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KC-Blätter · 1914-01-01 · Heft 4 (1.1.1914) · p. Seite 87

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 4 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 87 (sequence 19)
Language
German
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kapitalistischen Zeit beibehält, 330848 von 618801 Juden, also 53,45 %, auf dem Lande. Mit dem Vordringen des Kapitalismus ändert sich das. Da kommt in den osteuropäischen Ländern ein eigener Mittelstand ans, der umsomehr erstarkt, als sich die Wirtschaft kapitalisiert. Zugleich breitet die kooperative Bewegung ein immer dichter werdendes Netz voll Konsumvereinen aus. Dent jüdischen Händler lind Kleinhandwerker wird mählich die Vorbedingung für seine alte wirtschaftliche Funktion genommen. Er verliert die persönliche Beziehung zu Käufer und Besteller, '^verliert selbst den heimischen Markt. Denn sobald der Mittelstand der Mitvölker genügend erstarkt ist, trägt dieser die nationale Note in den vorher nur ökonomisch geführten Kampf. Immer lauter erschallt der Ruf: „Kauft nicht bei Juden." In Polen hat dieser, durch gewissenlose Hetzer geschürte Kampf im letzten Jahr zu einem regelrechten gegenseitigen Boykott zwischen Juden und Polen geführt. Diese Herausdrängung der Juden aus ihren bisherigen wirtschaftlichen Positionen greift heute bis in das wirtschaftlich arg rückständige Galizien hinüber. Wie verhielten sich nun die jüdischen Massen zu diesem unaufhaltsamen Vorgang ihrer Expropriierung? Hätten wir es tatsächlich mit einem derart stumpfen, inaktiven Volk von „Golusjuden" zu tun, wie es die zionistische Theorie will, dann wären sie einfach verhungert. Denn ihnen stand nicht, wie den Polen, Russen, Ruthenen eine riihrige Intelligenz zur Seite. Sie mußten sich selbst den Weg bahnen und erzwangen ihn sich dank ihrer unbiegbaren Zähigkeit. Seit dieser Zeit beginnt die ungeheure Umschichtung des jüdischen Wirtschaftslebens, die heute noch' lange nicht zum Abschluß gekommen ist. Derselbe Kapitalismus, der ihnen als Händlervolk zum Fatum geworden war, lieferte ihnen die Grundlagen zu einem neuen, gesunderen Wirtschaftsleben. Man würde nämlich nur die eine Seite der Entwicklung sehen, wenn man lediglich die destruktive Wirkung der Kapitalisierung des Ostens auf den jüdischen Handel und das Kleinhandwerk ins Auge faßt. Man mutz auch die positive Seite sehen, die in ihren wohltätigen Wirkungen überwiegt: wo der Kapitalismus auftritt, lösen sich die persönlichen Beziehungen zwischen Gütererzeuger und Verbraucherdiese sind nicht mehr national zusammengebunden. Was früher jüdische Besonderheit war jandersnationale Verbrauchermassen zu befriedigen), wird zum allgemeinen Charakter der kapitalistischen Wirtschaft. Während nun das Land von den neuen wirtschaftlichen Umwälzungen lange fast unberührt bleibt, werden die Städte des Ostens Zentren der Kapitalisierung von Handwerk, Industrie und Handel, die jetzt für den weiteren inländischen oder gar fiir den Weltverkehr zu arbeiten beginnen. Jetzt erst kann sich der Jude von dem persönlichen Besteller oder dem heimischen Markt emanzipieren. Sobald das jüdische Handwerk sich in den Städten zu kapitalisieren beginnt, strömen dorthin die unaufhörlich wachsenden Massen ab, die auf dem Land ans ihren Berufen verdrängt werden, und erobern sich neue Wirtschaftsgebiete. Es ist ein regelrechter Kampf. Hier wie in der Fabrikindustrie erlischt nur langsam der Widerstand der nichtjüdischen Arbeiter gegen die Eindringlinge. Das Charakteristische ist, daß dieses jüdische Proletariat fast ausnahmslos beim jüdischen Unternehmer arbeitet. In den jüdischen Betrieben kommt es mehr und mehr zu einem Herausdrängen der nichtjüdischen Arbeiter, denn der jüdische Unternehmer spürt es in den Ländern des Nationalitätenkampfes als sehr empfindlich, um wieviel schärfer gegen ihn als gegen seinen christlichen Konkurrenten das nichtjüdische Proletariat den Klassenkampf führt, wie hier der Kamps durch die nationale, antisemitische Note wesentlich verschärft wird. Ihm kann es also nur willkommen sein, einen wachsenden, ja den Haupteil des Mehrwertes durch jüdische Arbeit zu erhalten. Natürlich ist die hier angedeutete Berussumschichtung längst nicht zum Abschluß gelangt und daher weder in ihrer Tiefe noch in ihrer Breite zu überschauen. Ihr Charakter aber ist unzweideutig ein stark expansiver, und wird es noch mehr werden, je besser die jüdische Intelligenz und die Wohlfahrtsinstitutionen ihre Aufgaben erkennen und es ermöglichen, daß jüdisches Proletariat und Handwerk zur Qualitätsarbeit übergehen. Bis in welche Gebiete diese Expansion .. eingedrungen ist, das illustrieren unsere noch immer spärlichen Kenntnisse von der jüdischen Landwirtschaft. Heute liegt der gesamte Tabakanbau in Bessarabien, liegen weite Strecken südrussischer Obstkulturen in den Händen jüdischer Bauern. Man schätzt deren Seelenzahl allein für Rußland auf 20000V Menschen. In Nordamerika hat vor noch nicht acht Jahren unter den ostjüdischen Mafien eine Farmerbewegung eingesetzt, die mehr als 25000 Proletarier und Kleinhandelexfitenzen aus eigener Kraft, ohne nennenswerte Hilfe von philanthropischen Organisationen zu Bauern werden ließ. Wie erst mag das Bild der vollzogenen jüdischen Berufsumschichtung nach 60 Jahren aussehen? Das nun, was sich ökonomisch als eine ungeheuere Umschichtung der jüdischen Berufe darstellte, das kann man national-geographisch als steigende Konzentration der jüdischen Siedlung bezeichnen. War in der vorkapitalistischen Epoche die Selbstzerstreuung das erhaltende

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