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KC-Blätter · 1914-01-01 · Heft 4 (1.1.1914) · p. Seite 80

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 4 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 80 (sequence 12)
Language
German
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80 uns das Bild einer jüdischen Universität. Welcher Jude sollte sich daran nicht erfreuen! Nach unfern Begriffen ist aber eine Universität ein kleiner Staat. Wie schwer die deutsche Meinung sich neuen Universitätsgründungen zuwendet, hat sich bei den Projekten Frankfurt, Hamburg und Dresden gezeigt. Drei Dinge kommen da vorab in Betracht: man setzt ein älteres, voll entwickeltes Unterrichtswesen voraus, dessen Krönung die Universität wäreman betrachtet die Provinz oder die Landschaft als die Jntereffen- und Einflußsphäreendlich man dentt gern an literarisch altberühmte Stätten. Was das letztere Moment betrifft, so brauchte Jerusalem allerdings nicht zurückzustehen. Es hatte immer seine hohen Schulen für Theologie, Jurisprudenz, Politik und andere Weisheit. Schließlich zehrte ‘man ja später in Jamnia, Sepphoris, Liberias und sogar in Sura und Nahardea von dem, was in Jerusalem geschaffen war. Wenn man will, ist ja überhaupt der Orient in der Ausbildung der Universitäten vorangegangen, und hängen die unsrigen nicht sowohl mit der Akademie, der Stoa oder Alexandrien zusammen, sondern knüpfen an maurische und italienische Vorbilder an. Auch kann man nicht einwenden, daß an diesen Hochschulen (z. B. in Basra, Kufa, Bagdad oder Kordoba, Salerno usw.) nur Theologie betrieben wurdedenn diese ward die Mutter der Philosophie, der Sprachkunde, Astronomie, Mathematik, Medizin und Naturwissenschaft. — Aber wie kommen wir über die inzwischen verflossenen Jahrhunderte hinweg? Und für Jerusalem sind es gar 1844 Jahre! Unsre Nationalisten sind nicht verlegen. Sie behaupten, daß jetzt gerade das Rad sich gedreht habe, und der Orient im Schwünge der Weltaxe obenauf gekommen sei. Wir steckten sogar in dieser rückläuflgen Bewegung schon mitten darin und müßten uns ungemein beeilen, die rechte Konstellation nicht zu verfehlen. Gerade jetzt seien die Sterne günstig, und wenn die Juden alle sich nur zusammenraffen wollten, könnten sie den Strom der Kultur unmittelbar in. das alte Judenland und zu den alten Kulturstätten leiten. Es bedarf nur einer Erweckung, um einzusehen, daß neben Konstantinopel (islamitisch-türkisch) und Beirut (christlich), Jerusalem (jüdisch-hebräisch) als Forderung des Tages treten müsse. Es ist nur konsequent, für die letztere Stätte das Hebräische als Unterrichtssprache zu verlangen. Aber die deutschen Juden dürfen dann getrost behaupten, daß der Betrieb der weltlichen Wissenschaften dort für sie in einer Fremdsprache geplant ist, nicht in ihrer Muttersprache. Hat sich doch jahrhundertelang sogar das Talmudstudium der Interpretation durch das Deutsche bedient- Raschi sich selbst durch französiche Uebersetzungen erklärt, Mendelssohn seine Zeitgenoffen durch die Bibelübersetzung in die deutsche Muttersprache eingesührt. Man kann nicht verlangen, daß alle diese Tatsachen keine Wirkung tun sollten. So sagen wir also: ein geschichtliches Recht für Jerusalem ließe sich ausfindenaber niemand kann gezwungen werden, alte geschichtliche Fäden wieder aufzunehmen und um deffentwillen neue, beziehungsreiche Verknotungen gewaltsam zu zerreißen. Noch schlimmer steht es im Hinblick auf die beiden anderen Momente. Ihr wahres Hinterland fände die neue Universität nicht etwa im Lande, sondern in Rußland. Nicht das Bedürfnis der eingesessenen Bevölkerung, sondern der ins Land gezogenen und noch hineinzuziehenden Kolonisten soll erfüllt werden. Die in der Tat schwere Frage: wie ist dem Bildungsbedürfnis der mit dem Reifezeugnis versehenen, jüdischen Jugend Rußlands angesichts der Haltung der russischen und nachgerade auch der westeuropäischen Universitäten zu helfen? verlangt eine Antwort. Der Zionismus verwirft die Lösung im Lande und ist daher auf das heilige Land angewiesen. Das setzt doch aber voraus, daß dieses selbst nur daraus gewartet habe, von den rechtmäßigen Eigentümern wieder in Besitz genommen zu werden, als welche sich die jüdischen Kolonisten betrachten. Diese friedliche Eroberung setzt ferner voraus, daß das Land mehr oder weniger herrenlos ist und etwa, wie Aegypten oder Indien oder Transvaal, die größte Wohltat erführe, wenn es von einer neuen Oberschicht systematisch kultiviert und an die Weltzivilisation angeschloffen würde. Wenn wenigstens die nach Macht ringende Schicht dauernd im Lande gewesen wäre, nur unter politischem Druck niedergehalten. Allein sie soll erst aus der Ferne herbeikommen. Im Orient find freilich mehr Dinge möglich, als unsere europäische Phantasie sich träumen läßt. Das brütende Schweigen der Machthaber kann daher ungünstig oder günstig ausgelegt werden. Aber ob man auch schweigen wird, wenn sich klar heraussteüt, daß von der neuen Universität nicht türkischer, sondern jüdischer Geist ausgehen und das Hinterland durchdringen soll? Wie, wenn die Türkei mit einem Male selbst erwachte? Die deutschen Juden haben ihre philisterhaften Begriffe von Mein und Dein noch nicht überwunden und sind zu deutsch erzogen, als daß sie die Duldung einer Universität im Lande für möglich hielten, an der die eigenen Landeskinder Fremdlinge wären. Oder gibt es da drüben nur ein Nebeneinander der Nationalitäten? Dann verzeihe man uns unsere deutsche Rückständigkeit. ü k Für ganz besonders wichtig hielten wir das

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