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KC-Blätter · 1914-01-01 · Heft 4 (1.1.1914) · p. Seite 88

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 4 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 88 (sequence 20)
Language
German
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88 Prinzip und die Tendenz des jüdischen Nationallebens, so ist unter den veränderten wirtschaftlichen Bedingungen der Umschlag eingetreten: das jüdische Nationalleben der kommenden Zeiten wie der heutigen hat zur Voraussetzung und als Tendenz zunehmende, allmählich bewußt zu regulierende Konzentration. Diese wirkt sich heute in zwei Richtungen aus: einmal als Binnenwanderung und außerdem als Emigration. Der stark expansive Charakter dieser Verschiebungen ist unbegreiflicherweise von den zionistischen Theoretikern überhaupt nicht wahrgenommen worden. Ruppin z. B. fertigt die Konzentration in den Großstädten, die sicher einen zentralen Punkt des ostjüdischen Problems darstellt, als simplen Assimilationsfaktor ab.l) Von der Tendenz der ostjüdischen Binnenwanderung weiß er nur einige nichtssagende Zahlen, und er stellt die ungeheuerliche Behauptung auf: „Bon geringerer Wichtigkeit als die Wanderungen von Land zu Land sind die Binnenwanderungen. In Rußland, dessen weites Gebiet am meisten zu solchen Wanderungen (d. h. dem „Abströmen von den Gebieten schweren wirtschaftlichen Drucks in die Gebiete leichteren Drucks") Anlaß gäbe, sind sie durch die gesetzlichen Bestinunungen unmöglich gemacht. In Galizien besteht ein Zug der Juden vom Westen zum Osten." Ütur sür Deutschland hat er wahrgenommen, daß „der Zug der Juden vom Lande in die Städte geht". Was soll man aber dazu sagen, daß Ruppin ein umfangreiches Buch zu schreiben wagt über die Tendenz des ostjüdischen Lebens, ohne auch nur dessen unkomplizierte Vorgänge irgendwie erfaßt zu haben? Und was zu dem ganzen Troß zionistischer Zeitungsschreiber, die mit dem Pfund dieser billigen Weisheiten gewuchert haben? Es genügen ja schon die wenigen Zahlen, die wir über'die galizischen Binnenwanderungen haben, - um die wahre Tendenz des Goluslebens zu erkennen.^) Da diese Arbeit nicht mit statistischem Material beschwert werden kann, mag man darüber in Rubsteins Aufsätzen Nachlesen. Es genügt hier festzustellen, daß im Ansiedlungsrayon die Städte mit absoluter jüdischer Majorität oder bedeutender Minorität in den letzten Jahrzehnten bedeutend zugenommen haben. Die jüdische Binnenwanderung konzentriert sich durchweg auf Punkte bestehender jüdischer Massensiedlung — das ist ihr typischer Zug. Es kommt also räumlich zu einer wesentlichen Verkleinerung des Siedlungsgebietes, zu ' einer ungeahnten Konzentration vorher aufgesplitterter, dem nationalkulturellen Leben fast ver¬ *) Ruppin, «SDie Juden der Gegenwart", II. Aufl. S. 97-103. *) Berl-Locker: „Die Probleme des jüdischen Nationalismus" (Der jüdische Arbeiter), Lemberg, 1912, Nr. 31—39. Die Arbeit ist bis auf einige zionistische Atavismen sehr wertvoll. loren gegangener Judenmassen. Man bedenke, daß es sich bei diesen Binnenrvanderungen in der Hauptsache um kleine, ökonomisch wie kulturell der andersnationalen Umgebung ausgelieserte Gemeinschaften handelt. Aehnliches ist von den neuen dichten Judensiedlungen zu sagen, die in Amerika, in Südafrika wie in allen bedeutenden europäischen Kulturzentren entstanden sind. Auch diese expansive Emigration ist eine Folge der geschilderten ökonomischen Umwälzungen. (Die hat neue, oft genug gewaltige Vorwerke ostjüdischen Nationallebens ausgerichtet, deren die Zukunft der jüdischen Entwicklung wesentlich mitbestimmende Bedeutung sich noch gar nicht absehen läßt. Es wird sich vielleicht bei einer anderen Gelegenheit verfolgen lassen, wie tief die Ausstrahlungen dieser ökonomisch-geographischen Aufwärtsbewegung das nationalsoziale und das nationalkulturelle Leben getroffen haben. Hier sei nur angedeutet, daß sich die Grundlagen der jüdischen Gesellschaft in den letzten 50 Jahren, trotz allem politischen Druck und allen unvermeidlichen Erschütterungen einer derartigen Uebergangszeit ungeheuer verfestigt haben. Die Exterritorialität des Nationallebens verliert im 20. Jahrhundert nicht nur für die Wirtschaft, sondern ganz besonders für die langsam aufwachsende weltliche Kultur der Juden ihre bedrohenden Wirkungen. Das jüdische Wirtschaftsleben hat sich im Zeitalter des Kapitalismus immer mehr Zweige der Produktion erobert und wird unabhängig von territorialen Machthabern. Damit werden anwachsende Massen früher assimilierbarer Händler- und Kleinhandwerkerschichten den Faktoren der Assimilation entzogen. Aus den neuen Konzentrationspunkten, aus dem bunten Gewirr von Organisationen und gesellschaftlichen Neubildungen jeder Art hört man deutlich das Hämmern an den neuen Formen jüdischen Maffenlebens und einer neuen jüdischen Lebensgestaltung. Die steigende wirtschaftliche und soziale Differenzierung der jüdischen Gesellschaft, das Jnerscheinungtreten tiefgreifender Klassengegensätze in ihrem Innern bringt mehr und mehr von den Spannungen zur Entladung, die sich in der Ruhe der letzten Jahrhunderte angesammelt haben. Bis zu einer Schilderung auch nur der wichtigsten hierher gehörenden Vorgänge im jüdischen Kulturleben darf ich diese Arbeit leider nicht abbiegen lassen. Es ist das auch kaum nötig. Jüngst hat noch Mathias Acher in breit angelegter Untersuchung begonnen, das neue Werden der ostjüdischen Kultur aus ihren Grundlagen heraus zu deuten* *). Und das hier Gesagte genügt, um *) „Die Freistatt", Hefte 5, 6, 7, 10: Noch einmal Ost- und Westjudentum.

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