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KC-Blätter · 1914-01-01 · Heft 4 (1.1.1914) · p. Seite 82

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 4 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 82 (sequence 14)
Language
German
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82 Oeffentlichkeit treten, wie noch nie. Bis jetzt klage die jüdische Wissenschaft ohne Unterlaß, daß sie von der christlichen Theologie nicht genug beachtet würde.' In Wirklichkeit fei es nicht zu verwundern, wenn die Wiffenschaft des Judentums eine Winkelstellung einnehme, solange sie eben nicht an den Universitäten frei und öffentlich gelehrt wird, jedermann zugänglich. Wir schallen hier ein, daß die Lehranstalt für die Wiffenschaft des Judentums in Berlin als eine solche ergänzende Fakultät („Hochschule") gedacht war und statutenmäßig allen Bekenntniffen den Zutritt zu den Vorlesungen und Uebungen gewährt. Es liegt in der Natur der Sache, daß davon wenig Gebrauch gemacht wird. Trotz prächtiger Synagogen, sagt D. Rade, führt sie (die jüdische „Kirche") heute noch ein Ghettodasein, niemand kennt sie. Eine ernste, betrübende Erscheinungdoppelt traurig, daß unsere leitenden Kreise das Beschämende dieser Tatsache nicht empfinden. Bedenken wir doch, daß wir nicht nur an die bahnbrechenden, politischen Emanzipativnskämpse Gabriel Rießers anzuknüpfen haben, wofür uns in der neuesten Zeit viele Streitkräfte erstanden sind, sondern ebenso an die Vorarbeiten zur ideellen und religiösen Emanzipation, die an die Namen Leop. Zunz, Abr. Geiger, Ludw. Philippson und Moritz Lazarus anknüpft. Als politische Juden sind wir wenigstens auf dem Papier emanzipiert, als religiöse noch immer nur geduldet. Der Jude, wenn er nicht anerkannt wird, setzt sich heute kämpfend durchdas Judentum hat noch kaum den Kampf ausgenommeneS, hat keine herzhaften, ideedurchglühten Vertreter, die ihm den Platz an der Sonne, d. h. an den Universitäten: erstreiten wollen. Man könnte vermuten, daß die deutschen Juden mit den Leistungen der theologischen Lehranstalten für Rabbiner (in Breslau und Berlin) so zufrieden seien, daß sie sich eine höhere Form für den Betrieb der jüdischen Wissenschaften garnicht denken können. Dem ist aber nicht so. Die beste Selbstkritik liegt in der Tatsache, daß selbst die kleinsten Gemeinden vom Rabbiner zunächst den philosophischen Doktorhut verlangen, die Ausbildung in den rabbinischen Fächern also für unzureichend halten, v. Rade spricht von der Winkelstelluna der jüdischen Wissenschaft in der großen Oeffentlichkeit. Wie würde er staunen, wenn er von der Winkelstellung der Rabbinerseminare im deutschen Judentume selbst eine Vorstellung hätte! Die wenigsten Juden haben überhaupt eine Ahnung von der Existenz dieser Anstaltendiese bilden. sozusagen ein Ghetto im Ghetto. Man verschanzt sich hinter die notorische Abneigung der preußischen Regierung, jüdischen Wünschen Förderung angedeihen zu laffen. Aber das könnte man von den Kulturzionisten lernen: etwas weniger Logik des Verstandes und mehr Logik des Willens! Da würde man lernen, hemmende Vorstellungen kühn zu eliminieren, und einer notwendigen Konsequenz nicht, der Schwierigkeiten wegen, auszuweichen. Die Unlust, an das akademische Problem heranzugehen, rührt daher, daß es unseren großen Verbänden noch immer nicht gelungen ist, dem jüdischen Religionsunterricht an den höheren Schulen die gebührende Stellung zu erringen. Um so dankenswerter ist es, daß sich christliche Stimmen melden, die unser Selbstvertrauen in einer guten Sache zu stärken geeignet sind. Die Schwierigkeit, die Idee in Frankfurt (und dorthin gehöre die Fakultät) zu verwirklichen, liegt vor allem in 'dem zaghastbangen Bedenken: können wir etwas so Großes überhaupt verlangen? Diese Bangigkeit ist das Erbe des Ghetto. Dagegen haben wir keine Sorge wegen der Besetzung der erforderlichen fünf Lehrstühle, die D. Rade fordert. Es ist ja erstaunlich, welche Leistungen trotz allem, ohne staatlichen Schutz, ohne Fakultät, ohne große, finanzielle Hilfsmittel die jüdischen Wissenschaften aufzuweisen haben. Bei der bekannten Vorliebe für Hochschultätigkeit bei den Juden wäre das Angebot bald sehr groß, und man könnte die strengste Auswahl treffen. Das Vorschlagsrecht dürfte man den Kuratorien der drei bestehenden Anstalten einräumen, die Bestallung dem Kultusministerium. Die religiösen Parteien hätten dann alle ihre Vertreter auf den Lehrstühlen- und daß dem Judentum als Glaubensgemeinde von der voraussetzungslosen Wiffenschaft Gefahren drohen sollten, wird wohl kein Jude zugebenheilt doch Pallas Athenes Speer selber die Wunden, die er geschlagen. Und die jüdische Universität in Jerusalem? Die Freude, die wir über ihre Verwirklichung, ehrlich gesagt, empfinden würden, beflügelt uns doch nicht dazu, die jüdische Welt an unserem Teile zur Beförderung des Planes und der Spendung von Hilfsmittein aufzurufen. Ihr Widerspiel, eine jüdisch-theologische Fakultät im Vaterlande, an einer deutschen Universität, lockt uns viel stärker. Wenn Kulturzionisten konsequent denken, dann darf der deutsche Jude sich seine eigenen Gedanken und Bestrebungen nicht leichtfertig durchkreuzen und mattsetzen lassen, wie es leider so oft geschieht. Man verlangt Unterstützung für die national-jüdischen Pläne in Palästina, weil sie angeblich dem Gesamtjudentum zugute kommen, und fordert darüber das Aufgeben der Arbeit, die nur einem Telle des „Volkes" von Nutzen sei. Wir glauben dagegen: Eine wettverzweigte Familie steht sich am besten,

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