KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 5 (1.2.1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 110 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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110 persönlichen Beziehungen findet, fallen für ihn im wesentlichen auseinander. Diese Spaltung des Lebens ist das besondere Schicksal des modernen Judentums, von dem das Mittelalter kaum etwas wußte. Der unendlich schwerere Druck, der damals auf dem Judentum, lastete, schloß es zugleich eng in sich ab. Der Einzelne lebte sein eingeengtes und gedrücktes Leben ganz innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft. Alle Härte des Druckes traf ihn mehr äußerlich, ohne unmittelbar in fein inneres persönliches Leben einzugreifen. Die Lebensschwierigkeiten des modernen Juden liegen dagegen gerade auf seelischem Gebiet, in dem Unbefriedigenden und Unausgeglichenen des Lebens in einem Kreise, der es nicht oder doch nur ausnahmsweise zu einem Leben mit ihm kommen läßt. Die enge Verflochtenheit mit dem Leben der Bolksgesamtheit läßt den Einzelnen diese Isolierung unmittelbar fühlen. Während der frühere Druck die jüdische Gesamtheit einheitlich traf, hat jetzt das Einzelleben diese Schwierigkeiten für sich zu tragen und durchzukämpfen. Auch die noch bestehenden Zurücksetzungen der Juden in unserem öffentlichen Leben wirken niesentlich in dieser veränderten Weise. Sie zwingen zum Verzicht auf den Beruf und die Lebenstätigkeit, die durch Neigung und Anlagen gefordert wird, oder engen doch die berufliche Laufbahn empfindlich ein. Wird davon nur ein begrenzter Kreis unmittelbar betroffen, so macht sich überall das Versagen der persönlichen Gemeinschaft fühlbar. Schon der Schulknabe hat sich vielfach daran zu gewöhnen, daß die kameradschaftliche Beziehung nicht über das Klaffenzimmer hinausreicht, und durch Militär, Studium, Geschäft und Amtsstube setzt sich das in der Mehrzahl der Fälle fort. Dieser Konflikt war eö, der in der Kunstwartdebatte seinen leidenschaftlichen Ausdruck fand. Die tiefe Ueberreizung insbesondere Goldsteins hat ihn gewiß weit greller und krasser dargestellt, als er in Wahrheit ist. Sie hat ihm vor allen einen unberechtigten Einfluß aus die sachliche Arbeit der Juden zugeschrieben. Daß aber die geistige Gemeinschaft der Kulturarbeit zu keiner entsprechenden seelischen Gemeinschaft geführt hat, wird auch eine ruhige Betrachtung in der Hauptsache zu bestätigen haben. Diese Sachlage erhellt nun auch den Streit darüber, ob zwischen den Juden und ihrer Umgebung nationale Gemeinschaft besteht oder nicht. Dafür beruft man sich auf die Gemeinsamfeit des objektiven Kulturlebens, dcnAnteil der Juden an allen Bereichen geistiger und sozialer Arbeit, auf die Lebendigkeit, mit der die Juden sich dieser Gemeinschaft bewußt sind, dagegen auf die Kluft in persönlicher Beziehung, den Mangel wirklicher Lebensgemeinschaft. Handelte cs sich nur um die Frage, ob man bei einem solchen Zustand von nationaler Gemeinschaft reden will, so lohnte es sich nicht, ein Wort daran zu wenden. Auch wer eine nationale Zusammengehörigkeit annimmt, muß doch bekennen, daß einer der höchsten Werte nationalen Zusammenlebens, die volle Einheit mit einer umfaffenden Gemeinschaft, den Juden versagt bleibt, daß ihre Stellung im Volksganzen etwas Problematisches und Unbefriedigendes hat. Wie umgekehrt auch die innige Gemeinschaft in sachlicher Beziehung dadurch nicht auS der Welt geschafft wird, daß man ihr den Namen nationaler Einheit vorenthält. In Wirklichkeit verbirgt sich indessen hinter dem Streit um den Namen der Nation wiederum ein Gegensatz von fachlicher Bedeutung. Der Behauptung, die kulturelle Gemeinschaft begründe zugleich eine nationale Einheit, liegt die Ueberzeugung zugrunde, der Kraft der gemeinsamen Kultur könne auf die Dauer die Erzeugung einer vollen Gemeinschaft nicht mißlingen. Die bestehenden Gegensätze gellen als Ueberreste der früheren religiösen Anfeindungen, als Vorurteile, die aus der Zeit der Bedrückung und Absonderung der Juden zurückgeblieben und durch eine skrupellose Agitation wieder erweckt worden sind. Von dem Fortschritt religiöser Duldsamkeit erwartet man ihre vollkommene Ausgleichung. Die entgegengesetzte Auffassung sieht den llrsprung des Konfliktes in außerreligiösen Momenten. Sie lehnt den Gedanken einer nationalen Zusammengehörigkeit ab, weil ihr die bestehende Gegensätzlichkeit als notwendige Folge des Charakters der jüdischen Gemeinschaft gilt, die durch keinen Fortschritt der religiösen Toleranz aus der Welt zu schassen sei. Wird die Frage so gestellt, ob die Abschließung gegen das Judentum, ob der Antisemitismus in seinen verschiedenen Formen sich ausschließlich gegen die jüdische Religionsgemeinschaft richtet, so wird man nur verneinend antworten können. Nicht wegen der leidenschaftlichen Heftigkeit, mit der auch heute noch der Kampf gegen das Judentum geführt wird. Noch immer reichen die religiösen Scheidungen bis tief in das außerreligiöse Leben hinein. Die religiös geschiedenen Volksteile stehen auch in ihrem sonstigen Leben vielfach gesondert nebeneinander, und bis in seine Tiefen wird daS öffentliche Leben konfessionell gemischter Länder durch kirchliche Gegensätze aufgewühlt. Die besondere Stärke, mit der sich diese Gegensätze dem Judentum gegenüber offenbaren, erklärt sich zur Genüge aus der größeren Schärfe der religiösen Gegensätze, dem fremdartigeren Eindruck, den das jüdisch-religiöse Leben bei Außenstehen-