihrer Umgebung grundsätzlich geändert hat. Auch seither l,at uns die Entwickelung ein großes Stück vorwärts geführt. Die Stellring der Juden ist in allen westeuropäischen Ländern heute eine weitaus günstigere als vor einem halbem Jahrhundert. Vieles, was damals heiß umstritten wurde, ist heute zu einem selbstverständlichen Besitz geworden, und selbst der rviedcrerwachte Antisemitismus der Gegenwart denkt kaum im Ernst daran, uns auf das damalige Niveau zurückzuschrauben. Nur im Vergleich mit der kurzen Zeit der liberaleit Acra in Deutschland ist ein allerdings starker Rückschritt bemerkbar, und dieser Vergleich ist in der Tat eine hauptsächliche Quelle der Resiguatiou, die den gegenwärtigen Zustand als etwas ein sür allemal Gegebenes hinnimmt. Die Wiederbelebung des Antisemitismus in den letzten Jahrzehnten hat vor allem zu dem Glauben gesührt, das; eine Milderung der besteheuden Spannung, die Anbahnung eines besriedigerenden Verhältnisses der Juden zu der Vvlksmebrbeit, unmöglich sei.! Bei schärserem Zusehen stellt sich indessen! gerate diese Verstärkung der antisemitischen Strömung in der Gegenwart als die Wirkung der besonderen Zeitlage dar, welche die letzten Jahrzehnte beherrscht Wirtschaftlich ist sie durch die schwere Krise bedingt, die in dieser Zeit über den Mittelstand und die ihm verwandten Schichten hereingebrochen ist. Der Haß gegen die moderne Wirschaslsweise, der gegenüber der Mittelstand zusammenzubrechen drohte, lies; auch den Haß gegen die Juden neu erwachen, die als die Vertreter der neuen Wirtschaftsform gellen. Teils aus alter Gewöhnung, teils weil sie an solchen Wirtschaftszweigen in der Tat stark beteiligt waren, deren Konkurrenz für den Mittelstand besonders verhängnisvoll wurde. Der politische Antisemitismus findet in diesen Kreisen einen außerordentlich großen Teil seiner Anhänger, und gerade seine rohesten Formen sind hier vorwiegend heimisch. Auf dem politischen Gebiet selbst führt (vielfach im engen Zusammenhang mit jener wirtschaftlichen Bewegung) der Versuch der alten feudalen Mächte, ihre Herrschaft auch in dem modernen Verfassungsstaat zu behaupten, dem Antisemitismus neue Nahrung zu. Die antisemitischen Allüren der deutschen Konservativen, die antisemitische Reaktion in Frankreich zur Drepsußzeit, und in anderer Form der Versuch, die russische Revolution an den Juden zu rächen, sind deutliche Zeugnisse für diesen Zusammenhang. Schließlich ist auch die Verstärkung der nationalistischen Tendenzen dem Antisemitismus zugute gekommen. Alle diese Verhältnisse aber, die den Antisemitismus zu neuer Macht emporgeführt haben, sind Uebergangserscheinungen, mit deren dauerndem Bestände nicht zu rechnen ist. In weiter Ferne freilich scheint das Ende der nationalistischen Richtung zu liegen. Dennoch ist es außer Frage, daß die überreizte Schärfe unseres Nationalismus aus den Spannungen herrührt, zu denen das Streben der modernen Völker nach nationaler Konsolidierung geführt hat, und schwinden muß, sobald sich ein Zustand stetigeren Gleichgewichtes herausgebildet hat. In sehr viel größerer Nähe liegt das Ende der wirtschaftlichen Krisis, die dem Antisemitismus vielleicht die stärkste Förderung gegeben hat. Schon jetzt hat sie ihren Höhepunkt stark überschritten. Die ins Wanken geratenen Schichten sind der modernen Wirtschaftsweise entweder unterlegen oder haben sich ihr insoweit angepaht, um in ihrem Rahmen eine gesicherte Existenz zu finden. Wie endlich der Ansturm der feudalen Ni ächte zu neuer Herrschaft schließlich auSlaufen muß, kann für Westeuropa wenigstens nicht! fraglich sein. In Frankreich ist er bereits völlig 1 in sich zusammengebrochen. In Deutschland stehen wlr noch mitten in diesem Kampfe. Daß aber auch hier die gesellschaftliche Umbildung ihren politischen Ausdruck finden muß, so wie sie ihn in allen anderen modernen Kulturländern gefunden hat, ist bei aller Besonderheit der deutschen (und österreichischen) Verhältnisse nur eine Frage der Zeit. Mit dem Augenblick, in dem diese Prozeße ihren Abschluß gesunden haben, in dem die Kräfte erloschen sind, aus denen die Wiederbelebung des Antisemitismus beruht, verliert auch dieser das Leben, das sie ihm eingehaucht haben. Die aus der allgemeinen Entwickelungsrichtung folgende Tendenz zu einer Milderung der bestehenden Gegensätze kann sich dann wieder ungestört entfalten. Das alles betrifft unmittelbar freilich vorwiegend das politische Gebiet. Doch die Milderung der politischen Kämpfe muß auch der gesellschaftlichen und persönlichen Scheidung viel von ihrer Schärfe rauben. Die politischen Verhältnisse wirken ja notwendig aus das gesellschaftliche Gebiet zurück. Durch die politische Agitation werden auch die gesellschaftlichen Gegensätze immer wieder erregt, wird die Stimmung gegen die Juden immer wieder verschärft. Ter Fortfall dieses erregenden Momentes erschließt die Möglichkeit, daß die auf eine Ueberwindung der gesellschaftlichen

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