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KC-Blätter · 1914-01-01 · Heft 4 (1.1.1914) · p. Seite 90

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 4 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 90 (sequence 22)
Language
German
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90 zeitlichen jüdischen Volksschule auszubringen versucht, 100000 Kronen sür das hebräische Gymnasium in Jerusalem zu entführen. Sie macht aus der kleinen palästinensischen Judensiedlung mehr und mehr eine neue Chaluko, ein Treibhaus, daß dem Golus, dem lebenden Volk ungeheuere Kapitalien und gewaltige Kraft an Menschen und Energien entzieht. Und das alles dank einer rücksichtslos fälschenden, mit eineramerikanisch anmutenden Lichtbildertechnik operierenden Reklame, die, mag sie noch so plump und kraß auftragen, von den Parteigenossen niemals durchschaut wird. Selbstverständlich kann das nicht ins Ungemessene gehen, und das letzte Schaustück, die nervöse Art, wie auf dem Wiener- Kongreß die der Partei doch ganz fernliegende ostjüdische Studentenfrage aufgegriffen und zu einervorübergehenden Sensation benutzt worden ist, zeigt es an, daß auch diese Technik sich einmal erschöpfen wird. — Dennoch ist es nötig, so scharf und häufig wie nur möglich gegen die Schädigungen zu protestieren, die auf solche Weise den zentralen Judenmassen zugefügt werden. Man halte doch das ungeheure, kostspielige, einen Riesenapparat in Bewegung setzende Budget, das für die paar tausend palästinensischen Menschen arbeitet, gegendas Geringe, durchaus Unzulängliche, was jährlich von west- und ostjüdischen Organisationen für die Regulierung der groß en Gegenwartsprobleme aufgewendet wird, — man wird dann ohne Mühe ernennen, wie ungesund und im nationalen Sinne gefährlich dieser beständige Aderlaß, der die wackelnde orientalische Luxusgründung zu Kräften bringen soll, den breiten Massen des Volks geworden ist. Dann wird man auch die" konsequente Kritik begreiflich finden, die gegen den zionistischen Versuch, das jüdische Problem zu mechanisiereck und aus dem jüdischen Nationalismus eine Karrikatur zu machen, in der Freistatt eingesetzt hat. Es ist nicht Lust am Kampf, die dazu führt, es ist die Ueberzeugung, daß erst nach Ueberrvindung der zionistischen Haskolo der Raum frei wird für eine wahrhafte jüdische Volksbewegung. Antisemitische Wandervögel. Von vr. Rahmer (Spreviae), Berlin. Wir Juden, die wir fortgesetzt unter ungerechten Uebertreibungen zu leiden haben, wollen uns bei der Betrachtung betrüblicher.Vorgänge in jüngster Zeit behutsam von Verallgemeinerungen freihalten. Deswegen ist es unangebracht, schlechthin von „Antisemitismus in der Jugendbewegung" zu sprechen, da von den zahlreichen Verbänden, die in der Jugendbewegung eine hervorragende Rolle spielen, viele bisher keinerlei Anlaß dazu gegeben haben, ihnen Voreingenommenheit und Ungerechtigkeit gegen die jüdische Jugend zum Borwurf zu machen. Ich erinnere nur an die Pfadfinderbewegung und den Jungdeutschlandbund, die nach den Satzungen jede religiöse oder politische Tendenz ausschließen und in der Praxis, soviel mir bekannt, auch gegen diesen Grundsatz noch nicht gefehlt haben. Und selbst der Wandervogelbund, der in die drei großen Organisationen: Wandervogel e. V., Altwandervogel, Jungwandervogel zerfällt, kann nicht etwa als allgemein antisemitisch angesprochen werden. Aus den Tageszeitungen ist die Erklärung bekannt geworden, in der die Leitung des Deutschen Wandervogels, Gau Groß- Berlin, e. V., mit aller Entschiedenheit den Versuch zurückweist, die im Wandervogel vereinigte Jugend unter dem Deckmantel der Rassenfrage untereinander zu verhetzen, und in der sie ihrer Ueberzeugung Ausdruck verleiht, „daß eine Jugendbewegung nur dann gedeihenkann,wennreligiöfe und politische Neutralität unter allen Umständen gewahrt bleiben." Man wird daher gerechterweise nur von Antisemiten im Wandervogel sprechen dürfen, die wohl schon von jeher dort vorhanden waren, aber erst seit einigen Monaten — dank geschickter Anweisung und Unterstützung durch antisemitische Führer, Schriftsteller und Verbände — an Einfluß und Bedeutung innerhalb des Bundes gewonnen haben. Ich brauche die einzelnen Vorfälle nicht aufzuzählen. Die Tagespreffe und insbesondere der Artikel „Wandervogel" von Cora Berliner, der Geschäftsführerin des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, im Dezemberheft der Zeitschrift „Im deutschen Reich" hat alles Wissenswerte hierzu wiedergegeben, von der Zurückweisung im Einzelfalle in Zittau angefangen, der Aufstellung des antisemiüschen Programms in Führerzeitung, Flugblättern und Broschüren, bis endlich zum satzungsmäßigen Ausschluß in Gera, Hamborn, Plauen, Bernburg, dem Königreich Sachsen und dem Nordkreis des Gaus Thüringen. Diese Reihe ist jetzt noch zu ergänzen, da auch die Ortsgruppen Siegburg, Bochum, Charlottenburg und der Gau Westfalen entsprechende Beschlüße gefaßt haben sollen. Die Führerschaft der Ortsgruppe West- Berlin des Wandervogels e. B. gab7am 1. Dezember ihren MitgliedernfolgendenBeschlutz einer gemeinsamen Sitzung des Eltern-7und Freundesrat-Ausschuffes mit der Führerschaft bekannt: „Die Ortsgruppe West-Berlin nimmt künftig, ohne sich in allen Punkten mit dem Ton der antisemitischen Bewegung des

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