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KC-Blätter · 1914-02-01 · Heft 5 (1.2.1914) · p. Seite 109

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 5 (1.2.1914)
Date
1914-02-01
Page
Seite 109 (sequence 13)
Language
German
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109 Der Begriff der Nation in seiner Anwendung aus die Juden. Von Privatdozent Dr. JuliuS Guttmann. Breslau. (Schluß). Die Stellung der Juden innerhalb der modernen Völker. Die Gemeinsamkeit des Staates, der Sprache und der Kultur vereint in der modernen Kultursphäre die Juden mit den Völkern, unter denen sie leben. Welche Gemeinschaftsbeziehungen aber ergeben sich aus dieser Tatsache? Aus seiten der Juden hat sie ein Gefühl starker und lebendiger Zusammengehörigkeit erzeugt. Statt der früheren pflichtmäßigen Untertanentreue erfüllt sie ein kräftiges Staatsbewußtsein, ein lebendiges Vaterlandsgefühl. Der Sprach- und Bildungsgemeinschaft der Heimat bringt der Jude die volle Liebe entgegen, die das Bewußtsein gemeinsamen höchsten geistigen Besitztums erwachsen läßt. Bei dem Eintritt in die neue Bildungswelt hatte dieses Bewußtsein etwas von Dankbarkeit sür den geschenkten geistigen Besitz an sich. Seither hat es längst aber diesen Ton verloren und sich zu einem Gefühl selbstverständlichen Anteils an dieser Bildungswelt gewandelt. Das ist nicht, wie ein voreingenommener jüdischer Nationalismus es zu deuten versucht, ein gemachtes „Assimilantentum", sondern der naturgemäße ungewollte Ausdruck bestehender geistiger Gemeinsamkeit. Weit hinaus über die bloße staatsbürgerliche Pflichterfüllung erhebt sich dieses Bewußtsein zu der vollen Wärme und Kraft des Vaterlandsgefühls, zu innerlicher Anhänglichkeit an die Heimat, an die sich der Jude durch Sprache und Bildung gebunden fühlt. Will man im Vaterlandsgefühl deS Juden einen eigenen Zug festftellen, so wird man es nicht durch seinen Grad und seine Stärke, sondern nur durch seine besondere Färbung von der gewöhnlichen Form nationalen Bewußtseins unterscheiden können. Die blutsmäßige Scheidung zwischen dem Juden und seiner Umgebung, die aus seinem Vaterlandsgesühl baö instinkmäßige naturhafte Moment der Blutsgemeinschaft völlig ausscheidet, gibt ihm einen Zug ausschließlicher Geistigkeit. Die Vaterlandsliebe des Juden knüpft sich vornehmlich an das geistige Besitztum des Volkes, an die gemeinsamen Werte des Volkslebens. Sie gehört — neben der Heimat als solcher — dem geistigen und staatlichen Leben des Volkes, und erst auf der Gemeinsamkeit dieses Lebens baut sich das Gefühl der Gemeinschaft mit dem Volke selbst auf. Dem entspricht auch seine Stellung zu der Volksgeschichte. Schwärmerei für das Germanentum kann bei dem deutschen Juden nur komisch wirken. Seine Stammeserinnerung haftet nicht an Hermann dem Cherusker, sondern an Juda Maccabi. Die Geschichte des deutschen Geistes dagegen empsindet er mit voller Wahrheit als den Ursprung des eigenen geistigen Lebens. Dieses Gemeinschaftsgefühl hat die notwendige Tendenz, sich auch in persönliche Gemeinschaft mit denen umzusetzen, in denen das gleiche geistige Leben waltet. Die Gemeinsamkeit der sachlichen Lebensinteressen geht naturgemäß in menschlich-persönliche Beziehungen über. Vollends dann, wenn sie sich auf Gegenstände von unmittelbarer menschlicher Bedeutsamkeit erstreckt. Auf seiten der Juden ist dieser Zustand seit ihrem Eintritt in die moderne Kulturwelt denn auch als der naturgemäße empfunden und erwartet worden. Wie sehr diese Erwartung enttäuscht wurde, bedarf keiner Ausführung. Alle noch so enge Gemeinsamkeit in sachlicher Beziehung hat die Schranken nickt niederzureißen vermocht, die den Juden menschlich und persönlich von der Voiksgesamtheit trennen. Von einigen Ländern mit ganz geringer jüdischer Bevölkerung, wie England und Skandinavien, abgesehen, gilt das ziemlich ausnahmslos auch bei solchen Völkern, die sich vom politischen Antisemitismus freigehalten haben. Die Volksstimmung, die bei uns den politischen Antisemitismus trägt, besteht auch dorr, nur daß die allgemeinen politischen Ideale und Prinzipien sie nicht zu politischem Ausdruck' kommen lassen. Genau wie sie bei uns weit über die Kreise der antisemitischen Parteien hinausreicht. Auch tvo man sich von der Feindseligkeit fernhäit, wie sie durch die politische Agitation entzündet wird, herrscht eine abweisende Zurückhaltung, die jede nähere persönliche Berührung meidet. Daß in manchen Kreisen wenigstens äußerliche gesellschaftliche Beziehungen bestehen und daß gewiß auch Fälle persönlicher Freundschaft häufig genug sind, hat für das Ganze nur weitig zu sagen. Die Regel bleibt es doch, daß selbst die nächsten Berussgenosien in ihrem außerberufllchen Leben einander gänzlich fern bleiben, daß die stärkste Uebereinstimmung der Ueberzeugungen und Ideale, die Arbeit auf demselben Gebiet und an den gleichen Aufgaben unvermögend ist, diese Zurückhaltung zu überwinden und ein Verhältnis von Mensch zu Mensch zu erzeugen. Der Jude ist in seinen persönlichen Lebensbeziehungen wesentlich aus den Kreis seiner Glaubensgemeinschaft angewiesen. Die A r b ei t s - emeinschaft, in der er mit 'einen sachlichen eistungen und Interessen steht, und die Lebensgemeinschaft, in der er seine menschlichen und

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