KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 4 (1.1.1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2268830-2268874-2268879--1051-3522754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
74 Geisteslebens lwenkgstens mittelalterlicher Wissenschaft) Keimisch machte, mußte sich alles geistige Leben der reliaiösen Sphäre einsügen. Die Rechtsertianna der wissenschaftlichen und philosophischen Studien. die sie als Mittel für das vertiefte Verständnis und die vernünftige Begründung der offenbarten Reliaion betrachtet, ist mehr als einx bloße Fiktion. Sie bezeichnet den Gesichtspunkt, der die ganze Richtung dieser Studien beherrscht und sie dem religiösen Interessengebiet einglkedert, der die wissenschaftliche Literatur zu einem Bestandteil des religiösen Schrifttums macht. Innerhalb des Judentums vollzieht sich damit die gleiche Entwicklung, die das aanze Mittelalter beherrscht. Alle Kultur des Mittelalterruht sa auf religiösem Fundament, sowohl ihrem Inhalt wie — was nicht minder bedeutsam ist — ihrer Form nach. Seine Wissenschaft wie seine Kunst ist von religiösem und kirchlichem Geist erfüllt und kirchlichen und religiösen Zwecken dienstbar. Weithin ist die Kirche Trägerin der Bildung und organissert sie auch aus solchen Gebieten, die ihrem Inhalte nach von kirchlichen Interessen weit abliegen. Demgemäß scheiden sich die Kulturkreise des Mittelalters, wie man weiß, weit stärker religiös als national. Die ' Einheit der kirchlichen .Kultur überbrückt die nationalen Unterschiede in einem nie sonst gekannten Maße. Vollkommen international ist die Wissenschaft, die sich innerhalb des ganzen: christlichen Abendlandes der lateinischen Gelehrtensprache bedient und dadurch eine an keine nationale Grenze gebundene wissenschaftliche Gemeinsamkeit erzeugt, Für einen großen Teil der Kunst und der Dichtung gilt ganz ähnliches. .* Die ritterliche Dichtung ist, wenn sie sich auch nach den Volkssprachen.sondert, letztlich der Ausdruck einer internationalen höfischen Kultur, deren Einheit wiederum auf kirchlichem Grunde ruht. Sehr verwandte Verhältnisse herrschen in dem Kulturkreis des Islam, in dem die arabische Sprache die Stelle der lateinischen einnimmt und eine von Spanien bis Persien reichende geistige Gemeinschaft ermöglicht. Um so schärfer scheidet die Religion die Kulturkreise voneinander. Christliche und mohammedanische Kunst, christliche und mohammedanische Wissenschaft gehen ihre durchaus getrennten Wege. Vollkommen anders gestalten sich hier und dort die gesellschaftlichen Formen und die gesellschaftliche Blldung. Die weitgehenden gegenseitigen Beeinflussungen, besonders auf wissenschaftlichem Gebiet heben diese Teilung so wenig auf wie zu anderer Zeit entsprechende Berührungen zwischen national gesonderten Kulturgebieten. Die Juden bilden in dieser Welt einen eigenen südischen Kulturkreis, der dem christlichen und mohammedanischen zur Seite tritt. Sie mußten ihn bilden, wollten sie überhaupt an kulturellem Leben Anteil gewinnen. Auf das Ganze geleben, gilt das auch für die mohammedanischen Länder. Wenn hier auch die religiöse Bindung der Kultur eine weniger strenge ist und die arabische Literatnrsprache auch den Juden zugänglich ist, so bewirkt das in der Hauptsache nur, daß die Elemente profaner Kultur von hier aus in den südischen Bildungskreis einftrömen, ein dauernder Anteil an dem Bildungsleben des Islam selbst bleibt doch ausgeschlossen. So drängt von innen und von außen her alles zur Bildung einer selbständigen südischen Bildungsgeweinschaft, die das ganze geistige Leben der Juden umfaßt. Sie hat ihre Einheit an der hebräischen Sprache, die der lateinischen und arabischen ebenbürtig zur Seite tritt. So saßt sich das durch die ganze Welt zerstreute Judentum zu geistiger Einheit zusammen. Bei aller Abhängigkeit von arabischer Bildung bewahrt seine Kulturwell sich ihren eigenen Zusammenhang und ihr eigenes Leben. Gewiß kein Leben von unmittelbarer Ursprünglichkeit, aber doch stark genug, um Dichter von wirklicher Größe zu tragen und reich genug, um wissenschaftlich den benachbarten .Kulturkreisen gleichwertig zur Seite zu stehen und in ihrer Entwicklung wirkungsvoll einzugreisen. Abgelöst von seder politischen und territorialischen Grundlage besitzt so das mittelalterliche Judentum ein Eigenleben, das dem einer Nation nahe genug kommt. Das geistige Leben des Juden ist ungleich stärker in seiner Religionsgemeinschaft verwurzelt als in dem Volk, dessen Sprache er spricht und dessen Luft er atmet. Daran, daß der Bestand des Judentums auf religiösen Motiven ruht, wird dadurch nichts geändert. Aber auf dieser Grundlage erhebt sich ein Gemeinschaftsleben, das weit über die religiöse Sphäre hinaus das ganze geistige Dasein des Juden in sich befaßt. Diese Verhältnisse sind nicht nur von geschichtlichem Interesse. Bis in die Gegenwart hinein haben sie sich in Osteuropa und in den mohammedanischen Ländern erhalten. Den Reichtum und die Vielseitigkeit des südischen Geisteslebens in Spanien und seinen Nachbarländern darf man hier, wo das Talmutstudium mit ausschließlicher Einseitigkeit aevflegt wird, freilich nicht erwarten. Um so stärker aber ist gerade wegen dieser Enge das jüdische Leben in sich abgeschlossen. Nicht einmal die Umgangssprache, in der es während des Mittelalters nirgends eine