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KC-Blätter · 1914-01-01 · Heft 4 (1.1.1914) · p. Seite 76

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Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 4 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 76 (sequence 8)
Language
German
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76 als in der grundsätzlich gleichartigen kirchlichen Arbeit anderer Religionsgemeinschaften, ist eine Folge äußerer Verhältnisse, durch welche die Begrenzung auf das gegebene Betätigungsgebiet einer Glaubensgemeinschaft nicht in Frage gestellt wird. .Mit dieser Begrenzung des Inhalts des Gerpeinschaftslebens ist auch die Art des Gemeinschaftsbewußtseins eine andere geworden. Das Gemeinschaftsgefühl des modernen Juden richtet sich nicht mehr mit der früheren Ausschließlichkeit auf die Glaubensgemeinde, seit er einem außerjüdischen Kulturkreise angehört und sich auch an ihn innerlich gebunden fühlt. Doch auch jetzt noch erschöpft es sich nicht in dem Bewußtsein religiöser Einheit. Das liegt nur zum Teil an. dem äußeren Druck, der noch immer die Juden > aneinanderschließt und ein Gefühl solidarischer ' Verbundenheit sich tatkräftig regen läßt, wo. immer die Juden irgendeines Landes Ber- ( folgungen oder Zurücksetzungen ausgesetzt sind.' Weit über diese Solidarität hinaus geht das ’ persönliche Zusammengehörigkeitsgefühl, das; über alle sozialen und kulturellen Unterschiede! hinweg unter den Juden der verschiedensten^ Länder eine unmittelbare Verbindung von Mensch zu Mensch herstellt. In dem samilienhasten f Charakter dieses Zusammengehörigkeitsgefühls, ist das Bewußtsein der Stammesgemeinschaft; nicht verkenn bar. Nicht im Sinne einer mystischen Stimme des Blutes, die ja auch für/ das eigentliche Familiengefühl viel weniger ausmacht als die Gemeinsamkeit von Schicksalen und/ Erinnerungen, die bis in das Innerste des Lebens - hineinreichen, als die Selbstverständlichkeit einer/ Lebensgemeinschaft, in die der Einzelne nur hineinzuwachsen braucht, statt sie sich erst durch per- , sönliche Fähigkeiten und Leistungen erringen zu^ müssen. In genau dem gleichen Sinne findet der/ Jude in seiner Glaubensgemeinschaft einen ge-:- gebenen Lebenskreis vor, der durch Schicksal und / Herkunft zusammengesügt, sich ihm von selbst j erschließt und ihm die Sicherheit einer natur-' gegebenen Gemeinschaft gewährt. / Eine sichere Bestätigung findet diese Auffassung: in der Tatsache, daß die außerreligiösen Elemente .) des jüdischen Gemeinschastsvewußtseins auch von.' ihrer religiösen Grundlage abgelöst fortzudauern' vermögen. Für zahlreiche Juden, die kein! religiöses Verhältnis zum Judentum mehr haben,, erhält sich diese Bindung an die jüdische Gemein-! schast. Was früher nur ein Element des' religiösen Gemeinschaftsbewußtseins war, hat sich hier zu eigener Bedeutung verselbständigt und hält aus eigener Kraft dieses Elemente an der jüdischen Gemeinschaft fest. Das gilt keineswegs nur von Anhängern der „jüdisch-nationalen" Idee. Mindestens ebenso häufig ist es bei Gegnern dieses Gedankens 511 beobachten, daß sie dem Judentum treu bleiben und jüdischen Interessen oft mit aufopfernder Hingebung dienen, ohne sich mit dem religiösen Gehalt des Judentums noch in irgendeiner Form verknüpft zu wissen. Die jüdische Gemeinschaft bedeutet ihnen nichts als Träger der jüdischen Religion, sondern als Lebens- und Schicksalsgemeinschaft Das jüdische Bewußtsein reduziert sich hier auf ein Gefühl bloß persönlicher Verbundenheit, der keine Gemeinsamkeit des sachlichen Lebensgehaltes zugrunde liegt. Man tut dieser Art jüdischen Bewußtseins, die sich über sich selbst gewöhnlich keine Rechenschaft abzulegen vermag, Unrecht, wenn man sie als bloße Reaktion gegen äußere Anfeindungen, als „Trotzjudentum" deutet. Dazu geht es viel zu weit über ein bloß pflichtmäßiges Verharren in der angegriffenen Gemeinschaft hinaus, hat es viel zu sehr den Charakter eines Zusammengehörigkeitsgefühls, das nicht gewollt und gemacht, sondern spontan und ursprünglich gegeben ist. Die Existenz eines solchen jüdischen Bewußtseins wird oft als ein Zeugnis für den „nationalen" Charakter der jüdischen Gemeinschaft angeführt. Man schließt aus ihr, das. Stammesgefühl vermöge aus eigener Kraft die jüdische Gemeinschaft zusammenzuhalten, ohne religiöser Unterstützung zu bedürfen) die religiöse Ueberzeugung. die wohl auch in der Vergangenheit die eigentlichen Kräfte des jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins nur verhüllt habe, sei jedenfalls für den Fortbestand des Judentums entbehrlich. An den dargelegten Tatsachen hat ein solcher Schluß allerdings keinerlei Stütze. Denn es ist etwas grundsätzlich anderes, ob ein bestimmtes Motiv den Einzelnen in einer mehr oder minder großen Zahl von Fällen an der Gemeinschaft festhalten kann oder ob es als Basis für den Bestand der Gemeinschaft selbst ausreicht. Nur das erste hat die bisherige Erfahrung gezeigt. Der verhältnismäßig doch geringe Kreis derer, deren jüdisches Bewußtsein nicht auf religiösem Grunde ruht, steht an der Peripherie eines Gemeinschaftslebens, das seinem Kern nach von der Religion beherrscht wird. Von der Kraft des religiösen Gemeinschaftslebens wird der einzelne auch dann mitgetragen, wenn ihm persönlich die Religion nichts bedeutet. Sie wirkt in ihm nicht nur durch die Einflüße von Erziehung und Familientradition nach, sie lebt vor allem in der großen Mehrzahl der Juden fort und macht sie zu dem festen Kern der Gemeinschaft der den Bruchteil der religiös Indifferenten na sich festzuhalten vermag. Der ihm innewohnende Gemeinschaftsgeist belebt auch deren Gemeinschastsbewußtsein, die auf religiösem

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