Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1914-01-01 · Heft 4 (1.1.1914) · p. Seite 71

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1913-1914
Issue
Heft 4 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 71 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2268830-2268874-2268879--1048-3522751
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

.71 jonticm gerabeftu hinderlich ift, wenn nwn in erster Linie um bie „nationale" Rubrizierung ber Juden bemüht ist, liegt auf ber Hanb. Auch hier gilt es, unbekümmert um bie Worte, sachlich festzustellen, auf welchen Faktoren ber Zusammenhang ber Juben untereinander wie mit ihrer Umgebung beruht, wie sich diese verschiedenen Beziehungen^gegenseitig beeinflussen, welche Eigenart und Starke bas aus jeder von ihnen erwachsende Gemeinschaftsbewußtsein besitzt. Alle diese Fragen werden natürlich auch in dem Streit um die nationaie Zugehörigkeit der Juden beständig berührt. Lautet die Fragestellung: „Sind die Juden eine religiöse oder nationale Gemeinschaft?" so handelt es sich um die Bedeutung religiöser und außerreligiöser Momente für den Zusammenhang des Judentums) lautet sie: „Bilden die Juden eine eigene Nation oder gehören sie anderen Nationen an?" so steht sachlich in Frage, welchen Umfang und welche Tragweite jede dieserBeziehungen besitzt. So werden wir gewiß keine funkelnagelneuen Tatsachen festzustellen haben. Aber erst eine wirklich auf die Sachen gerichtete Untersuchung wird es zur Klarheit in den Fragen bringen, die in ber üblichen Behanblungsweise niemals reinlich gestellt, geschweige methodisch erörtert werben konnten. Noch auf eine verhängnisvolle Konsequenz ber üblichen Behanblungsweise ist hinzuweisen. Die Behauptung, das Judentum sei feine nationale, sondern ausschließlich eine religiöse Gemeinschaft, kann meinen, baß lediglich religiöse Motive tatsächlich den Zusammenhang des Judentums bedingen. Sie kann aber ebensogut sagen »vollen, der Wert des Judentums, der seinen Fortbestand fordere und rechtfertige, liege ausschließlich auf religiösem Gebiet. Dieselbe Zweideutigkeit haftet der entgegengesetzten Anschauung an, die das Judentum für eine nationale Gemeinschaft erklärt, und sie überträgt sich unmittelbar auf die andere Wendung . der Frage, ob die Juden eine eigene Nation bilden oder anderen Völkern angehören. Nur scheinbar bewegt sich der Streit darüber, ob die Juben eine Nation „sind" oder nicht, auf dem Gebiet der Tatsachen. In Wirklichkeit gehen in ihm Urteile über das, was tatsächlich ist, mit sittlichen und politischen Ueberzeugungen und Forderungen ungeschieden ineinander. So ist es nicht der geringste Vorteil unserer veränderten Fragestellung, daß sie hier eine Scheidung eintreten läßt und die Feststellung der geschichtlichen Tatsachen von allen persönlichen Ueberzeugungen über den Wert des Judentums oder den Wert unseres Anteils am deutschen Leben abtöst. Diese Feststellung bildet den Ausgangspunkt aller Erwartungen über die zukünftige Entwicklung, wie sie zugleich auch eine klare Herausärbeitung der wahren Gegensätze der Ueberzeugungen möglich macht. Die Struktur der jüdischen Gemeinschaft. Die Juden haben von jeher -ebenso fraglos eine religiöse Gemeinschaft gebildet, wie sie durch Gemeinsamkeit der Abstammung und Geschichte und die daraus resultierendenUebereinstimmungen in geistiger und körperlicher Beziehung verbunden sind. Dennoch liegen dem Streit, darüber, ob das Judentum als religiöse oder „nationale" Gemeinschaft zu betrachten sei nicht bloß Fragen der Rubrizierung zugrunde. Denn der Charakter einer Gemeinschaft bestimmt sich nicht nach den Übereinstimmungen und Gemeinsamkeiten, die in ihrer Mitte anzutreffen sind, sondern nach den Faktoren, auf denen ihre Einheit und ihr Zusammenhang sowie die Gestaltung ihres Gemeinschaftslebens beruht. Stets spricht sich die Eigenart dieser Momente in dem Gemeinschaftsbewußtsein einer Gruppe deutlich aus. Je nach der Struktur der Gemeinschaft stützt sich ihr Zusammengehörigkeitsgefühl auf das Bewußtsein gemeinsamen Besitzes bestimmter Güter. In einer Gemeinschaft gleich dem Judentum, dessen Bestand seit der Zerstreuung der Juden wesentlich von dem Willen seiner Angehörigen abhängt, ist dieses Gemeinrschaftsbervußtsein mehr als nur der Ausdruck eines ihm zu Grunde liegenden Zusammenhanges. Die Motive, die den einzelnen an der Gemeinschaft sesthalten, sind hier »selbst die Grundlagen ihres Bestandes, die ihren Charakter bestimmenden Faktoren. Daß diese Motive religiöser Art sind, hätte - niemals bestritten werden sollen. Das ganze Mittelalter hindurch, ja fast bis zur Gegenwart, hätte nie ein Jude auf die Frage, weshalb er Jude 'bleibe, anders geantwortet, als daß er an der göttlichen Lehre festhalte und sie nicht verleugnen ' wolle. Soweit eine derartige Frage überhaupt in den Gesichtskreis des damaligen Juden trat, ging sie nur dahin, ob er die Religion seiner Väter mit einer anderen Religion vertauschen wolle oder nicht. Die Frageob er statt der jüdischen Gemeinschaft sich einer andern anschließen wolle, wäre ihm in dieser Fasiung einfach unverständlich gewesen. Nicht an die jüdische Gemeinschaft, sondern an die göttliche Lehre fühlte der einzelne sich unmittelbar gebunden) erst durch sie auch an die Gemeinschaft, die zur Verwirklichung dieser Lehre bestimmt ist. Die jüdische Literatur von anderthalb Jahrtausenden kennt kein anderes Gemeinschaftsbewußtsein als . dieses. Die Existenz Israels beruht auf dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.