KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 4 (1.1.1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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91 Wandervogel einverstanden zu erklären, keine Juden mehr aus, nieder als Mitglieder noch als Wandervögel. Um den völkischen deutschen Charakter der Wandervogel. Bewegung zu wabren, hält ste eine klare Scheiduna in dieser Jrage sür notwendia. Aufnabmegeiuche von Juden lind stets in böflicksatblichem Tone unter Hinweis aus obiaen Besibluß abzulebnen." Sicherlich stnd diese Bei-blüffe einer irregeleiteten, vorsätzlich in falsche Bahnen gelenkten Jugend anss tiefste zu bedauern und nicht nur, wie dies ein Leipziger Blatt tut. als „nationale Phrasen vermischt mit dem falschen Rassendiinkel unreifen Germanentums" beiseite zu den Akten zu legen —, aber immerhin möchte ick veriönlich ihnen nicht allzuviel Bedeutung für die Zukunft beimessen. Denn alücklicherweise mebren sich die Anzeichen dafür, daß man nicht nur in den Kreisen der Oberleitung und der Führer, sondern auch in den Reihen der Wandervögel selbst erkennt, welche Gefahren aus derartig verhetzendem Treiben der Allgemeinheit der deutschen Jugend erwachsen können. Der BundeSleiter deS Wandervogels e. B.. Herr Oberrealschuldirektor vr. Neuendorff inMüblbeim Kat offiziell erklärt, „daß er die Versuche der Antisemiten, in den Wandervogel südenfeindliche Tendenzen hineinzutragen, auf daS schärfste mißbillige. und daß er als Rundesleiter deS Wandervogels diese Versuche durchaus bedauere." Herr Profesior Al brecht, der Geschäftsführer der Zentralstelle für Bolkswoblfabrt, bat dieselbe Erklärung abgegeben) die neueste Nummer des offiziellen Organs des WandervogelbundeS bringt eine in gleichem Sinne gehaltene Notiz seitens der Bnndesleitung) die Gaue Schwaben, Elsaß.Lothringen, Bauern, Schlesien, die Ortsgruppen Darmstadl, Königsberg und Danzig haben energischen Einspruch erhoben gegen die in Rede stehenden Artikel und Schriften und sich den darin angeschlagenen Ton als niedrig und würdelos verbeten) aus dem Gau Rheinland wird dem Zentralverein von maßgebender christlicher Seite geschrieben: „Sollte ich einmal erleben, daß unser Gau auch dieser Borniertheit zum Opfer fällt, dann trete ich ganz aus. UebrigenS wird der Wandervogel als Ganzes sofort ausstiegen, wenn er es wagt, den Antisemitismus offen auf seine Fahne zu schreiben. Gegen inossizielle Hetze läßt sich ja nur so arbeiten, wie Sie es tun, nämlich durch Aufklärung." Auf weitere Aeußerungen kann ich des Raumes wegen nicht eingehen) nur einen kurzen Auszug aus dem Briefe, eines christlichen Wandervogels an einen jüdischen Freund will ich hierhersetzen, der in seiner Offenheit und Klarheit befreiend wirkt: „All die goldenen Erinnerungen froher Fahrtentage kamen zurück, wo wir Germanen und ihr Juden zusammen um knisternde Glut lagerten oder im fließenden Flüßchen zur Sommerzeit herumsprangen, alles deutsche Jungen! Und nun soll das ans einmal wieder anders sein? Nein! Cora Berliner hat Recht! Im Wandervogel selbst wollen wir denKampf durchfechten! Nicht zurückweichen!. ...... Wir sind Deutsche — keine Germanen mehr! Wenn unser Volk vor Hunderten von Jahren einmal raffenrein war, so ändert das nichts an der Tatsache, daß es heute nicht mehr ist. Wir sind ja doch ganz andere geworden: Germanen, Slaven, Juden, Polen/ Romanen, das alles ist zusammengewachsen durch die Jahrhunderte zu einer neuen, zur deutschen Raffe. Dieser Tatsache sind alle Wandervögel sich bewußt, und man hat bei allen Anläßen immer nur den deutschen, nie aber den „germanischen" Standpunkt vertreten. Das Wort „Deutsch" aber stellt „Germanen" und „Juden" auf eine Stufe. Wozu hätte man wohl auch in den Satzungen den Satz: „... und religiös neutral" «^ausgenommen? Dieser kann sich doch einfach nur ausschließlich auf die Juden beziehen, denn zwischen katholischer und protestantischer Religion besteht kaum ein nennenswerter Unterschied. Daß man den Islam nicht gerade im Auge hatte, dürste ja eigentlich einlenchten. Also hat der Wandervogel als solcher sich von Anfang an für die Juden erklärt! Antisemitismus gehört also nicht zum Wandervogel, sondern wird ausdrücklich von ihm verdammt!" Ueberblickt man alle diese Vorfälle und wägt ' man die mannigfachen Aeußerungen gewiffenhaft ab, so kann und darf man auf keinen Fall zu dem verhängnisvollen Ergebnis kommen, daß jetzt für die Juden in den Wandervögeln unterschiedslos kein Raum mehr sei, daß die bisherigen jüdischen Mitglieder ihren Austritt als Ehrenpflicht und die Gründung exklusiv jüdischer Wandervögel als notwendige Gegenmaßnahme ansehen müßten. Die Zeit für derartig spezifisch jüdische Neugründungen wäre erst gekommen, wenn die Ortsgruppen des Wandervogels nirgends mehr Juden ausnähmen oder aber nur unter gewissen Voraussetzungen und Bedingungen, auf die sich einzulaffen einem charaktervollen ehrlichen Juden nicht zugemutet werden kann. Solange aber noch ein großer Teil der Ortsgruppen — vielleicht ist es sogar der größere — seinem Neutralitätsprinzip durchaus treu bleibt und die Harmonie der Mitglieder nicht durch Glaubensunterschiede beeinträchtigt wird, solange ist es geradezu Ehrenpflicht aller jüdischen Wandervogel-Mitglieder, in ihren Ortsgruppen auszuharren, mit voller Liebe