KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 4 (1.1.1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2268830-2268874-2268879--1056-3522759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
79 jüdische Kultur nickt verdickten kann, wenn sie die jüdische Gesamtbeit einbeitlick umfassen will, ntüftte auch im günstigsten stalle als Literaturspracke künstlich gevflegt werden. Sie kann in der Gegenwart nock viel weniger zur Umgangssprache werden, als sie es im Mittelalter se gewesen ist. Niemals aber wird sich eine solche Literatursprache als Sprache der Allgemeinbildung neben der Muttersprache zu behaupten vermögen. Der jüdische Denker und vollends der Dichter wird um ihretwillen nicht darauf verzichten, das, was ibm die Seele bewegt, in der Unmittelbarkeit der Muttersprache auszudrücken, wenn es nicht gerade der Gegenstand seiner Rede mit sich bringt, daß er fick als Jude an die jüdische Gesamtheit wendet, d. h. wenn er nickt gerade von Angelegenheiten des Judentums selbst redet. Darüber hinaus ist kaum ein Gebiet denkbar, auf dem nicht die Kulturgemeinschaft, die ihn umgibt, ihm ein stärkeres und eindringenderes Verständnis sichert, als er es bei dem unter ganz anderen Lebensbedingungen stehenden Juden anderer Länder voraussetzen kann. Nur soweit kann es Gemeinsamkeit jüdischer .Kulturarbeit geben, als sie Ausdruck bereits bestehender jüdischer Gemeinschastsinteressen ist. Den Zusammenhang der Gemeinschaft und die Einheit ihres Lebens zu fundieren, ist sie außerstande. Die Alternative: Religionsgemeinschaft oder bloße Personalgemeinschaft bleibt für daS Judentum inmitten der modernen Kulturländer in voller Kraft bestehen. Seit es eine jüdische Diaspora gibt, ist die Religion, die schon ehedem als die Aufgabe und der Beruf des jüdischen Volkes betrachtet wurde, die Grundlage des jüdischen Gemeinschastsbemußtseins, die einigende Kraft gewesen, auf welcher der Bestand des Judentums beruhte. Die jüdische Gemeinschaft ist diese ganze Zeit hindurch Religionsgemeinschaft und fühlt sich als solche, freilich eine Religionsgemeinschaft, die nicht nur faktisch aus den Angehörigen des jüdischen Stammes besteht, sondern sich auch in ihrem religiösenSelbstbewußtsein als Fortsetzung des jüdischen Volkes empfindet. In dem Gemeinschaftsgefühl verbindet sich mit dem religiösen Element auch das der Stammeseinheit. Durch die Jahrhunderte hindurch, in denen ein eigenes jüdisches Kulturleben bestand, eraibt fich so auf religiöser Grundlage eine volle Lebensgemeinschaft, auf die fich denn auch das Gemeinschastsbewußtsein vollständig konzentriert. Innerhalb der modernen Kultursphäre beschränkt fich das jüdische Gemeinschaftsleben aus das religiöse Gebiet und wandelt fick demgemäß das Gemeinschastsbewußtsein. Auch letzt noch bleibt freilich das Gefühl der Stammesgemeinschast bestehen und kann sich im Einzelfalle von seiner religiösen Grundlage völlig ablösen. Die Basis des jüdischen Gemeinschaftslebens selbst aber bleibt nach wie vor die Religion, >)ie allein die Zukunft des Judentums innerhalb )er Diaspora zu verbürgen vermag. Wie man eine Gemeinschaft von solchem einzigartigen Charakter rubrizieren will, mag jeder selbst entscheiden^ ihr Wesen und ihr Zusammenhang bleibt davon unberührt. (Schluß folgt.) * * * Line Wische Universität in Jerusalem und ihr Widerspiel. Von Dr. S. Samuel in Effen. Bon zwei. Seiten wurden jüngst akademische Fragen aufgeworfen, die anscheinend wenig miteinander zu tun haben, aber durch die verschiedene Art, wie sie auf uns wirken, sich als Gegenpole einer Linie darstellen. Auf dem 11. Zionistenkongreß in Wien (2. bis 9. Sept. ds. Is.) wurde die Frage der Gründung einer jüdischen Universität in Jerusalem verhandelt, und protestantische Gelehrte stellten in verschiedenen deutschen Zeitschriften fast gleichzeitig die Errichtung einer jüdisch-theologischen Fakultät an einer deutschen Universität zur Erörterung. Für die Jerusalemer Universität mit hebräischer Unterrichtssprache trat der Kulturzionismus (Dr. Schm. Levin und Genossen) lebhaft in die Schranken; das andere Problem trat mehr wie ein Versuchsballon in die Oeffentlichkeit. Das erstere fand vielfachen Widerhall, das andere blieb bisher ohne erkennbare Wirkung. Da über beide akademische Fragen bis zu ihrer Lösung noch viel Waffer den Rhein herabfließen wird, so kann man sie sine ira et stadio prüfen und Stellung zu ihnen nehmen. Wer vor 10 Jahren von einer Univerfitätsgründung in Jerusalem hörte, mußte die Sache für einen Bluff halten; es fehlte zum Begreifen nicht weniger, als alles. In der letzten Zeit hat die praktische Palästina-Arbeit wirklich eingesetzt, und von der Urbarmachung von Oedländereien bis hinauf zur Gründung von Gymnasien über Nacht Erfolge erzielt. Dr. Herzl hat in seinem „Judenstaat" deutlich gezeigt, daß er alles Heil von einem ungeheuren Aufguß modernsten, komprimierten Kulturdüngers erwarte, und den Orient für fähig halte, in wenigen Jahrzehnten die in Jahrhunderten errungenen Leistungen des Abendlandes einzuholen. Man hat dabei die Empfindung von der künstlichen Züchtung eines üppig emporschießenden Wundergewächses, das über Nacht wieder verdorren kann. Da ersteht vor