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KC-Blätter · 1914-02-01 · Heft 5 (1.2.1914) · p. Seite 107

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 5 (1.2.1914)
Date
1914-02-01
Page
Seite 107 (sequence 11)
Language
German
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107 nicht hatten, jetzt sucht man denjenigen ihre Scholle zu verleiden, die mit Liebe an ihr hängen, um aus ihrer Entivurzelung einen politischen Vorteil zu ziehen. Darum ist es nicht etwa der Streit um das Wort „Nation" und „nationale Grundlage", der mich dem Zionismus als Gegner gegenüberstellen muß, sondern es ist die gänzlich von der zionistischen verschiedene Weltanschauung, die m. E. eine Ueberbrückung durch irgendwelche Konzessionen nicht verträgt. Ich fühle mich eins mit den Juden aller Länder durch Gemeinsamkeit der Abstammung, durch Gemeinsamkeit des Blutes und durch Gemeinsamkeit des Glaubens, Ich suhle mich eins mit meinen deutschen Volksgenossen durch das Miterleben einer gemeinsamen Vergangenheit und Gegenwart, durch, dieselbe KAiltur und dieselbe Sitte und durch die Hoffnung und den Wunsch aus eine gemeinsame Zukunft- Von geringem Gewicht diesen Dingen gegenüber ist der Umstand, daß die zionistische Agitation, wie sie in Deutschland betrieben wird, der Gleichberechtigung der deutschen Juden enorm schadet. Leute, die dem Judentum durchaus sympathisch gegenüberstehen, haben die in allen Tonarten wiederkehrende Erklärung der Zionisten über ihre Eigenschaft als Fremdkörper, über ihre Zugehörigkeit zu einem andern als dem deutschen Volke mit besonderm Bedauern empfunden und betont: sie verständen es nicht, wie man jemandem im Lande Gleichberechtigungen gewähren solle, der selbst erkläre, er wünsche eine andere Zukunft seiner speziellen Gemeinschaft und seines Volkes als die es ist, welche die gesamte Nation sich ivünsche. Eine Verständigung mit den Zionisten wird aber auch aus dem Grunde erschwert, weil die Form der Agitation — das erwähne ich nur nebenbei — jede sachliche Erörterung unmöglich macht. Ich kann Ihnen, wenn Sie es wünschen, dafür viele Beweise bringen, und ich muß vor allen Dingen bedauern, daß es sich nicht um vereinzelte Vorgänge handelt, sondern um Vorgänge, die von den inangebenden Instanzen der zionistischen Partei gebilligt werden. Wenn z. B. vor einigen Monaten ein Führer der deutschen Zionisten die Nichtzionisten als „Assimilantenefinde!" bezeichnet hat, so vermögen Sie am esten zu ermessen, wie schwer bei aller sachlichen Würdigung des gegensätzlichen Standpunktes das Arbeiten mit den Zionisten auch in neutralen Fragen geworden ist, noch dazu, wo bei Fragen, die mit der Zukunftspolitik des Judentums nicht das geringste zu tun haben, die zionistische Partei regelmäßig Unfrieden zu säen bestrebt gewesen ist. Wenn die Isolierung des Zionismus von Tag zu Tag zunimmt, wenn cs in den letzten Jahren in fast allen großen jüdischen Organisationen Deutschlands zu Konflikten mit den Zionisten kam, so ist das kein Zufall, sondern nur die Folge des rücksichtslosen und vielfach von nacktem Parteiegoismus diktierten Vorgehens der zionistischen Führer auch in allgemeinen jüdischen Fragen. Endlich bemerke ich — und das erachte ich für sehr wesentlich —, daß ich dem Zionismus schon aus dem Grunde immer ablehnend gegenüberstehen muß, weil er gerade dasjenige, was den Kern, das Wesen des Judentums ausmacht, nämlich seine religiösen und ethischen Werte, im wesentlichen als überwunden erachtet. Man kann dafür eine offizielle Erklärung dieses Inhalts seitens der zionistischen Parteileitung natürlich nicht zitieren. Aber jeder, der die zionistischen Zeitungen und Publikationen liest, wird eine unendliche Fülle von Material finden, welches rack dieser Richtung hin außerordentlich belehrend wirkt. Diese Aeußerungen sind nicht etwa rein private Kundgebungen, für die man die Bewegung nicht verantwortlich machen kannsie sind vielmehr die notwendige Konsequenz der Grundanschauung des Zionismus, daß nicht die Religion, sondern die Nation das alle Juden einigende Band sei. In Wirklichkeit will der Zionismus das Judentum dadurch erhalten, daß er das Judentum „erneuern" und an Stelle der seiner Meinung nach bankerotten jüdischen Religion den jüdischen Nationalbegriff ausbaut bezw. schafft. Daher auch der Haß der Zionisten gegen die sogenannten „Rachmonuszionisten". Ich bin gern bereit. Ihnen auch darüber weiteres initzuteilen. Sie sehen also, sehr geehrter Herr, daß es nicht etwa ein Verkennen oder Nichtkenneit der Bewegung ist, das mich ihr gegenüber die entschiedensten Bedenken haben läßt, sondern gerade der Umstand, daß die wesentlichsten Grundfragen des Judentums nach meiner innersten Ueberzeugung vom Zionismus falsch gestellt und be^ antwortet worden sind. Ich erblicke im Zionismus eine in ihren Grundmotiven sehr achtenswerte, aber nichtsdestoweniger äußerst gefährliche Richtung und fürchte, daß bei seiner weiteren Verbreitrrng eines Tages die durch das Scheitern der Zukunstshoffnungen notwendige Liquidation mit einem Massenabsall vom ^Judentum und einer Erhöhung des bisher schon genug vorhandenen Unglücks verbunden sein wird. Denn wenn die glaubenslos gewordenen Massen auch noch in ihren nationalen Erwartungen getäuscht werden, ist jede Stütze für diese unglücklichen Menschenkinder genommen. Mit vorzüglicher Hochachtung Karl Löwen stein.

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