KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 4 (1.1.1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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84 dem Satz, daß das jüdische Volk nur auf dem kleinen syrischen Mittelmeerstreifen aufleben werde. Mit den Jdeenkomplexen, die sich um diese Thesen konzentrieren, hat es diese Untersuchung zu tun. Bekanntlich ist jene These, die den jüdischen Nationalismus zum Gegenstand hat, die einzige, die nach" haltig und oft genüg erbittert von den westjüdischen Gegnern der zionistischen Bewegung angegriffen worden ist. Es ist ein seltsames Schauspiel: alle Bemühungen, die zionistische Theorie aus den Angeln zu heben, ziehen sich auf diesen Punkt, und zwar auf seine unanfechtbarste, weil inhaltslose Formulierung zusammen, während das ganze zerbrechliche Gerüst, das sich auf ihm aufbaut, kaum jemals berannt worden ist. Das Einzige und Schwerwiegendste aber, was gegen den zionistischen Nationalismus einzuwenden ist^ kam hier nicht zur Sprache. Merkwürdig genug. Denn aus der Geschichte der antisemiüschen Theorien und Parteien mußte es den Westjuden. doch geläufig sein, wie oft die nationalistische , Phrase nichts weiter ist, als ein bequemes Deckwort, hinter dem sich meistens Fremdheit, Geringschätzung, Brutalität gegen das eigene Volk, sehr oft krasse Kasten- und Klasseninteressen verbergen. Trotzdem haben sie es unterlassen, den Nationalismus der Monisten auf seine Qualität hin zu prüfen. Also nicht daraufhin, was er mit der Spitze gegen die Emanzipatton oder die kosmopolitische Assimilation ist — in diesem Sinne ist er ja lediglich formelle Negation und Schaustück —, sondern er war daraufhin zu prüfen, was er dem Volk, den Mafien gegenüber sein müßte. Es war zu fragen, ob die Ärt, wie sich die zionistische. Bewegung zu den Volksmafien und ihren Problemen bezieht, wie sie mit dem Volk fühlt, für es arbeitet, mehr als eine nationalistische, ob sie eine nationale und welchen Grades sie ist. Dies allein ist das Kriterium, das entscheidet, ob der zionistische Nationalismus Phrase und Schlagwort oder Ausdruck wahrhaften Lebens ist. In diesem Zusammenhang kann ich es übergehen, noch einmal den Nachweis zu führen, daß has Volk der Zionisten noch immer ein sehr abstraktes Ding ist, gewonnen aus einer primitiven Historik und allerlei Zukunststräumen, etwas ganz anderes als das lebendige Volk. Es genügt, die Resultate einiger Aufsätze zusammenfassend darzulegen, die der Leser in der „Freistatt" vorfindet und die sich eingehender zur Frage nach den Anfängen und dem Psychologischen des Zionismus äußernd) Danach ist der Zionismus der letzte und vielleicht der stärkste Ansturm y „Die Freistatt", 8. Heft: Zur Theorie urid'Praxis der Poale-Zion; ib. 3.Heft: Alljüdische Kritik; ib. 10. Heft: Westjüdische Erneuerung. der Maskilim wider das Volk, ein Ende, über das hinaus es keinen Anfang gibt, das Ende nämlich der Haskolo,') jener Geistesströmung, die schon allzu lang die Grundlagen des jüdischen Lebens zu unterminieren versucht. Gewiß, die Geschichte des Maskilismus3) und die Rolle, die er im Organismus des jüdischen Volkes gespielt hat, sind in ihren Einzelheiten noch zu schreiben. Die Hauptlinien treten aber schon jetzt deutlich heraus; seit den letzten 160 Jahren ist sie identisch mit der Geschichte der intellektuellen Oberschichten. Was diese Intellektuellen in solch langer Zeit auch anfaßten: sie haben auf das Volk gewirkt, wirken noch heute wie eine harte, schwere Geißel, deren Fluch es ist, blindlings in Leben und Werden hineinzuklatschen und' dort klaffende Riffe zu schlagen. Ob dies im Namen der Aufklärung, der protesianttsierten Ethik des Liberalismus, des „gute—Europäer"tums, des Sozialismus oder des Zionismus geschah, wie und wann immer die Popanzen, mit denen jüdische Mas- Klttn3) Götzendienst treiben, einander ablösen, eins ist ihnen allen gemein: da8 Fremdsein, Fernsein dem Volk und der nattonalen Kulturgemeinschaft, die oft in Verachtung umschlagende Respektlosigkeit vor allen jüdischen Besonderheiten, und jene platte Prokustesgesinnung, die alles Jüdische nach Normalen, die fremden Völkern entliehen sind, ausrenken oder abhacken will. Es ist eine Wahrheit, die ungeheuerlich klingt: Was seit 150 Jahren dem jüdischen Volk an Intelligenzlern beschert worden ist, das nahm sich niemals die Zeit, den Tendenzen des Volkslebens nachzuspüren. Das hatte Herz und Sinn an Europa.verloren; nicht an das alte gewaltige Europa, das aus dem Mittelalter herausragt wie ein Turm — an das Europa der Emporkömmlinge, die am liebsten alles Echte, Bodenständige rationalistischen Formeln zuliebe aus den Ländern herausfegen. — Dort ist der jüdische Intellektuelle zu einer Geißel für sein Volkstum geworden, unfähig, ihm getreu zu dienen und zu seiner organischen Weiterentwicklung beizutragen. Dort nahm er sein ödes Gleichmachertüm, dort seine Ideale von der normalen Religion, der normalen Ethik, dem normalen Sichausleben, der normalen .Kultur, der normalen Volkssprache, dem normalen Wirtschaftsleben und der normalen Natton, mit denen er dann das jüdische Volk zu beglücken suchte. Der letzte Volksy Haskolo läßt sich nicht bündig definieren. Ein äußerliches Analogon hat man in den großen Epochen des Rationalismus, nur geht der Vorgang dieses jüdischen Aufklärerturns ganz andere Bahnen, find feine Wirkungen weit schädlicher und nihilistischer, während manche der wohltätigen Begleiterscheinungen europäischer Rationalismen hier gänzlich fehlen. Der Begriff wird ja im folgenden etwas bildhafter veranschaulicht. -) MasMismus --Haskolo. y Masktlim—das sind die Anhänger der Haskolo.