KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 4 (1.1.1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 21)
- Language
- German
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89zu erkennen, wie stark das jüdische Volk in seinen heutigen Positionen wurzelt, wie in deren Grenzen die Linie der Volksentwicklung verlaust. Rußland, Galizien, Amerika, ja selbst der spaniolische Golus hat seinen Schwerpunkt in sich selbst. Da ist keine wirtschaftliche, geistige oder kulturelle Kraft, die nach Palästina hin gravitiert. Spricht man aber von den Aufgaben, die im Sinne dieser unzweideutigen Tendenz zu lösen sind, so treten die heute schon, bevor die Entwicklung irgendwie zu Ende gekommen ist, klar zu Tage. Sie zielen in die Richtung einer möglichsten Parnlysierung der vielen Widerwärtigkeiten, die dem jüdischen Volk aus seiner Sonderstellung erwachsen. Also politisch: Zusammensassen unserer sehr beträchtlichen Macht und ihre Organisierung zu Institutionen, die jederzeit jüdische Volksteile gegen äußere Bedränger und Rechtlosigkeit schützen und in den Ländern jüdischer Massensiedlung den Kampf um nationale Autonomie erleichtern können. Wirtschaftlich: Regulierung des Ueberganges zur Qualitätsarbeit, Errichtung von Handwerker- und Industrieschulen, Unterstützung aller genossenschaftlichen und agrarischen Bestrebungen im jüdischen Proletariat und Bürgertum, Gründung einer Kolonialbank für die amerikanischen, galizischen und später für die russischen Massen, Regulierung der überseeischen und Binnenwanderungen im Sinne einer zweckmäßigen, Licht und Luft lassenden Konzentration. Was die kulturelle Arbeit angeht: Unterstützung aller Versuche, das alte Cheder in eine lebensfähigeNationalschulezuverwandeln.Schaffen eines jüdischen (jiddischen) Kulturfonds, eines Schulvereins u. dergl. — Ich habe keine abstrakten Formeln ausgestellt. Das sind, im Groben, die Forderungen, die heute in der jüdischen Welt des Ostens lauter und lauter erhoben werden — und dies sieht anders aus, als die Verlegenheitsprogramme, mit denen die zionistische Organisation sich die Zeit im „Galuth" ausfüllt, entspricht den Notwendigkeiten des Volks und nicht den Launen oder allzu voreilig getroffenen Anordnungen gegenwartsferner Volksbeglücker. — Es mag gefährlich sein, nach dem Dargestellten den tiefen Stand zionistischer Wissenschaftlichkeit oder gar das, was sich allwöchentlich in den Parteiblättchen als Bilder vom ostjüdischen Leben vorfindet, charakterisieren zu wollen. Angesichts der notorischen Volksfremdheit und des bedauerlichen Unverstands, die das zionistische Zerrbild vom untergehenden „Galuth" entworfen haben, fehlen selbst einem sanfteren Menschen als ich es bin, die ruhigen Worte. Und es würde tatsächlich am besten sein, sich nicht weiter um die längst erschütterte zionistische Berelendungstheorie zu kümmern, wenn nicht etwas anderes es nötig machte, immer wieder auf^diesen Punkt zurückzukommen. Das ist nämlich die gemeingefährliche Art, wie die zionistische Agitation und Publizistik (es ausnutzend, daß der Westjude fern von aller jüdischen Wirklichkeit lebt, und daß die Freistatt als Organ für Intellektuelle für die Masse der Schekelzahler leicht totzuschweigen ist) sich gegenüber den neuen Erkenntnissen dumm stellt, und ihr altes Spiel, ihre maßlosen Entstellungen und Unterschlagungen der jüdischen Gegenwart weiterübt. Es tut einem wehe um die Geistigen im Zionismus, daß sie ein derartiges Treiben zulassen. Vom dritten Komplex der zionistischen Ideologie, von der Palästinautopie, ist eigentlich lvenig zu sagen. Denn einmal genügt das, was die bisherige Darstellung zeigte, um zu erkennen, daß (abgesehen von den Anstrengungen einer kleinen, irregeführten Schar) nichts im Golus ist, das nach Palästina hingravitiert. Die Tatsache allein, daß mehr als 3000000 Bande diejenigen Judenschichten in Osteuropa, die überhaupt in Osteuropa für Emigration noch in Frage kommen könnten, mit Amerika verknüpfen, läßt jede Möglichkeit, als ließe sich jemals der Auswandererstrom oder eine andere Erscheinung des zentralen jüdischen Lebens , durch den guten Willen nach Palästina ablenken, als Utopie erscheinen. Es kann also hier von der Frage der Eignung Palästinas; abgesehen werden, weil sie ja höchstens als eine akademische Frage aktuell werden mag. Die Tendenz des ostjüdischen Lebens wird von anderen Faktoren beeinflußt als von Doktorarbeiten über den Stand der palästinensischen Kolonisation oder 'von den Sehnsüchten europamüder Westjuden. — Außerdem ist die zionistische Palästinathese dermaßen wunschhaft, subjektiv, sundamentlos *), deutet mit solch billigem Optimismus palästinensische Unterbilanzen in Erfolge um, daß man auf eine theoretische Auseinandersetzung damit wenig Zeit verschwenden mag. Nur die praktische Seite der Dinge soll hier angedeutet werden. Die zionistische Agitation hat es nicht nur fertig gebracht, den kritisch unbewaffneten westjüdischen Organisationen Palästina als Konzentrationspunkt der Wohlfahrtsarbeit akzeptabel zu machen, sie wagt es auch, in einem Jahr der Teuerung aus Galizien, dem Land, das seit Jahren schon vergebens die Attttel zu einer neu- 0 Dogmenkritisches hierüber findet der Leser in meinem Aufsatz „Zur Theorie und Praxis der Poale- Zion" (8. Heft der Freistatt.). Interessante Ergebnisse, die das Meiste der zionistischen Palästinaliteratur arg kompromittieren, gibt auch Lewins Arbeit: „Die Mische Kolonisation in Palästina" (Augustheft der Freistatt) wo zum erstenmal den objektiven Ursachen des Mißersolgs der Palästinaarbeit nachgespürt worden ist.