KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 4 (1.1.1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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78 jüdischer Lebensfragen sich herausbildet, so entspricht das genau den Verhältnissen, die auch in zahlreichen anderen Gruppen vorliegen. Wo eine derartige gegenständliche Beziehung zum Judentum und seinen Interessen fehlt, scheitert jeder Versuch, ein kulturelles Eigenleben der Juden zu entdecken. Dre Werke jüdischer Denker und Künstler mögen ihren Ursprung durch bestimmte seelische Qualitäten verraten. Durch die Probleme, mit denen sie es zu tun haben, die geistigen Voraussetzungen, von denen sie ausgehen, die Ziele, die ihnen vorschweben, den Kreis, an den sie sich wenden, gehören sie ausschließlich der autzerjüdischen Kulturgemeinlchast an, m deren Mttte sie erwachsen sind.' Nur diese sachlichen Zusammenhänge, jedoch nicht die psychologische „Note", die man in einer geistigen Leistung wittern kann, entscheiden über den Kulturkreis, dem sie zugeyörr. Man mutz nach alledem einen durch ein bestimmtes gegenständliches Interesse zusammengehaltenen KulturkreiS mit der alle Lebensgebiete umfassenden Einheit einer nationalen Kultur verwechseln, um von Ansätzen einer jüdischen Kultur zu reden. Die deutsche, französische oder englische Kultur bewegen sich doch nicht ausschließlich umdie deutsche,französische oder englische „Krage",sondern bilden eine alle Lebensbereiche umfassende Gemeinschaft des Geistes- und der Arbeit. Gewiß ist die Einheit einer solchen Kultur nur eine relative sowohl gegen-' über der Mannigfaltigkeit besonderer Kultur^ kreise innerhalb der einzelnen Nationen wie gegenüber den verschiedenen Formen internationaler Kulturgemeinschaft. Gewiß sind Fälle denkbar, in denen sich die Grenzen zwischen einem durch ein gegenständliches Interesse zusammengehaltenen Kulturkreis uno einer nationalen Gesamtkultur verwischen. Daß aber die jüdische Kulturbewegung der Gegenwart nicht zu diesen Fällen zu rechnen ist, kann niemandem zweifelhaft sein. ' Es gehört ein starker Glaube zu der Erwartung, daran könne sich in Zukunft jaußerhalb emes etwaigen jüdischen Gemeinwesens)' etwas ändern, Nicht zufällig ist diese Erwartung von Rußland ausgegangen, wo sich infolge der allgemeinen Kulturlage und der Dichtigkeit der jüdischen Bevölkerung die Abgeschlossenheit der Juden noch zum großen Teil erhallen hat, und wo sich infolgedessen auch die modernen Kulturbestrebungen der Juden in weitem Umfange innerhalb der Grenzen der jüdischen Gemeinschaft halten. Bon schöpferischer Selbständigkeit, von emer eigenen Rlchmng des jüdischen Geistes, ist freilich auch dorr wenig zu merken. Die neuhebräifche Literatur des Ostens lebt im wesentlichen von Ideen, die von außen aus ausgenommen, keine eigene Prägung gefunden haben. Unter den modernen Kulturbedingungen, die in Westeuropa herrschen, und die auch im Osten, gleichviel durch welche Krisen hindurch dem Siege entgegengehen, ist eine Erneuerung der jüdischen Kulturgemeinschast des Mittelalters undenkbar. Seit den Juden der Zugang zu der Bildungswelt ihrer Umgebung offen steht, seit es eine von aller kirchlichen Gebundenheit befreite „weltliche Bildung" gibt, sind die Voraussetzungen für ein selbständiges jüdisches Kulturleben fortgefallen. Kein noch so starker Wille vermag in solcher Lage den Anschluß der Juden an das geistige Leben ihrer Umgebung zu verhindern, geschweige die längst bestehende Gemeinschaft der Kultur wieder aufzuheben. Der zwingenden Kraft, mit der eine große Kulturgemeinschast die in ihr verstreuten Minderheiten an sich zieht, haben diese, wie etwa das amerikanische Deutschtum oder jede beliebige andere nationale Diaspora zeigt, auch dann nicht standhalten können, wenn sie durch ihre Heimatssprache und durch die Anlehnung an das geistige Leben der Heimat geschützt wurden. Der Glaube, daß sich unter so viel ungünstigeren Bedingungen eine jüdische Kultur neu bilden könne, ist nur möglich, wenn man sich unter Kultur. eine Art schöngeistiger Liebhaberei vorstellt. Mehr als das könnte jedenfalls aus einer jüdischen Kultur in der Diaspora nie werden. Schon die Berstechtung der Juden in das gesellschaftliche und berufliche Leben ihrer Umgebung bringt die Bildungsgemeinschaft notwendig mit sich. Sie setzt Gemeinsamkeit der Sprache, der beruflichen Bildung und Berufs- Übung voraus, erzeugt Gemeinsamkeit sozialer und politischer Interessen und stellt den Juden mitten in den Zusammenhang des öffentlichen Lebens hinein. Bon hier aus aber führt ein unlöslicher Zusammenhang zu allen Gebieten geistiger und sittlicher Arbeit, zu den geistigen Rtächten, die das Volksleben beherrschen. Die Welt der geistigen Bildung steht nicht abgesondert neben der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Sie ist innerlich auf diese bezogen, entnimmt aus ihr die Probleme, die ihre Arbeit fruchtbar und lebensvoll machen, wie umgekehrt alle Fragen des gesellschaftlichen Daseins auf letzte geistige und sittliche Voraussetzungen zurückweisen. Glaubt man wirklich, die Juden könnten sich von der Geisteswelt, die aus der Wirklichkeit des sie umströmenden Lebens hervorwächst, abwenden, um dafür ein lebensfernes „nationales Bildungswesen" zu kultivieren. Neben der Kulturwelr, in die das Leben selbst sie, hineinftellt, müßte eine eigene jüdische Kultur notwendig wie thr künstlicher und überflüssiger Doppelgänger stehen. Die hebräische Sprache, auf die eine