KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 4 (1.1.1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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86 Zionisten bisher Glaubensartikel war. Hier nun soll der positive Teil meiner Ausgabe als Kritiker nachgeholt, sollen in kurzen Strichen die Tendenzen des ostjüdischen Lebens geschildert werden, soweit sie sich heute an dem säst unübersehbaren Beobnchtungsmaterial ablesen lassen. *) Hier hat es sich bitter gerächt, das; die zionistische Bewegung seit der letzten Zeit einen systematischen Boykott der Volkssprache, des Jiddischen, zu einem Prinzip erhoben hat. Anders wie als Folge dieses Sichabschließens vor dem jiddischen Schriftwerk ist die unerhörte Ignoranz der zionistischen Theoretiker nicht zu erklären. Daß aber selbst ein Nationalökonom wie Sombart, der sich in seinem Büchlein «Die Zukunft der Juden" geradezu ungeheuerliche Entstellungen der jüdischen Wirklichkeiten hat zuschulden kommen lassen, sich niemals aus diesen Quellen orientiert, von ihrer Existenz offenbar keine Ahnung hat, das gehört zu jenen seltenen Fällen in der Geschichte der Wiffenschaft, wo der Fachmann zum simplen Dilettanten herabsinkt. Folgende Sätze mögen eine Probe geben von Sombarts Art, sehr komplizierte Dinge summarisch abzutun: „Die ökonomische Lage dieser ruffischen Juden ist größtenteils miserabel; sie fressen sich gegenseittg aus. (Seite 13.) Ueberwiegend sind die Juden überall im Osten kleine Handwerker, Krämer, Schankwirte, Trödler, Makler, Pserdeleiher, Hausierer, Wucherer; lauter notdürftige Existenzen, die der geringste Unfall über den Hausen wirft (Ruppin) (Seite 1.5). Gedenkt man noch der steten Gefahr, in der Gut und Leben dieser östlichen Juden in jedem Augenblick schweben, so entsteht ein Bild von der Lage dieser Jüdenmassen vor unserem geisttgen Auge, das düsterer und freud- und hoffnungsloser nicht von der lebhaftesten Phantasie gemalt werden könnte (Seite 16). Wer daran glaubt, daß die „Emanzipation" der Juden in Rußland in absehbarer Zeit zu erwarten sei, der kann daran denken, daß auch die östlichen Juden ein ähnliches Schicksal wie die westlichen erleben werden, ganz gleich vorerst, ob dieses selbst ein glückliches zu nennen sei oder nicht. Wer dahingegen es für unwahrscheinlich hält, daß sich die staatsrechtliche *) Man bedenke, daß, abgesehen von zahlreichen Monographien lJca-Enqueten!), die russisch-jüdischen und jiddischen Periodika seit Jahren bereits Untersuchungen enthalten, die die Berelendungstheorie in allen Punkten widerlegeil, lind das ökonomische Golusproblem im Sinne der hier folgenden Darstellung erkannt haben. äu den ^besten dieser Untersuchungen zähle ich Benzion ubsteins scharfsinnige und geistvolle Essais in Shitlowskis Monatsschrift .riü.» n«s Itzdon" <Das neue Lebens Nerv-Nork.ll 910 und 1911. Rubstein, ein junger, überaus befähigter Statistiker lind Soziologe,hat weitere Arbeiten iMcr^Wochenschrift: „Der jüdische Arbeiter" (anchjiddisch) Lemberg 1911 n. flgd. und neuerdings in der „Freistatt" veröffentlicht. Stellung der Juden in den östlichen Ländern, namentlich also in Rußland, während der nächsten Mensche»,alter »vesentlich verbessert, der muß auch die Möglichkeit jener Entwicklung, wie sie die Juden int Westen Europas durchgemacht haben, cinstlveilen ausschließen (Seite 18)." Das ist das Wesentliche, rvas er über das ostjüdische Leben mitzuteilen weiß. Es ist charakteristisch, daß sowohl in der zionistischen wie in der übrigen jüdischen Presse diese Sombartschen Sätze niemals einer Kritik unterzogen wurden, während tnan ihm dort, wo er auf westjüdische Aktualia zu sprechen kam, aus Unrvesentlichkeiren einen Strick gedreht hat. Hier sollen nun nicht im einzelnen Sombarts Fehler widerlegt oder auch nur die vielen Flüchtigkeiten, die ihm unterlaufen sind, festgenagelt werden. Es genügt, dem Sombart-Ruppinschen Zerrbild das reale gegenüberzustellen. Das ostjüdische Leben rveist nämlich steigende Tendenz zu einer ungeahnten Verfestigung der jüdischen Siedlungen auf. Diese Verfestigung äußert sich in folgenden Haupterscheinungen: 1. Die Juden geben die ökonomisch und kulturell (Assimilation) bedrohten Positionen auf. 2. Sie erobern sich neue Wirtschaftsgebiete; die großen Massen dringen in die Produktion ein und emanzipieren sich wirtschaftlich und kulturell von der umgebenden Bevölkerung. 3. Große, früher assimilierbare Judenmengen! wandern in den Bereich des nationalen Eigenlebens und verstärken dessen Intensität. 4. Die ostjüdischen Oberschichten verknüpfen sich mehr und mehr, gezwungen durch den national geführten Klassenkampf der Mitvölker, mit den jüdischen Massen. $ $ , Solange für die Länder des Ostens, besonders für Galizien und Rußland, die vor- und früh- . kapitalistische Epoche an dauerte, bis um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts etwa, waren die Juden in ihrer großen Mehrheit ein einheitliches > Händlervolk geblieben, ein Volk, das aus einer? einzigen Klasse bestand und seine Funktionen nur sim Wirtschaftsleben anderer Völker ausübte. In dieser langen Zeit war es eine Vorbedingung für den Wohlstand der Juden, daß sie nicht in Massen aufeinandersaßen und sich die Käufer absingen, sondern daß sie sich möglichst weit verteilten. Damals entsprach die Selbstzerstreuung dem gesunden Lebensinstinkt des jüdischen Volkes. So bilden in dieser Zeit die jüdischen Gemeinden der Dörfer und kleinen Städte das Hauptkontingent der jüdischen Bevölkerung. Noch im Jahre I960 wohnten in Ostgalizien, das am zähesten die Züge der vor-