KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 5 (1.2.1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 bezug aus die Wärme und die tiefe Empfindung, die sicherlich in vielen dort gehaltenen Reden lag, begeisternd wirken konnteich erkenne ebenso an, das; wir jüdischen Blutes und jüdischen Stammes sind und daß den deutschen und englischen Juden noch aridere Bande verknüpfen als den deutschen und englischen Christen. Damit ist aber das Programm des Zionismus, so rvie er sich heutiges tags uns durch den Mund der Führer darstellt, in keiner Weise erschöpft, und gerade an dem Punkte, an dem Ihr Brief zum Abschlüsse gelangt ist, beginnen die verschiedenen Anschauungen. Denn nicht die Kolonisationsarbeit ist das für den Zionismus Charakteristische, die wird arrch von andern Organisationen geleistet, meines Erachtens sogar von manchen: nüt größerem Erfolg. Was dem Zionismus von allen andern Orgruisationen untetscheidet, dasjenige, was heute nach den langen Wandlungen der Entwicklung im Zionismus als daS maßgebende Programm der zionistischen Partei angesehen werden muß, ist etwas ganz anderes. Und gegen dieses maßgebende Moment muß ich mich wenden, und zwar nicht allein aus dem Gesichtspunkte heraus, iveil ich dieses Moment als für die Juden Westeuropas politisch und gesellschaftlich für in hohem Blaste gefährlich erachte, sondern vor allem auch aus den: Grunde, iveil hier Behauptungen und Empfindungen geschaffen werden, die mit den tatsächlichen Verhältnissen keineswegs in: Einklang flehen. Es handelt sich hier um die in der zionistischen Theorie und in der zionistischen Praxis immer wiederkehrende Behauptung, wir Juden — ich spreche von meinem Gesichtspunkte aus einmal von den deutschen Juden, bei den englischen wird es ivohl nicht anders sein — seien ein Gastvolk in: fremden Wirtsvolk. Dieses Moment der Fremdheit dient zur Begründung der weiteren Forderungen, daß für die Zukunft eine eigene Entwicklung des jüdischen Volksteils begriindet lverde, daß man deshalb bestrebt sein müsse den: „Fremden" — und das sind auch wir westeuropäischen Juden — ein Hcim zu schaffen, daß inan sich ferner sagen müsse, wenn der Fremde eine Heimat habe«: wird, inuß diese Heimat von einer ihn: passenden, ev. neu zu schaffenden Kultur Ulngeben sein, schließlich, daß man ihn lehren müsse, als Hauptziel seines Gebens das Bestreben zu betrachten, eine eigene, für sein jüdisches Volk inaßgebende Zukunft zu finden. Darum muß solgerichtigerweise die heutige zionistische Agitation, wie sie es auch tut, den: Juden des Westens selbst dann seine llingebuug als wesensfremd hinzustelleu versuchen, wenn er diese Umgebung nieinals als andersartig empsunde:: hat,und immer darnach trachten, für den westlichen Juden Begriffe und Lebensäußerungen zu finden und zu suchen, die denen seiner Umgebung fremd, dagegen angeblich ihm selbst, ohne daß er es bisher empsunden hat, eigen sind oder zum mindesten eigen werden sollen. In den jüdischen Turnvereinen werden deshalb hebräische Lieder gesungen, hebräische Kommandos gegeben. Man sucht alle Lebensäußerungen, die mit dem Judentum an sich nicht das geringste zu tun haben, zu „judaisieren" jvon der jüdischen Uhr angesanaen bis zu den „jüdischen Grüßen" am Ende der Briefe und den Hedadrusen in jüdischen Versammlungen), man bestrebt sich, überhaupt das Interesse der kommenden Generation aus eine speziell neuzuschassende, dem deutschen Volke sremde Gemeinschast hinzuweisen, und suchr dieser Gemeinschaft durch Verleugnung der alten Werte aus der einen Seite und durch Schaffung neuer Werte aus der andern Seite eine geeignete Grundlage zu geben. Ich stehe nicht an, Ihnen zu erklären, daß ich sogar die politisch zweifellos unglückseligen Konsequenzen dieser Anschauungsweise daun auf mich nehmen würde, wenn ich in diesen Ueberzeuguugeu einen irgendwie berechtigten Kern erblicken könnte. Davon kann aber nicht die Rede sein. Meine Gesamtpersönlichkeit und die der weitaus überwiegenden Mehrzahl der deutschen Juden kann es nicht verstehen, wenn man sie als fremdes Element innerhalb des deutschen Volkskörpers bezeichnet. Alles andere als Hurra-Patrioten fühlen die deutschen Juden kraft ihrer Erziehung und kraft ihrer Ueberzeugung sich vollkommen identisch nüt ihren andersgläubigen Mitbürgern und können nicht zugeben, daß sie auch in fernster Zukunft außerhalb des Rahmens dieser ihrer spezifisch deutschen Gemeinschast stehen werden und sollen. Ich wiederhole, woraus schon vielfach hingewiesen wurde: ich wünsche mir für mich und meine Familie keine Zukunft in Palästina, nicht etwa aus dem Grunde, weil ich an sich eine solche Zukunft verachten würde, sondern lediglich, weil ich meinen Anspruch aus meine Heimat, und diese liegt nur in Deutschland, nicht auszugeben gedenke, weil ich an dieser Heimat hänge und keine andere kenne. Wie das zionistische Programm sich verändert hat, geht daraus hervor, daß man früher einen Judenstaat nur für diejenigen erstrebte, die, wie man sagte, sich nicht assimilieren können und wollen, während man jetzt den Judenstaat aufgegeben hat und das Ziel in der Verbreitung der Ueberzeugung sieht, eine allgemeine, selbst noch so charaktervolle Assimilation sei unnütz. Früher führte man den Kampf für eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte für solche, die ein Heim