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KC-Blätter · 1914-01-01 · Heft 4 (1.1.1914) · p. Seite 77

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 4 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 77 (sequence 9)
Language
German
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77 Grunde sich erhebenden Organisationen bieten auch den religiös abseits Stehenden einen Mittelpunkt, um den sie sich sammeln können. Wie wenig deren Judentum aus eigener Kraft zu leben vermag, zeigt unwiderleglich die moderne Abfallsbewegung, die ja nichts ist, als ein allmähliches Abbröckeln der Elemente, die sich von der religiösen Basis des Judentums abgelöst haben. Man denke sich dieses Verhältnis zum Judentum auf die ganze Gemeinschaft ausgebreitet, den Rückhalt an einer religiös zusammengehaltenen Mehrheit geschwunden, und sage sich selbst, ob dann noch ein existenzfähiges Gebilde übrig bleibt. Die Lebensunfähigkeit einer so zusammengesetzten Gemeinschaft hat ihren Grund darin, daß sie zu einer bloßen Personalgemeinschaft ohne jeden sachlichen Lebensinhalt herabsinkt. Denn der einzige sachliche Inhalt des jüdischen Lebens ist in der modernen Kultursphäre die Religion. Auf allen anderen Gebieten liegt der sachliche Lebensgehalt, das Besitztum und die Arbeit des Geistes und alle in ihr wurzelnde Geistesgemeinschaft außerhalb der jüdischen Sphäre. Ohne sachlichen Lebensinhalt aber vermag keine Gemeinschaft fortzubestehen, am wenigsten gegenüber den auslösenden Kräften, die das gegenwärtige Judentum bedrohen. Was ihre Mitglieder sonst aneinander bindet,ist lediglich eine gemeinsame Vergangenheit, die durch keine Kontinuität mit der lebendigen Arbeit des Geistes verbunden ist. Von Vergangenheit und Erinnerung aber kann keine Gemeinschaft leben. Sie verblüffen gegenüber den lebendigen Kräften der Gegenwart, die eine Gemeinsamkeit sachlicher Arbeit und sachlichen Interesses erzeugen, der die Verbundenheit durch bloße Erinnerung nicht standhalten kann. Die Gemeinsamkeit des Geistes und der Arbeit muß dem einzelnen naturgemäß mehr bedeuten, als eine Stammesgemeinschast, die seinem Leben keinen Inhalt mehr zu geben hat. Kein Idealismus reicht auf die Dauer aus, um die Opfer — und oft Opfer an höchsten Lebenshoffnungen — zu bringen die eine solche Gemeinschaft fordert. Er kann wohl die Kraft verleihen, der Versuchung zum Glaubenswechsel aus Wahrhaftigkeit der Gesinnung zu widerstehen. Nichts aber wird ihn vor einer Verschmelzung mit anderen Gemeinschaften — etwa auf dem Wege der Mischehe — zurückhalten, die am Ende die Auflösung der jüdischen Gemeinschaft nicht weniger wirksam herbeiführt als der Wechsel des Glaubens. Die enthusiasmierende Wirkung, die von dem Ideal eines „nationalen" Judentums austtegangen ist, steht damit nicht in Widerspruch. Denn sie beruht gerade auf der Hoffnung, dem jüdischen Gemeinschaftsleben einen sachlichen Inhalt zu geben, aus dem Judentum mehr als eine bloße Personalgemeinschaft zu machen. Soweit diese Hoffnung in der Errichtung eines eigenen jüdischen Gemeinwesens gipfelt, ist sie in unserem jetzigen Zusammenhänge nicht zu erörtern. In den Herzen vieler aber, die eine Uebersiedelung der Juden in ihrer Gesamtheit nach Palästina für ausgeschloffen halten, geht sie dahin, die Juden auch in der Diaspora zu einer eigenen Kulturgemeinschaft zu vereinen. Durch ein eigenes Kulturleben vereint, könnte der jüdische Stamm dann seinen religiösen Rückhalt entbehren. Im ruffischen Judentum geboren, ist diese Hoffnung auch nach Westen gedrungen, und neuerdings haben sich zu ihr erst Sombart, dann Moritz Goldstein in seinem Kunstwartaufsatz bekannt, die beide in der kulturellen Absonderung der Juden die Lösung der westeuropäischen Judenfrage erblicken. Schon hat sich diese Hoffnung bei manchen in den Glauben verwandelt, die ersten Lebensregungen jüdischer Kultur bereits in der Wirklichkeit anzutreffen, und mit Stolz weist man uns auf die Ansätze zu einer „jüdischen Renaissance" hin. Das unbefangene Auge vermag diese Wahrnehmung nicht zu bestätigen. Die vermeintlichen Ansätze zu jüdischer Kultur bestehen in Wahrheit in einer Mnstlerischen und literarischen Bewegung, die jüdisches Leben und jüdische Probleme zum Gegenstand hat. Das hat es längst gegeben, wenn vielleicht auch in geringerem Umsang und von anderen Idealen getragen. Genau wie in jeder andern Gemeinschaft, die sich um ein bedeutendes Lebensintereffe sammelt und Schicksale und Kämpfe von menschlicher Bedeutsamkeit durchlebt. In kirchlichen, politischen, wirtschaftlichen Gruppen erwächst ein künstlerisches und literarisches Leben als Ausdruck ihrer besonderen Interessen. Da werden ihre Ideale verkündet, ihre Helden gerühmt, ihre Schicksale dargestellt, ihre Probleme erörtert. In jeder großen Kulturnätion erzeugt die Mannigfaltigkeit solcher sich durchkreuzender Interessen und der ihnen entsprechenden Gruppen eine Fülle besonderer Kunst- und Literaturkreise, in deren Mittelpunkt ein bestimmtes gegenständliches Interesse steht. Katholizismus und Sozialismus bieten dafür deutliche Beispiele. Wie sollten nicht auch die Ideale des Judentums, die Schicksale der jüdischen Gemeinschaft, die Lebenskämpfe des modernen Juden zu derartigem Ausdruck drängen. Wenn der jüdische Künstler solche Erlebniffe künstlerisch gestaltet, der jüdische Denker sich mtt den Lebensfragen des Judentums begrifflich auseinandersetzt, wenn eine Gemeinschaft des Schaffens und Empsangens in der Erörterung .1

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