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KC-Blätter · 1914-02-01 · Heft 5 (1.2.1914) · p. Seite 111

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 5 (1.2.1914)
Date
1914-02-01
Page
Seite 111 (sequence 15)
Language
German
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111 den hervorruft, aus der Macht der ererbten kirchlichen Vorurteile gegen jüdische Religion und Sittlichkeit. Allein auch bei völliger religiöser Gleichgültigkeit bleibt vielfach die Gegensatz, lichkeit gegen das Judentum bestehen und steigert sich oft zum fanatischsten Haß. Bei solcher Stellung zur Religion kann es offenbar nicht die religiöse Verschiedenheit sein, durch die man sich von dem Judentum geschieden fühlt und um derentwillen man sich von ihm absondert. Das -Judentum erscheint, wie in solchen Fällen deutlich wird, durch mehr als bloß die Gemeinsamkeit des Glaubens vereint und durch mehr als sie von seiner Umgebung geschieden. Daß die Religionsgemeinschaft zugleich Stammesgemeinschaft ist, gibt ihrem Zusammenhang den Charakter weit größerer Festigkeit und Geschlossenheit als bei anderen religiösen Gemeinschaften. Man sieht in ihr nicht nur die Trägerin eines bestimmten Glaubens, sondern die Gemeinschaft, die geeint durch gemeinsames Schicksal und gemeinsame Stammeserinnerung ihr eigenes Leben führt und ihre Angehörigen zu inniger Lebensgemeinschaft verbindet. Und nicht minder stark werden die Gemeinsamkeiten des Wesens und der Lebenshaltung empfunden, die sich in ihrer Mitte entfalten, auch wenn sie für ihren Bestand keine Bedeutung besitzen. Das Bild des Juden ist nicht nur durch seinen Glauben bestimmt, sondern ebenso durch die ^richtig oder falsch gedeutete) Besonderheit seelischer und körperlicher Eigenschaften, die Besonderheit seiner Berusszugehörigkeit und die daraus entspringende Eigenart des Wesens, der Interessen und der Ideale. Diese Auffassung verschärft das Gefühl der Gegensätzlichkeit weit über das Maß hinaus, das sich aus der religiösen Scheidung ergibt. Von einem „Rasiengegensatz" ist darum freilich nicht zu reden. Der Rassenantisemitismus ist eine Spezialität enger Konventikel die auf die sogenannten „wissenschaftlichen" Rasientheorien eingeschworen sind. Wie wenig das Rasiemoment darüber hinaus bedeutet, geht deutlich daraus hervor, daß der Glaubenswechsel genügt, um alle Gegensätzlichkeiten im privaten und öffentlichen Leben auS der Welt zu schaffen, und daß das jüdische Blut selbst eine Führerstellung in Bewegungen mit starkem antisemitischem Einschlag nicht ausschließt. Ein solches Verhalten ist mit einem „Raffeinstinkt", der sich notwendig gegen den Einzelnen um seiner Raffemerkmale richten müßte, unverträglich. Die vorhandene Gegensätzlichkeit kann sich nur gegen die Gemeinschaft richten, die eine bestimmte geschichtliche Eigenart in sich erhält und fortpflanzt. Man wird in unserer Darstellung eine Bestätigung der „n a t i o n a l e n" Deutung des Gegenlatzes sehen. Aber die Alternative: religiös oder national reicht hier so wenig wie sonst aus, um die eigenartige Situation des Judentums zu erfassen. Von dem, was man normalerweise unter einem nationalen Gegensatz versteht, sind die hier vorliegenden Verhältnisse grundverschieden. Das Judentum der modernen Kulturländer steht zu seiner Umgebung, in deren Kulturleben es verflochten ist, von Grund auf anders, als verschiedene Nationen zueinander stehen. Statt sich gegen ihr Leben abzuschließen, fordert es vielmehr seinen vollen Anteil an ihm. Der sonst von nationalen Minoritäten erhobene Anspruch nach einem nationalen Eigenleben liegt ihm vollkommen fern, und damit entfallen alle die Konflikte, die Sprach, und Kulturkämpfe, die sich aus dem Zusammenleben verschiedener Nationen ergeben, die Gegensätze der Nationaliuteressen, die sich gegeneinander durchsetzen wollen. Nicht um ihrer sachlichen Interessen, sondern um ihrer personalen Geschlossenheit willen fühlt man sich zu der jüdischen Gemeinschaft im Gegensatz und ivill ihr ihren Anteil an dem nationalen Gesamtleben verkümmern. Dieser Gegensatz ist seiner Form nach durchaus dem verschiedener Religionsgemeinschaften analog. Nur daß infolge der besonderen Struktur und Geschichte der jüdischen Religionsgemeinschaft sich noch außerreligiöse Momente an ihn ansetzen und ihn verschärfen. Die Eigenart dieser Sachlage wird nur verwischt, wenn man sie mit dem Schema: religiöser oder nationaler Gegensatz bewältigen will. Diese Auffaffung der antisemitischen Bewegung, durch die sie übrigens in keiner Weise entschuldbarer ivird sdenn Brutalität bleibt Brutalität, auch wenn sie mit der Religionsgemeinschaft zugleich die Stammesgemeinschast triff»), gestattet es nicht, in absehbarer Zeit einen völligen Ausgleich aller Gegensätze zu erhoffen. Die an sich schon nachhaltige und schwer überwindbare Kraft des religiösen Antagonismus findet in den angeführten Momenten eine Unterstützung, die es ausschließt, deu Antisemitismus als eine flüchtige Tageserscheinung zu betrachten, die bald einem Zustande vollkommener Harmonie Platz machen müsse. Allein ebenso unbegründet ist es, den gegenwärtigen Zustand als ein unabänderliches Verhängnis zu betrachten, das aus den Existenzbedingungen des Judenrnms mit Naturnotwendigkeit folge. Die Stellung des Judentums zu seiner Umgebung ist nicht durch eine starre Notwendigkeit ein für allemal vorgezeichnet. Sie beruht auf Bedingungen, die dem Wandel und der Entwickelung zugänglich sind. So gut rvie die Schärfe der religiösen Spannung ist auch die der zu ihr hinzutretenden außerreligiösen

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