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KC-Blätter · 1914-01-01 · Heft 4 (1.1.1914) · p. Seite 83

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 4 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 83 (sequence 15)
Language
German
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83 wenn sie jedem Zweige sein bestes Gedeihen anheimstellt nnd sich seiner wohlverstandenen Selbständigkeit und selbsterworbenen Blüte freut. Das deutsche Judentum hat dos geschichtliche Recht und damit die Pflicht, aus den alten, herrlichen Boden der jüdischen Religion die Ströme lauterer Wissenschaft zu leiten. Oben ist ein Weg dazu bezeichnet worden. Erst mit der Emanzipation der Wissenschaft des Judentums wird dieses selbst im Vaterlande seine Auferstehung feiern. * -i- 4glljuüentum und Zionismus?) Eine kritische Gegenüberstellung. Von F. M. Kaufmann. Eine dogmenkritische Untersuchung des Zionismus, die, alles Beiwerk beiseiteschiebend, die >) Seit kurzer Zeit hat durch die von Julius Kaufmann in Eschweiler herausgegebene Zeitschrift „Die Freistatt" eine neue jüdisch-nationale Bewegung, das „Alljudentum", auch in Deutschland Eingang gesunden. Das „Alljudentum" betrachtet die großen ostjüdischen Massen als das Zentrum der Judenheit. Die Erhaltung des Judentums erscheint ihm daher nur möglich durch die Festtgung dieser jüdischen Massen in ihrenZusammenhängen, sei es in Osteuropa oder in Amerika, sowie die Förderung ihrer historisch gewordenen Eigenart, insbesondere ihrer jiddischen (Jargvn-l Kultur. Alle Tendenzen, welche die ostjüdischen Massen von dieser Jargonkultur loslösen wollen — mögen sie nun auf den Anschluß an die westeuropäischen Kulturen Hinzielen oder, wie der Zionismus, den Hebraismus und das Palästinensertum fördern — seien daher dem Judentum schädlich. Das Alljudentum, das aus dem zionistischen Jdeenkreis hervorgegangen ist, sucht in erster Linie seine Bestrebungen gegen den Zionismus abzugrenzen, um durch die Herausarbeitung der Differenzen zu größerer Klarheit zu gelangen, und leistet in der KÄtik des Zionismus sehr Beachtenswertes. Die Kritik trifft demZionismus so schwer, daß er die junge Bewegung in seiner Preffe systematisch totschweigt, nachdem er anfangs vergeblich versucht hatte, die mit eingehendem Material belegten Argumente zu entkräften. Das Alljudentum macht dem'Zionismus zum Borwurf, daß er nicht für die jüdischen Volksmasien in Osteuropa tätig sei, sondern daß?'er einem Phantasiegebilde nachjage, das auf die tatsächlichen Bedürfniffe des jüdischen Volkes keine Rücksicht nehme. Eine wahre Bolkspolitik verlange,'.daß man dem kompakten jüdischen Volksmassen in Osteuropa helfe,^ ihre wirtschaftliche Position festige und sie^in der ihnen eigenen Kultur kräftige und erhalte,^ also eine organische Entwicklung des ostjüdischen Volkslebens, das.sich nur durch das Anknüpfen an das historisch Gewordene, insbesondere durch die Förderung der jiddischen Kultur entfalten könne. Dieser Enttvicklung wirke' die zionistische Ver!- elendungstheoriie entgegen,?da sie die Möglichkeit eines gesunden jüdischen Volkslebens außerhalb Palästinas verneint. Dieser negierende Pessimismus, der die elementaren Wachstumsvorgänge und 'die Symptome aufsteigender Entwicklung ^geflissentlich übersehe, halte von jeder positiven Arbeu ab. Hanptkrystallisationspunkte" ausspürt, an die sich das krause Gewirr der Theorie angesetzt hat, ,vird auf drei Thesen stoßen, denen gegenüber der übrige historische, statistische und sozialwissenschaftliche Apparat der Theorie eine untergeordnete, dienende, meistens apologetische, niemals eine iveiterentwickelnde Rolle spielt. Hier ist ihre knappe Formulierung. Die erste und allgemeinste handelt vom Nationalismus und behauptet das Vorhandensein einer jüdischen Nation. Die zweite, eine typische Katastrophenlehre, will es wahr wissen, daß die Judenheit als kulturschaffende Gemeinschaft in ihren heutigen Positionen untergehe. Der Palästinaismus endlich basiert auf Ebenso volksfremd sei die einseitige Propaganda für Palästina, durch welche übermäßige Mittel absorbiert und die Befriedigung selbst der dringendsten Bedürfniffe der osteuropäischen Judenheit verhindert werde. Die Arbeit für diese sei aber die Hauptsache. Denn nur ein minimaler Teil der Judenheit wohnt in Palästina, wohin sich auch nur etwa 2 % der jüdischen Auswanderer wendet. Das Palästinaprojekt, das 98°/., der Emigranten vernachlässige, sei nur ein Teilproblem in der gesamten Judenfrage. Auch der Hebraismus erscheint dem Alljudentum als etwas Volksfremdes, Gekünsteltes, denn das Hebräische sei auch bei den Ostjuden nur die Religionssprache; die Volkssprache sei dagegen ausschließlich das Jiddische, das durch die hebraistischen Tendenzen zurückgedrängt werde. Unklar am Alljudentum ist seine Stellung zu der Frage des westeuropäischen Judentums. Die westeuropäischen Juden haben die Kultur der umwohnenden Völker angenommen, ihr Deutschtum, FranzosenMm usw. ist etwas historisch Gewordenes und ein fester Bestandteil ihres Wesens geworden. Wäre das Alljudentum konsequent, müßte es sich also mit der jetzigen KulMrlage der westeuropäischen Juden als einer historisch begründeten Tatsache abfinden und müßte lediglich darnach trachten, das Judentum nach außen durch Bekämpfung des Antisemitismus zu festigen, den Zusammenhalt nach innen durch Förderung'des jüdischen Lebens zu vergrößern, also Bestrebungen, wie wir sie im K. C. verfolgen. Tatsächlich scheint es aber, daß das Alljudentum seine zionistischen Eierschalen nicht abzustreifen vermag- und hinsichtlich der westeuropäischen Juden ganz in den zionistischen Gedankengängen verbleibt. Jedenfalls darf man an der jungen Bewegung, die in Osteuropa bereits zahlreiche Anhänger zählt, nicht achtlos Vorbeigehen. Es erschien mir daher zweckmäßig, von einem Anhänger der Bewegung in unserer Zeitschrift das Verhältnis vom Alljudentum zmn Zionismus auseinandersetzen zu laffen. Denn es ist notwendig, daß auch die K. C.er mit dem neuen Problem vertraut gemacht werden. Das war aber am besten durch Anknüpfung an den Zionismus möglich, der bereits einen fest umriffenen Jdeenkreis darstellt. Durch den Vergleich beider Ideologien konnte die neue Bewegung dem Leser am leichtesten nähergebracht werden. Diese Gelegenheit möchten wir benutzen, auch auf die „Freistatt" hinzuweisen, welche die Lage der großen, jüdischen Massen zum Gegenstand chrer SpezialfoHchung macht und welche für die Kritik des Zionismus eine unendliche Fülle von Material bietet, so daß sie jeder, der sich mit national-jüdischen Problemen befaßt — sei es als Anhänger oder als Gegner — unbedingt lesen sollte. Die Redaktion.

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